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    4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage
    Von Christian Schön

    Unser Blick weitet sich nach Osten. Zu den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes konnte man feststellen, dass sich ein bekannter Trend fortsetzt. Diesen kann man zum Beispiel auch am Erfolg von Künstlern der neuen EU-Länder beim Eurovision Song Contest, oder auf dem politischen Parkett anhand der Pläne zur EU-Osterweiterung feststellen. Nun hinterlässt dieses Phänomen auch im Bereich Film seine Spuren. Filme aus Rumänien, Russland, Serbien und der Türkei sind in Cannes längst zum Normalfall geworden. Der Österreicher Ulrich Seidl hat in seinem Film Import Export zudem den „Kulturtransfer“ der speziellen Art zwischen Österreich und der Ukraine, zwischen West und Ost, genauer unter die Lupe genommen. Der Gewinner der Goldenen Palme, der wichtigsten Auszeichnung in Cannes, ging erstmalig in der Geschichte des Festivals an einen rumänischen Regisseur. Cristian Mungius zweiter Langfilm „Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage“ beschäftigt sich mit einer jungen Frau, die ihr Kind abtreiben möchte. Bereits kurz nach der Uraufführung im Rahmen des Festivalprogramms wurde das verstörende Werk als Liebling der Kritik gehandelt. Doch gerade wegen seiner subtilen Brutalität ist der Film nicht für jedermanns Gemüt zu empfehlen.

    Gabita (Laura Vasiliu) ist ungewollt schwanger geworden. Sie wohnt zusammen mit ihrer Mitbewohnerin und besten Freundin Otilia (Anamria Marinca) in einem Wohnheim. Ihr hat sie sich anvertraut und bekommt Unterstützung bei der Umsetzung ihres Plans, das Kind illegal abzutreiben. Die Zeit der Vorbereitung für den Eingriff ist nicht unproblematisch, da er im Geheimen stattfinden muss. Mit der Unterstützung von Otilias Freund Adi (Alex Potoecan) haben sich die zwei Mädchen das nötige Geld zusammengeborgt. Mit einer Ausrede im Gepäck kann es für Gabita losgehen. Ein Hotelzimmer soll für den Anlass gebucht werden. Mit dem Vorwand, dort besser lernen zu können, versucht Otilia ein Zimmer in dem vereinbarten Hotel zu buchen. Doch sie stößt auf Widerstand; eine Reservierung würde nicht bestehen. Entmutigt muss Otilia in einem anderen Hotel zu einem überhöhten Preis buchen. Anschließend macht sie sich auf den Weg, „Herrn Bebe“ (Vlad Ivanov) abzuholen, der Gabita bei der Lösung ihres Problems helfen soll. Dieser hat eigentlich Gabita erwartet, kommt aber verärgert dennoch mit. Als nun alle drei im Hotelzimmer zusammentreffen, beginnt die Voruntersuchung und die Verhandlung über die Zahlungsmodalitäten. Ihre Notlage bemerkend zwingt Herr Bebe die zwei Frauen, mit ihm zu schlafen, da er mit der Bezahlung ansonsten nicht einverstanden sei. Der Eingriff wird darauf mit primitiven Mitteln durchgeführt. Wieder unter sich fühlt Otilia sich jedoch von ihrer Freundin betrogen. Zuwenig hat diese sich selbst um die Angelegenheit gekümmert, sich an den zwielichtigen Arzt verweisen lassen, mit dem sie zu allem Überdruss noch schlafen musste. Deswegen zutiefst verstört, entschließt sich Otilia, auf die Geburtstagsfeier der Mutter von Adi zu gehen. Mit der Ungewissheit, ob Gabita ihren Abort allein durchsteht, verlässt sie das Hotel…

    In seiner Drastik in der Darstellung des Themas sucht „Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage“ seinesgleichen. Das Drehbuch zum Film stammt aus der Feder des Regisseurs und Produzenten Cristian Mungiu. Dieser gilt als großes Regiewunder Rumäniens. Für seine noch recht junge Karriere erfüllt Mungiu bisher alle in ihn gesetzte Hoffnung. Insgesamt produzierte er bisher vier Kurz- und zwei Langfilme. Über vier Preise bei sechs Nominierungen kann er sich bisher erfreuen, was eine überdurchschnittlich hohe Quote darstellt. Seinen Durchbruch kann Mungiu zweifelsohne mit der Auszeichnung der Goldenen Palme feiern. Die Ehrung gerade dieses Films steht im Zeichen dessen, was sich in den vergangenen Jahren in der französischen Hafenstadt ganz allgemein beobachten lassen konnte. Die Gewinner der letzten beiden Jahre ähneln in Kombination dem Werk Mungius. Mit Ken Loachs The Wind That Shakes The Barley teilt es seinen brisanten politischen Hintergrund, mit „L’Enfant“ des Gebrüdergespanns Dardenne den prekären Gehalt bei der Frage nach dem Nachwuchs. Dabei verwundert es bei einem Kinobesuch ohne spezielles Vorwissen, dass das Thema der Abtreibung, das in unserer Gesellschaft nur noch marginal diskutiert wird, in einem Land wie Rumänien noch so präsent ist.

