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    Der Adler der neunten Legion
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Der Adler der neunten Legion
    Von Florian Koch
    Gibt es bald wieder eine neue Sandalenfilm-Welle? Für eine solche Behauptung ist es vielleicht noch etwas zu früh, aber das Genre scheint auf jeden Fall wieder an Beliebtheit zu gewinnen. Während sich im TV nach der Erfolgsserie „Rome" auch der „Spartacus"-Ableger als Hit erweist, wird in Hollywood bereits fieberhaft an einer „Cleopatra"-Monumentalfilmproduktion mit Angelina Jolie in der Titelrolle gearbeitet. Und im vergangenen Jahr hat Neil Marshall mit „Centurion" vorgemacht, wie man das Splatter- mit dem Historien-Genre unterhaltend vermischt. Inhaltlich in Marshalls Fußstapfen tritt nun Kevin Macdonald („Der letzte König von Schottland", „State of Play") mit „Der Adler der Neunten Legion". Auch der Schotte widmet sich in seinem Epos dem mysteriösen Verschwinden der Neunten Römischen Legion, setzt seine Handlung aber knapp 20 Jahre nach „Centurion" an. Und auch wenn die Verfilmung des Bestsellers von Rosemary Sutcliff einige blutige Szenen aufweist, ist Macdonalds Ansatz doch ein ganz anderer. Ihm schwebte für „Der Adler der Neunten Legion" ein quasi-dokumentarischer Abenteuerfilm vor, der sich ganz bewusst von der fiktionalisierten Opulenz eines „Gladiator" abhebt.

    Im Jahr 140 nach Christus steht das Römische Imperium immer noch unter einer Art Schockstarre. Grund dafür ist das spurlose Verschwinden der Neunten Legion im Norden Kaledoniens, dem heutigen Schottland. 5.000 Männer sind von dem Feldzug nicht mehr zurückgekehrt, darunter auch der Vater des aufstrebenden Soldaten Marcus Aquila (Channing Tatum). Getrieben von seinem Verlangen, den Verschollenen zu finden und damit auch den Adler, das Goldene Feldzeichen der Neunten Legion, zurück ins Römische Reich zu holen, lässt sich Marcus in eine kleine Festung im Südwesten Britanniens versetzen. Nach und nach gewinnt er den Respekt seiner Truppe, bis er bei einem Ausfall schwer verwundet wird. Marcus wird nahegelegt, ruhmreich aus der Armee auszutreten und seinen Lebensabend bei seinem Onkel Aquila (Donald Sutherland) zu verbringen. Widerwillig folgt der Niedergeschlagene dem Befehl. Aus seiner Lethargie wacht Marcus erst wieder auf, als er davon hört, dass der verschwundene Adler im Norden jenseits des Hadrianwalls gesichtet worden sein soll. Gemeinsam mit dem undurchsichtigen Sklaven Esca (Jamie Bell), den Marcus bei einem Gladiatorenkampf vor dem sicheren Tod gerettet hat, macht er sich auf die gefährliche Reise ins unbekannte Feindesland...

    Sowohl inhaltlich wie auch ästhetisch ist „Der Adler der Neunten Legion" eine äußerst mutige Produktion. Es verwundert deshalb gar nicht, dass die Entwicklung des Projekts so lange gedauert hat. Aber das Baby des britischen Filmproduzenten Duncan Kenworthy („Vier Hochzeiten und ein Todesfall", „Tatsächlich Liebe") sollte unter den besten Bedingungen zur Welt kommen - und auf gar keinen Fall von Hollywood verkorkst werden. Nachdem der vorgesehene Regisseur Mike Newell („Prince Of Persia - Der Sand der Zeit") ausstieg, sprang der aufstrebende junge Filmemacher Kevin Macdonald ein. Der ehemalige Dokumentarfilmer („Sturz ins Leere", „Ein Tag im September") eignete sich nicht nur wegen seiner schottischen Herkunft für „Die Adler der neunten Legion". Sein realistisch-dynamischer Erzählstil, der schon in „Der letzte König von Schottland" Idi Amins Schreckensherrschaft glaubwürdig nachzeichnete, passte perfekt zu Kenworthys Interessen. Von den Rüstungen, den Waffen, der Lagerbauweise bis hin zu den Schlachtenszenen – alles sollte dokumentarisch wirken, nicht wie in „Gladiator" filmisch überhöht werden. Zum weitgehenden Gelingen dieser Intention trägt am Ende vor allem die Kameraarbeit des Oscarpreisträgers Anthony Dod Mantle („Slumdog Millionär") bei. Wie schon in den Werken von Lars von Trier und Danny Boyle setzt Dod Mantle auf einen exzessiven Handkameraeinsatz und bleibt dabei immer dicht an den Figuren. Diese erprobte Technik sorgt nur in den wenigen Actionszenen für Probleme. Sicher, die Zusammenstöße der Kämpfenden wirken realistisch, aber mit dem bloßen Auge ist häufig gar nicht zu erkennen, wer hier gerade wen niedermäht. Es fehlen das Raumgefühl und die Übersicht bei all den verwackelt-verkanteten Einstellungen.

