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    ostPunk! too much future
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    ostPunk! too much future
    Von Christian Schön

    Hinter dem Dokumentarfilm „OstPunk! too much future“ versteckt sich ein ganzes Ausstellungsprojekt. Bereits 2005 war in Berlin eine Ausstellung zu sehen, die die Zeugnisse einer Subkultur der DDR zur Schau stellte – die Punkszene. Parallel zur bundesweiten Premiere der Dokumentation startet in Dresden die zweite Runde der Ausstellung too much future. Dabei übernimmt der Dokumentarfilm von Carsten Fiebeler die Funktion, das Projekt „Vergangenheit und Zukunft der damaligen Punker“ zu untersuchen. Die Intention der Organisatoren bei der Gesamtunternehmung ist jedoch nicht, die damalige Zeit zu glorifizieren und die Gegenbewegung zum ideologischen Regime in einem positiven Licht erscheinen zu lassen. Allerdings gibt es auch keinen Anlass, nicht aus nostalgischen, oder auch ostalgischen, Beweggründen heraus einen amüsanten und gut gestalteten Blick in Form dieser Dokumentation auf die Punkkultur des Ostens zu werfen, wenngleich sich diese Sichtweise nicht automatisch einstellt.

    In Guido-Knopp-Manier erzählt der Dokumentarfilm „OstPunk! too much future“ die Lebensgeschichten von sechs Menschen (Cornelia Schleime, Bernd Stracke, Colonel, Daniel Kaiser, Mita Schamal und Mike Göde), die in der ehemaligen DDR in verschiedensten Bands und Bewegungen partizipierten. Damals kreuzten sich zum Teil die Lebenslinien der einzelnen Ex-Punker oder weisen durch Zufall frappante Parallelen auf. Jeder von ihnen erzählt seinen persönlichen Weg zum Punkerdasein, erläutert die zu Grunde liegende Motivation und beschreibt den spezifischen Karrierewege von damals bis heute. Von den damaligen Ereignissen zeugen diverse Dokumente, die zu den Erzählungen eingeschnitten werden, wobei auf bisher unveröffentlichtes Material zurückgegriffen werden konnte. Daneben erscheint immer wieder in bildhafter Form die DDR der Zeit, also das System gegen das rebelliert wurde. Kontrastiert werden diese Bilder von Dokumentaraufnahmen der aktuellen Lebensumstände, in die die sechs Hauptakteure heute in beruflicher und privater Hinsicht gefunden haben. Ein letztes gemeinsames Punkkonzert stellt den Höhepunkt der Wiederbegegnung mit der Vergangenheit dar.

    Die Internetseite der Ausstellungsmacher beschreibt die Kultur des Punkundergrounds im Osten als ein genuin von dem Pendant im Westen Verschiedenes. Diese Beschreibung trifft den Kern der Sache jedoch nicht. Die Gleichung Westpunk gleich popkulturelles Phänomen vs. Ostpunk gleich politisches Phänomen beschreibt lediglich zwei verschiedene Ausformungen derselben Figur. Gerade das frühe 20. Jahrhundert hat mit den künstlerischen Avantgardebewegungen dies sehr anschaulich gezeigt. Künstlerbewegungen dieser Zeit, wie beispielsweise die um Filippo T. Marinetti in Italien, forderten gesellschaftliche Veränderungen, Revolution wenn man so will, und das, wenn nötig nicht nur mit künstlerischen Mitteln, sondern mit Waffengewalt. Die gewaltverherrlichende Tendenz und die Kriegsbegeisterung der Futuristen, die in der Folge freudetrunken in den Ersten Weltkrieg zogen, brachte vielen der Anhänger den Tod. Das paradoxe Ende des Futurismus liegt heute in der Tatsache begraben, dass wir die Bilder und Werke dieser Künstler in Ausstellungen und Museen betrachten, wo sie keine sozialgesellschaftliche Wirkung mehr haben, und rein in der Kontemplation genossen werden.

    Genau das passiert nun mit der Punkbewegung der Volksgenossen. Diese Bewegung hat sich in eine historische Gewordenheit verwandelt, ist abgeschlossen, nunmehr ohne Wirkung, und kann als solche Gegenstand einer Ausstellung werden. Der Dokumentarfilm, Teil der Ausstellung, übernimmt in der Konzeption derselben einen wichtigen Part. Im Film nämlich werden die Geschehnisse von damals aus der historisch-kritischen Distanz reflektiert. Eine solche kritische Reflexion, die zudem von den damaligen Aktivisten durchgeführt wird, repräsentiert den Akt innerhalb der Kontemplation, der die politisch-künstlerische Punkbewegung endgültig abschließt.

