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Birdcage Inn
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Birdcage Inn
Von Björn Becher
Seinen Status als ein Liebling europäischer Festivals und Arthousekinogänger hat Kim Ki-Duk auch „Birdcage Inn“ zu verdanken. Sein dritter Film war der erste, der es ins Ausland schaffte und so für den in der eigenen Heimat eher weniger beachteten Filmemacher die Grundlage für den Erfolg schuf. Das bei weitem nicht so sperrig wie manch anderer Ki-Duk-Film gestaltete Drama ist dabei phasenweise brillant, vor allem, wenn die sich langsam entwickelnde Beziehung zwischen einer Prostituierten und der Tochter einer bürgerlichen Familie in den Mittelpunkt rückt. Daneben setzt Ki-Duk aber viel zu oft und zu selbstzweckhaft auf eines seiner Steckenpferde, die malerischen Bilder und bietet zudem bisweilen deutlich zu viel Leerlauf. So bleibt ein zwiespältiger Eindruck zurück.

Die schöne Jin-ah (Lee Ji-eun) verdient ihr Geld als Prostituierte und das an einem ungewöhnlichen Ort. Sie wohnt bei einer Familie und kann dort ihrem Gewerbe nachgehen. Die Mutter (Bang Eun-jin) behandelt sie zwar schlecht, freut sich aber über den willkommenen Zusatzverdienst für die Familie und zockt Jin-ahs Kunden bei den Getränken ab. Der Vater (Jang Hang-seon) ist bei aggressiven Freiern als Rausschmeißer zur Stelle, zeigt aber eine klare Schwäche für die hübsche Untermieterin und vergewaltigt sie auch im Fortlauf des Films. Der junge Sohn (Ahn Jae-mo) belauscht sie mittels einer installierten Abhöranlage, onaniert dabei und träumt davon, sein erstes Mal mit ihr zu erleben. Außerdem überredet er sie zu Aktfotos, die er schließlich an ein Pornomagazin verkauft. Eine besondere Beziehung besteht zur studierenden Tochter des Hauses. Die sehr burschikose Hye-mi (Lee Hae-eun) zeigt Jin-ah trotz derer Versuche Freundschaft zu schließen, die kalte Schulter. Ihr Motiv ist die Eifersucht, nicht auf Jin-ah, sondern auf deren Freier. Und dann taucht auch noch ein gewalttätiger Bekannter (Hyeong-gi Jeong) aus Jin-ahs Vergangenheit auf...

Visuell ist bei einem direkten Vergleich zwischen „Birdcage Inn“ und Kim Ki-Duks zwei Jahre zuvor entstandenem Debütwerk Crocodile nicht nur eine Weiterentwicklung zu spüren, sondern der kontrovers diskutierte Arthouse-Regisseur hat hier schon nahezu seinen finalen Stil gefunden. Aber das schadet dem Film mehr, als es ihm nutzt. Während „Crocodile“ von einer erfrischenden Rohheit ist, die körnigen, direkten Bilder die Brutalität verstärken und die poetischen Unterwasseraufnahmen daneben als wunderbarer Kontrast bestechen, überschreitet Ki-Duk trotz karger Farben nun mehrfach die Grenze zwischen Poesie, Schönheit und Kitsch. Er schwelgt viel zu oft in malerisch-tristen Bildern, die einfach zum Selbstzweck verkommen.

Hervorragend funktioniert Kim Ki-Duks Drama dagegen in seinen zentralen Punkten. Zum einen der Beziehung zwischen den beiden Frauen, die zwar schon nach wenigen Minuten als gegenseitige Liebe erkennbar ist, aber einige wunderschöne Momente bereit hält - vor allem, wenn Hye-mi entdeckt, dass auch Jin-ah etwas für sie empfindet, sie aufsucht, dann aber beim Sex beobachten muss. Oder wenn sich die Frauen gegenseitig nachstellen, sich abwechselnd heimlich in der Stadt beobachten und (in zwei exzellent parallel geschalteten Momenten) sich dabei jeweils einmal in einem Spiegel entdecken. Zudem funktioniert „Birdcage Inn“ als Blick auf die Bigotterie der südkoreanischen Gesellschaft. Öffentlich ist der Sex verpönt, die Tochter soll gefälligst als Jungfrau in die Ehe gehen. Doch die Prostituierte wird im eigenen Haus geduldet, die Männer, solange es nicht die eigenen sind, müssen sich ja bitte austoben dürfen. Allerdings möge die Prostituierte ihre Arbeit doch so verrichten, dass die Kinder davon nichts mitbekommen. Die Verlogenheit ist offensichtlich.

Dass gerade die Momente zwischen Hye-mi und Jin-ah so gut funktionieren, liegt auch an den überzeugenden Darstellerinnen. Sowohl Hae-eun Lee (Nowhere To Hide, „Das Lied der treuen Chunhyang“) als auch Ji-eun Lee geben den so unterschiedlichen Charakteren das richtige Gesicht. Obwohl beide Außenseiter sind und unter der Männerwelt zu leiden haben, werden sie als sehr starke Figuren dargestellt, die einen Ausweg finden können.

Fazit: Mit „Birdcage Inn“ machte Kim Ki-Duk den entscheidenden Schritt, der ihn später zum gern gesehenen Stammgast europäischer Festivals werden ließ. Die Elemente seiner späteren Meisterwerke „Seom – Die Insel“, Frühling, Sommer, Herbst, Winter... und Frühling oder Bin-Jip sind klar erkennbar, allerdings noch nicht in Perfektion ausgereizt. Denn wo die Mischung aus Gewalt, poetischen Bildern, der extrem reduzierten Inszenierung (kaum Kamerafahrten, fast kein Score) und der oftmaligen Sprachlosigkeit der Figuren ein starkes Zusammenspiel ergibt, findet Kim Ki-Duk hier mehrfach nicht die richtige Mischung. Dies passiert vornehmlich dann, wenn er sich von der Geschichte um die beiden Frauen entfernt. Gerade in den Momenten mit diesen, spielt er allerdings seine ganze Klasse aus und wird nicht nur seine Anhänger mit dem interessanten Frühwerk und dessen berührender letzten Einstellung überzeugen.
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