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Der Tag, an dem die Erde stillstand
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Der Tag, an dem die Erde stillstand
Von Björn Helbig
In Der Tag, an dem die Erde stillstand kam 1951 unter der Regie von Robert Wise (Star Trek - Der Film) ein Außerirdischer auf die Erde, um die Menschheit zu warnen. Ferne Weltraumzivilisationen fühlen sich angesichts der irdischen Aggressivität und des atomaren Vernichtungspotentials nicht mehr sicher und stellen die Erdenbewohner deshalb vor die Wahl. Fast 60 Jahre später erzählt Regisseur Scott Derrickson (Der Exorzismus von Emily Rose) die Geschichte in seinem gleichnamigen Remake erneut. Doch diesmal stattet der außerirdische Botschafter der Erde keinen Besuch ab, weil sie eine Gefahr für andere Welten, sondern für sich selbst darstellt. An das Original reicht die Neuverfilmung trotz dieser zeitgemäßen Neuausrichtung allerdings nicht heran.

Die Wissenschaftlerin Dr. Helen Benson (Jennifer Connelly) bekommt aus heiterem Himmel Besuch von Regierungsbeamten, die sie nachdrücklich auffordern, sie zu begleiten. Anfangs ist ihr die Bedeutung der Situation unklar. Auf einem Militärstützpunkt werden Helen und andere Wissenschaftler schließlich aufgeklärt: Die Menschheit bekommt Besuch, ein unbekanntes Flugobjekt steuert direkt auf die Erde zu. Als es kurz darauf mitten im Central Park landet, gehört Helen zu den ersten Personen vor Ort. Aus dem Raumschiff steigt der Außerirdische Klaatu (Keanu Reeves), der eine Botschaft für die Menschheit im Handgepäck hat...

Mit Ausnahme des abgeänderten Prologs, der das menschliche Äußere Klaatus erklärt, gleicht die Story bis hierhin weitgehend der des Originals. Optisch hat Regisseur Derrickson hingegen vieles der heutigen Zeit angepasst. Das Raumschiff erinnert nicht mehr an eine plumpe Untertasse, sondern an ein unbekanntes plasma-organisches Objekt. Nach dem Auftakt verlässt die Geschichte allerdings den aus dem Original bekannten Verlauf: Klaatu wird unter hohen Sicherheitsvorkehrungen eingesperrt. Dass Derrickson und sein Autor David Scarpa sich nicht akribisch an die Vorlage halten ist gut. Immerhin wird so sichergestellt, dass der Film auch für Kenner des Originals spannend bleibt.

Und spannend ist der Film tatsächlich... Wer ist der Außerirdische? Was will er? Wie wird er sich aus der Gefangenschaft befreien? Nachdem seine Motive bekannt sind: Wie kann man ihn überzeugen, von seinem Vorhaben abzulassen? Das sind die Fragen, die den Zuschauer fesseln. Auch wenn sich im Mittelteil ein paar Längen einschleichen - im Großen und Ganzen sitzen die Daumenschrauben. Innerhalb der solide inszenierten Geschichte finden sich eine Reihe atmosphärischer Highlights. Etwa Klaatus Ankunft, seine Flucht sowie die an Stanislaw Lems Roman „Der Unbesiegbare“ erinnernde Aktivierung eines Kampfroboters (neben der Heilsalbe eine weitere gelungene Reverenz an das Original). Interessant ist auch die Bedeutungsverschiebung: War Klaatu damals noch ein gütiger Kerl, ist der Außerirdische im Remake lange Zeit nur schwer zu durchschauen.

Keanu Reeves (Matrix, Das Haus am See) ist der Richtige für den Job. Als „Freund der Erde“ strahlt er zwar keine Feindseligkeit, aber doch von Anfang an eine bedrohliche Fremdartigkeit aus, die schon früh eine Ahnung aufkommen lässt, was sein Auftrag sein könnte. Seine Macht und seine Kaltblütigkeit zeigt der Außerirdische zum ersten Mal, als die Mächtigen der Welt (exemplarisch verkörpert durch Kathy Bathes als Verteidigungsministerin) ihn einfach inhaftieren anstatt mit ihm in Kontakt zu treten. Als Gegenpart zu dieser düsteren Figur fungiert Helen Benson, die von Jennifer Connelly (Little Children, Blood Diamond) gewohnt überzeugend verkörpert wird. Helen und ihrem Stiefsohn Jacob (schwach: Jaden Smith) obliegt es, sowohl Klaatu als auch den Zuschauer davon zu überzeugen, dass nicht nur die Erde, sondern auch die Menschheit den Fortbestand verdient hat.

Trotz der interessanten Idee, der insgesamt überzeugenden Besetzung und unbestreitbarer Blockbuster-Qualitäten muss sich „Der Tag, an dem die Erde stillstand“ aber auch einige Kritik gefallen lassen. Das aufdringliche Product Placement (Microsoft Surface, Pioneer, LG) sticht schon stark ins Auge. Noch schwerer wiegen einige unplausible Passagen, die den Guckspaß Logik-sensibler Zuschauer doch erheblich mindern. Zu verschmerzen ist sicherlich die Szene, in der die Wissenschaftler-Elite Amerikas in vorderster Front an die noch nicht abgesicherte Absturzstelle des unbekannten Flugobjekts gekarrt wird. Das ist eben Science Fiction. Anders verhält es sich mit der Funktion von Will Smiths Sohn Jaden (Das Streben nach Glück), der Helens Sohn Jacob mimt: Mal wieder muss das „Unschuldige Kind“-Schema als Erklärungsmuster herhalten. Dieses funktioniert hier aber mehr schlecht als recht und motiviert Klaatus Gesinnungswandel nur unzureichend. Dabei wäre es gerade an dieser Stelle wichtig gewesen, den Plot mit größtmöglicher Überzeugungskraft auszustaffieren. In dieser Hinsicht war das Original deutlich besser.

Zudem ist es mehr als fraglich, ob die zahlreichen religiösen Anspielungen, die im Remake die Story des Originals ergänzen, wirklich nötig gewesen wäre. Gegen religiöse Bezüge in einem Film ist ja nicht generell etwas einzuwenden. In Zeiten, in denen die Evolutionstheorie aus Schulbüchern verbannt und im Namen der Religion Gewalt verübt wird, ist jedoch Vorsicht geboten. Im Falle von „Der Tag, an dem die Erde stillstand“ ist nicht ganz klar, warum sich dessen Macher entschlossen haben, eine ohnehin spannende und herausfordernde Geschichte zusätzlich religiös aufzuladen. Die ethischen Implikationen, die Fragen von Schuld, Gerechtigkeit und Verantwortung beinhalten auch von sich aus genug philosophischen Zündstoff. Durch die christlichen Motive (Sintflut, Arche und Erlöser), durch die Klaatu fast zu einer Art „American Jesus“ wird, kommt eine zusätzliche Ebene in den Film, die dessen Bedeutung eher verwässert als sie genauer herauszuarbeiten.

Fazit: „Der Tag, an dem die Erde stillstand“ ist trotz der erwähnten Schwächen ein unterhaltsamer Science-Fiction-Film, der dazu einlädt, sich Gedanken zu machen. Im Gegensatz zum Original wird das Remake aber nie den Status eines Klassikers erreichen - zu unplausibel sind die Wendungen, zu unpräzise und verwässert die Aussage.
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