    Dabei versucht der Film genau diese Grenze wiederum verschwimmen zu lassen, und damit Freiräume zu schaffen, die die Grenzen durchlöchern und eine Verbindung in die Jetztzeit ermöglichen. Parallel zu den Film-, Ton- und Bilddokumenten der Jahre 1979 bis 1989 wurden sechs der damaligen Beteiligten wieder zusammengebracht, um einerseits die persönlichen Hintergründe von damals zu erhellen, und aber um andererseits die Vergangenheit zu re-inszenieren, sie wiederaufführbar zu machen, zu neuem Leben zu erwecken.

    In den geschaffenen Zwischenräumen, den Leerstellen entstehen jedoch zugleich auch Orte der Ironie. Zwischen den Bildern und zwischen den Zeilen des Gesprochenen entwickelt sich ein unheimliches humoristisches Potential. Was zu der Zeit des Widerstands bitterer Ernst war, erscheint aus der Perspektive des Alters als Jugendsünde, aus der Perspektive der Ästhetik als Rebellion gegen den grauen Einheitsbrei des Regimes. Aber – und hier leistet der Film Enormes – aus den Jugendlichen von damals sind gereifte Persönlichkeiten geworden, die einen nüchternen Blick auf die damalige Untergrundbewegung werfen. Durch die manchmal gnadenlose Selbstironie der Erzählenden in der Kombination mit dem Bildmaterial entspinnt sich ein breit gefächerter Einblick in die Distinktionskategorien und Substrukturen der Bewegung, wie es ihn in der Form bisher nicht gab.

    Doch woher kommt dieses enorme humoristische Potential? Eine mögliche Erklärung liefert der Blick auf den aktuellen Umgang mit der deutschen Vergangenheit im Film. Die Nostalgiewelle, die mit Das Leben der Anderen vor kurzem den Weg paradigmatisch und mit Preisen ausgezeichnet fortgeschrieben hat, geht seit Jahren mit dem Bilder- und Vorstellungsschatz der Kultur der DDR produktiv um. In Good Bye, Lenin!, NVA oder Sonnenallee wurden, mehr oder weniger gelungen, die Möglichkeiten der, um ein unglückliches Wort zu benutzen, Vergangenheitsbewältigung auszuloten und zu nutzen. Dabei muss gesehen werden, dass die zwei Arten des Umgangs mit dem Vergangenen – also das Fortschreiben des Mythos einerseits, und der Versuch der Dekonstruktion desselben andererseits – gleichermaßen dazu beitragen, ein Bild der Vergangenheit zu etablieren mit dem man irgendwie leben kann. Dabei hat sich herausgemendelt, das Leben der Genossen drüben, auf der anderen Seite der Mauer, eher zu belächeln und verharmlosend provinziell zur Darstellung zu bringen. Ähnliches geschieht im Übrigen auch mit der gesamtdeutschen Vergangenheit. Jeder gut gemeinte Versuch ernsthaft und authentisch von einzelnen Aspekten des vergangenen kulturellen Lebens zu berichten, hat mit diesem Bild im Hintergrund zu rechnen, das als Folie im Gedächtnis der Zuschauer mitgedacht, dadurch mit gesehen wird.

    Doch gibt es nicht nur Komisches in „OstPunk! too much future“ zu sehen. Das ästhetische Programm auf der einen Seite legitimierte und etablierte nämlich andererseits eine Kultur der Gewalt. Diese Gewalt war eine Gewalt der Bilder. Passte man nicht in das Bild der Punker, war man ein Feind, den es mit allen Mitteln zu bekämpfen galt. Dieser Kampf war letzten Endes also auch ein Kampf der Mode. Denn bekämpft wurden nicht nur die vom Staat designten Systemkonformen, bekämpft wurden zum Beispiel auch Punker vom Land mit falschem modischen Gespür. Die prinzipielle Gewaltbereitschaft scheint, wenn man die gebrüllten Texte der Punkrocker näher besieht, allerdings nicht zu überraschen. Im Film wird einem diese Einsicht vor allem dadurch erleichtert, dass die Texte parallel zu den Auftritten der Bands eingespielt werden oder von den sechs Erzählern nachgesprochen werden.

    Unter anderem mit solchen Feinheiten, neben denen der Film noch viele weitere Raffinessen der Montage sowie der digitalen Bildbearbeitung, verwendet, ist der Regisseur Carsten Fiebeler („Die Datsche“ und Kleinruppin forever) in gewisser Hinsicht gescheitert. Oder besser: zum Glück gescheitert. Denn „OstPunk!“ ist nicht, wie die Presseinformation glauben machen will, ein Film der „ebenso laut und authentisch wie das politische und ästhetische ‚Nein’ von Punk“ ist. „OstPunk!“ wurde vielmehr mit vielerlei, aufwendigen Schnörkeleien gestaltet, erzählt in Ruhe und mit gebührendem Respekt von den Protagonisten, und räumt auch für emotionale Momente genügend Raum ein.

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