    Dennoch zählt die düster-dreckige Ästhetik eindeutig zu den Stärken von „Der Adler der neunten Legion". Der Film erreicht in den Kampfszenen allerdings eine Brutalität, die mit dem Anspruch des Jugendbuchs von Rosemary Sutcliff nichts mehr zu tun hat. Diese Härte setzt sich in der Figurenzeichnung fort. Wer eine Liebesgeschichte sucht, wird in Macdonalds Film nicht fündig, Frauen spielen in dieser römischen Macho-Männerwelt keine Rolle. Eine Amazone des Bösen wie sie Olga Kurylenko in „Centurion" darstellte, hätte aber auch nicht zum realistischen Anspruch von „Der Adler der neunten Legion" gepasst.

    Konsequent bleiben alle Filmfiguren ambivalent, auch aus diesem Grund will sich nie so Recht eine im Drehbuch angelegte Buddy-Movie-Atmosphäre zwischen Marcus und Esca einstellen. Immer wieder führt Macdonald dem Zuschauer vor Augen, dass die Mitstreiter wider Willen aus verschiedenen Welten stammen, eine Freundschaft deswegen nur bedingt möglich ist. Es gelingt ihm hervorragend, in verschiedenen Machtspielchen und Sticheleien die Rolle der Unterdrückten und der Unterdrücker kritisch zu hinterfragen. Dabei nimmt Macdonald keine Rücksicht auf kommerzielle Interessen. Oder wann hat man es schon in einem großen amerikanischen Film erlebt, dass die positiv gezeichnete Hauptfigur urplötzlich auch Kinder tötet, wenn sie es für richtig hält?

    Die Konsequenz und Glaubwürdigkeit in der Figurenzeichnung lässt sich leider nicht auf die Besetzung übertragen. Macdonalds Idee, alle Römerrollen mit US-Amerikanern zu besetzen, um eine versteckte Imperialismuskritik einzubauen, ist löblich, geht aber schief. Denn Channing Tatum („G.I. Joe - Geheimauftrag Cobra") ist nicht in der Lage, seinem komplexen Charakter die nötige Tiefe zu verleihen. Physisch mag er der Rolle gerecht werden, aber die stoische Mimik lässt niemals die Verletzlichkeit und Tiefe seiner Figur erahnen. Der immer noch jugendlich wirkende Jamie Bell („Billy Elliot") macht seine Sache besser, wechselt gekonnt zwischen Stolz, Aggression und Anteilnahme. Die Nebenrollen sind solide besetzt, auch wenn Tahar Rahim („Ein Prophet") als grimmig bemalter Robbenprinz genauso wie Mark Strong („Kick-Ass") als überlebender Römer Guern zu wenig Gelegenheiten bekommt, um sein enormes Talent auszuspielen.

    Es sind nicht die Besetzungsfehler oder die kleinen Patzer (warum sind die Hauptfiguren mitten in den Wäldern Schottlands auch nach Tagen frisch rasiert?), die Kevin Macdonalds Abenteuerepos am Ende doch zu einem zwiespältigen Erlebnis machen. Denn was helfen eine bewusst bedächtige Erzählweise, eindrucksvolle Landschaftsaufnahmen und eine stimmige Atmosphäre, wenn in der letzten Viertelstunde der ganze realistische Überbau mit einer primitiven Heroisierung zu Nichte gemacht wird, die in ihrer Überhöhung von Ehre- und Vaterland-Werten fast schon faschistische Züge trägt. Diese unnötige Aufgabe des eigenen Authentizitäts-Anspruchs ist umso bedauerlicher, weil Macdonald mit „Der Adler der neunten Legion" zuvor 90 Minuten lang bewiesen hat, wie man realistisches Historienkino spannend und intelligent erzählt.
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