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New York, I Love You
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
New York, I Love You
Von Christian Horn
Die Kurzfilmkompilation „New York, I Love You“ ist der geistige Nachfolger von Paris, Je T'aime: Hier wie dort haben sich zeitgenössische, oft namhafte Regisseure gefunden, um einer (Kino-)Metropole in einer Reihe von Kurzfilmen zu huldigen. Außerdem wurden beide Projekte von Produzent und Drehbuchautor Emmanuel Benbihy initiiert, der aktuell bereits an der Umsetzung von „Shanghai, I Love You“ sitzt. Bei „New York, I Love You“ sind neben Fatih Akin (Gegen die Wand), Mira Nair (Vanity Fair) und Brett Ratner (X Men - Der letzte Widerstand) zwar auch eine Reihe eher unbekannter Filmemacher mit von der Partie, geschadet hat dies dem Film jedoch nicht – im Gegenteil: In der Gesamtschau ist die New-York-Variante dem Paris-Film deutlich überlegen. Und auf der Darstellerseite hat die Fortsetzung dann auch einiges an Star-Appeal zu bieten: Orlando Bloom (Herr der Ringe), Christina Ricci (Anything Else), Andy Garcia (Ocean's Eleven), Julie Christie (An ihrer Seite), Ethan Hawke (Gattaca), James Caan (Misery) und Natalie Portman (Hautnah), die selbst auch die Regie einer Episode übernahm, sind nur einige der große Namen, die sich auf der Besetzungsliste wiederfinden.

Die insgesamt elf Episoden drehen sich allesamt um zwischenmenschliche Beziehungen. New York an sich dient für die universellen Geschichten dabei mehr als Schauplatz und weniger als eigenständiger Protagonist – nur in wenigen Beiträgen wird die Stadt explizit thematisiert. Dafür werden beinahe alle berühmten Schauplätze der Metropole in Szene gesetzt: darunter der Central Park, die Upper East & West Side oder Greenwich Village. Soho und Chinatown sogar gleich zwei Mal. Es gibt aber auch Szenen, die in Hotels, Restaurants oder der verlotterten Wohnung eines Filmmusik-Komponisten spielen. Dass die Storys als solche auch anderswo spielen könnten, ist kein Problem: Weil jedes einzelne Bild in New York gefilmt wurde, wird das Versprechen des Titels ganz automatisch - gleichsam nebenbei - eingelöst.

Die einzelnen Beiträge gehen dank der Auslassung von Titeleinblendungen direkt ineinander über (die Übergänge wurden von Randall Balsmeyer inszeniert), was den Eindruck entstehen lässt, die verschiedenen Episoden würden zur selben Zeit – nur eben an einer anderen Straßenecke – spielen. Die für Kurzfilm-Sammlungen üblichen Ermüdungserscheinungen aufgrund von Reizüberflutung, die sich beispielsweise auch bei Chacun Son Cinéma und Deutschland 09 einstellten, bleiben bei „New York, I Love You“ zwar nicht gänzlich aus, werden aber nie chronisch. Das lässt die durchweg hohe Qualität der Episoden, die allesamt sehr ökonomisch erzählt werden, schlichtweg nicht zu. Tatsächlich gibt es zwischen den Segmenten keinen wirklichen Ausreißer nach oben oder unten - von daher macht es auch keinen Sinn, hier einzelne Episoden besonders hervorzuheben.

Vom Ansatz und der Inszenierung her gehen die einzelnen Kurzfilme natürlich dennoch auseinander: Während manche Episoden vornehmlich von geschliffenen Dialogen (wie die von Yvan Attal) leben, arbeiten andere in erster Linie mit bestechenden Bildern (wie Shekhar Kapurs höchst eleganter, mit Shia LaBeouf, Julie Christie und John Hurt glänzend besetzter Beitrag). Manche sind tragisch, andere eher beiläufig oder komisch – Mischformen natürlich nicht ausgeschlossen. Kohärenz stiften hier einige Regeln, die Emmanuel Benbihy im Vorfeld für die Regisseure aufstellte: Die Storys sollten in irgendeiner Weise das Thema „Liebe“ bearbeiten, mit einem oder mehreren Vierteln New Yorks assoziiert werden und nicht mit Schwarzblenden beginnen oder enden. Gerade letzte Regel sorgt - auf der rein handwerklichen Seite - für den erwähnten Fluss, der „New York, I Love You“ auszeichnet und dem Projekt das staccato-artige vieler ähnlicher Kompilationen erspart.

Außerdem durften die Filmemacher höchstens 48 Stunden drehen und maximal sieben Tage im Schneideraum verbringen. Am interessantesten, gerade im Hinblick auf die Konsistenz, ist jedoch die finale Regel: Die Ausstatter, Kostümbildner und andere Mitglieder der Crew waren – wie schon bei „Paris, Je T'aime“ – bei allen Beiträgen dieselben. Benbihy hat also durch einige einfache, aber effektive Regeln die Grundlage für eine gewisse Zusammengehörigkeit der Einzelteile gelegt, was sich im Ergebnis sehr positiv niederschlägt. Die Figur der Dokumentarfilmerin Zoe (Emilie Ohana), die in verschiedenen Episoden – und auch zwischen denselben – immer mal wieder auftaucht und als eine Art roter Faden fungiert, darf dabei als eine Reflexion über das „Filmische an sich“ verstanden werden. Dank der Vorgaben funktioniert „New York, I Love You“ in gewisser Hinsicht als ein einziger, wirrer und experimenteller Film, der sich nur eben von Szene zu Szene für etwas Anderes interessiert.

Dass der New Yorker Altmeister Woody Allen (Manhatten) keine der Episoden inszeniert hat, mag auf den ersten Blick verwundern – kommt dem Kinogänger doch gerade er in den Sinn, wenn New York als Kinoschauplatz verhandelt wird. Andererseits passt es aber sehr gut in das Konzept von „New York, I Love You“, einen frischen, gewissermaßen neuen Blick auf die (Film-)Stadt zu werfen – die von Natalie Portman stilsicher umgesetzte Episode ist in diesem Zusammenhang eben mehr wert, als noch eine Hommage Woody Allens an „sein“ Revier.

Nicht zuletzt der fertige Film gibt den Machern Recht: „New York, I Love You“ ist eine facettenreiche Liebeserklärung an eine pulsierende Stadt, in der Meilensteine wie Taxi Driver oder Wall Street gedreht wurden, und eine Sammlung von elf wunderbaren, unscharf getrennten Kurzfilmen, die sich allesamt anzuschauen lohnen.
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