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Powder Blue
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
1,0
schlecht
Powder Blue
Von Jan Hamm
In Sekundenbruchteilen zwischen unterschiedlichsten Themen umherspringen, das ist beim alltäglichen Surfritt durch die Weiten des Internet eine Selbstverständlichkeit – dem Hyperlink sei Dank. Und weil Filme immer auch ein Spiegelbild ihrer medialen Umwelt sind, muss es folgerichtig „Hyperlink Movies“ geben. Von US-Kritikerpapst Roger Ebert salonfähig gemacht, bezeichnet der Term den Kunstgriff, komplett unabhängige Handlungsfäden im Verlauf des Films zu überkreuzen. Das hat dramatisches Potential und geht nicht selten der ganz großen Frage hinter dem Wesen der Begegnung nach: Schicksal oder Zufall? Prominente Vertreter der hippen Erzähltechnik sind Paul Haggis’ dreifacher Oscar-Abräumer L.A. Crash und Paul Thomas Andersons dreifach Oscar-nominierter Magnolia. Mit „Powder Blue“ eifert Timothy Linh Bui seinen Vorbildern nach – und scheitert dabei auf ganzer Linie. Eine den Inhalt konterkarierende Inszenierung und der peinliche Auftritt von Schauspiel-Titan Forest Whitaker sorgen dafür, dass die wenigen guten Ansätze des pathetischen Großstadt-Dramas einfach verpuffen. Immerhin dürfte „Powder Blue“ das Kritikervokabular einmal mehr erweitern – und zwar um das „Deadlink Movie“.

In der Kälte des vorweihnachtlichen Los Angeles treffen vier einsame Seelen aufeinander. Rose (Jessica Biel, Chuck und Larry, Next) ackert sich im Striplokal ab, um die Behandlung ihres komatösen Sohnes (Chandler Canterbury) abzusichern. Dort begegnet sie dem todkranken Ex-Gauner Jack (Ray Liotta, GoodFellas, Crossing Over), der sich nach einem Vierteljahrhundert hinter Gittern auf die Suche nach seiner Tochter begeben hat. Roses entlaufener Hund wird derweil vom neurotischen Bestatter Qwerty (Eddie Redmayne, Die Schwester der Königin) aufgelesen. Dank einer Suchanzeige findet er ihre Adresse heraus und sputet sich auf zur mysteriösen Fremden, um die Beziehung zum Vierbeiner gegen substanzielle Nähe einzutauschen. Zuvor aber muss er dem suizidalen Ex-Priester Charlie (Forest Whitaker, Der letzte König von Schottland, Street Kings) ausreden, sich gegen Cash umnieten zu lassen. So zirkulieren die Vier im Winterdunkel umeinander und versuchen, den Sackgassen ihrer Lebensläufe zu entkommen...

Das suggeriert der Film zumindest. Tatsächlich tangieren sich die Figuren bloß abseits der Quartett-Anordnung. Rose entwickelt seperate Beziehungen zu Jack und Qwerty, während Charlie einzig und alleine im Bestattungsunternehmen beim delegierten Selbstmordversuch einen Bezug zum Rest spendiert bekommt. Die wichtigste Komponente einer Hyperlink-Erzählung wird damit verfehlt: Die stimmige Synthetisierung vorerst autonomer Handlungsfäden. Auch für sich genommen haben die vier Schauplätze nichts zu bieten. Das liegt vor allem daran, dass Linh Bui seine Figuren nicht im Ansatz ernst nimmt. Noch vertretbar sind Jacks unbeholfene Näherungsversuche an Rose, denen Ray Liotta einen melancholischen Hauch verleiht. Wenn das ödipale Verhältnis der beiden dann allerdings als großer Twist verkauft wird, dürfte sich der aufmerksame Teil des Publikums ordentlich vor den Kopf gestoßen fühlen.

Richtig böse hat es Jessica Biel und Forest Whitaker erwischt. Mit vollem Körpereinsatz wirft Biel sich ins Gefecht. Männliche Zuschauer wird es freuen, der Tragik der Figur aber steuert Linh Buis lustvolle Inszenierung ihrer weiblichen Kurven frontal entgegen. Schlüpfrig bebildert er Roses barbusige Stripeinlagen, obgleich ihr unter den Fittichen ihres Chefs und Möchtegern-Zuhälters (Patrick Swayze) ein unmittelbarer Absturz in die Prostitution droht. Zuletzt hat Darren Aronofsky in The Wrestler gezeigt, wie man das Milieu verscherbelter Körper frei von Voyeurismus einfängt. Dass Körperlichkeit derweil keineswegs banal sein muss, hat Natalie Portman mit ihrem atemberaubenden Strip zwischen Erotik, Aggression und Verstörung in Mike Nichols Hautnah eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Linh Buis Herangehensweise hingegen ist schlicht würdelos.

Forest Whitaker schlussendlich hat die undankbare Aufgabe, die ausufernd-kitschige esoterische Schlagseite von „Powder Blue“ schultern zu müssen. Seit Charlies junge Gattin bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, steht er im Zwist mit seinem Herrgott. Zumindest solange, bis er ihr in einer dank Weichzeichner stilistisch völlig entgleisten Himmelsvision begegnet und gesteckt bekommt, dass sie da oben auf ihn wartet. Also alles halb so wild, oder? Wenn der Hühne dann mit weihevoll ausgebreiteten Armen in knallblauem Schneekristallgestöber (eine konstruierte Parallele zum Froschregen in Magnolia) vor wirbelnder Kamera posiert, drängt sich die Frage auf, ob hier nicht doch eher ein Feature des Kanal Telemedial über den Schirm flimmert. Mit tumbem Pathos schließt „Powder Blue“ seine wirre Beobachtung einsamer Großstädter ab, ohne über Phrasen und Schaulust hinaus etwas zu transportieren. Eine Erkenntnis bleibt dennoch: Episodenerzählungen sind nicht per se chic. Der Hyperlink zu „Powder Blue“ kann getrost ungeklickt übergangen werden.
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