    Die Filmhandlung ist in die späten 80er Jahre verlegt und spielt in Rumäniens größter Stadt Bukarest. Zu dieser Zeit steht das Land unter der Gewaltherrschaft von Nicolae Ceausescu. Der kommunistische Führer verbot die Abtreibung per Gesetz zum Wohle von Volk, Staat und Nation, da die kommunistische Nachkommenschaft die Zukunft und seine Herrschaft sichern sollte. Allerdings waren die Bedingungen zu dieser Zeit für Familien mit Kindern gelinde gesagt suboptimal. Unter Ceausescus Regide starben tausende Frauen an den Folgen von unsachgemäß durchgeführten Schwangerschaftsabbrüchen und der Schwarzmarkt, auf dem mit Verhütungsmitteln gehandelt wurde, blühte auf. Nur so ist es erklärlich, warum Gabita bereit ist, jeden Preis zu bezahlen, um die Abtreibung durchführen zu lassen. Ohne solche Vorkenntnis bleiben die Beweggründe für das Handeln der Personen im Film im Dunkeln, da jegliche Information über geschichtlich-politische Hintergründe ausgespart wurde. In ihrer verstockten Sprachlosigkeit verharren die Figuren selbst in den brutalsten Szenen, so wenn beispielsweise der leblose Fötus auf dem Fußboden im Bad gefunden wird. Zu erklären gibt es nichts, da alles so normal ist wie Geschirrspülen. Spürbar, wenngleich nicht sichtbar, ist das repressive Staatssystem jedoch permanent. Ständige, penibel durchgeführte Ausweiskontrollen sind an der Tagesordnung und werden bei kaum einer Gelegenheit ausgelassen. Jede Begegnung mit einem Mitbürger ist begleitet von verdächtigen, argwöhnischen Fragen.

    Das Ensemble des Films wartet mit hierzulande wohl eher unbekannten Gesichtern auf. Und dennoch sind es eigentlich Stars, die im Film zu sehen sind. Die gebürtige Rumänin Anamaria Marinca, die erst 2004 in die Filmbranche eingestiegen ist und dort für ihre Rolle in der TV-Produktion „Sex Traffic“ prompt ausgezeichnet wurde, hat enormes Potential, sich als Charakterdarstellerin zu etablieren. Für die Dreharbeiten verließ sie extra ihre derzeitige Wahlheimat England, wo sie auf der Theaterbühne nicht minder erfolgreich auftritt. Vlad Ivanov, der Herrn Bebe spielt, ist momentan einer der besten und beliebtesten Schauspieler Rumäniens. Der Regisseur berichtet, sichtlich beeindruckt, von dessen Fähigkeit, mehr als 20 Textseiten fehlerfrei reproduzieren zu können, ohne dass auch nur eine einzige Silbe verloren geht und die Intonation sogar exakt so eingehalten würde, wie dies vorher besprochen wurde. Ivanov ist mit seinen Fähigkeiten wie geschaffen, um in den Händen des Regisseurs Mungiu als Werkzeug zu dienen.

    Cristian Mungius Arbeitsweise am Set erinnert fast an den, von den Beteiligten meist gehassten, Perfektionismus eines Stanley Kubrick. Jedes Textdetail, jede Einstellung sind penibel nach den Vorstellungen des Regisseurs umgesetzt. Ein Umstand, der den Film zu einem handwerklichen Meisterstück geraten lässt. Gerade einmal eine einzige Szene, die gedreht wurde, fiel am Schneidetisch zugunsten der Intention aus dem Film heraus. Weniger an der Schönheit des Alltags interessiert als an einer authentischen Wirkung zielt die Ästhetik auf Härte und starke Kontraste. Gelegentlich gezielt eingesetzte Unschärfe und schnelle Bewegung, manchmal unruhig, um dann wieder kühl distanziert die strenge Symmetrie zu suchen, das sind die Kennzeichnen der psychologischen Kameraführung von Oleg Mutu. Die reduzierte Farbpalette und die Auswahl der atmosphärischen Drehorte lassen die grau-graue Welt des Kommunismus wiederaufleben.

    Handwerklich überzeugt „Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage“ also auf voller Linie. Zudem weiß der Film seine Zuschauer zu verstören und kann dadurch seine Wirkung eigentlich erst mit einem gebührenden Abstand voll entfalten. Ob seiner subtilen spannungsgeladenen Alltäglichkeit, die bis zur Unerträglichkeit durchgehalten wird, dürfte es für Zartbesaitete schwierig werden, ruhig und entspannt im Kinosessel sitzen zu bleiben. Letzteres gilt umso mehr auch für diejenigen, die an Horrorschocker und Thriller Gefallen finden, als Mungiu es versteht auf einer ganz anderen Ebene für emotionalen Tiefgang zu sorgen.

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