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    Effi Briest
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Effi Briest
    Von Christian Horn
    Zwei Ziegen stehen auf einer Weide und fressen eine Filmrolle. Als sie fertig sind, sagt die eine zur anderen: „Das Buch hat mir aber irgendwie besser geschmeckt.“

    Mit diesem treffenden Witz legte Alfred Hitchcock den Finger in die Wunden: Kaum etwas führt mit ähnlicher Regelmäßigkeit zu kritischen Fehlurteilen und polemischen Diskussionen wie der Vergleich eines Films mit seiner literarischen Vorlage. Hermine Huntgeburths gelungener Fontane-Verfilmung „Effi Briest“ wird diesem Schema folgend derzeit in der deutschen Filmkritik reichlich Unrecht getan.

    Im Alter von 17 Jahren wird Effi Briest (Julia Jentsch) von ihren Eltern mit dem wohlsituierten Baron von Innstetten (Sebastian Koch) verheiratet, was gesellschaftlichen Aufstieg verheißt. Die Ehe verläuft nicht nach den Wünschen des lebhaften Mädchens: zu öde ist Kessin, wo sie mit ihrem Gemahl lebt, zu gediegen und patriarchalisch sein Verhalten ihr gegenüber. Mit dem Kavalier und Frauenschwarm Crampas (Misel Maticevic) beginnt sie eine leidenschaftliche Affäre, die sechs Jahre später auffliegt. Innstetten fordert den Ehebrecher zum Duell...

    „Effi Briest“ ist das unbestrittene Meisterstück Theodor Fontanes und ein Höhepunkt der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts. Der Roman wurde fünf Mal verfilmt, in jeweils völlig unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten: 1939, in der Nazi-Zeit, von Gustaf Gründgens als eskapistisches Unterhaltungsstück – 1955 der bundesrepublikanischen Mode der Zeit entsprechend als starbesetzter Heimatfilm – 1968, in der DDR, als der Staats-Philosophie gehorchender DEFA-Film – 1974 schließlich von Rainer Werner Fassbinder als betont gesellschafskritischer, sein Verhältnis zur Literatur explizit thematisierender Autorenfilm mit dem Titel Fontane Effi Briest – und nun von Hermine Huntgeburth (Die weiße Massai) als großzügig budgetierte Emanzipations-Geschichte.

    Nach Fassbinders als geradezu genial geltender Transformation des Textes in einen Film, die allgemein als Glanzstück unter den Literaturverfilmungen gefeiert wird, hat es mehr als drei Jahrzehnte bis zu einem neuen Anlauf gedauert. Fassbinders Adaption hat mittlerweile den Status eines Klassikers und wird in den Rezensionen zu Huntgeburths Film als zerschmetternde Referenzgröße herangezogen. In der neuen Version sei der Text seiner gesellschaftskritischen Komponente beraubt, die Fassbinder noch verstärkt hatte. Huntgeburth stellt die Kritik an gesellschaftlichen Zuständen zwar tatsächlich nicht so explizit aus wie dieser und macht sie auch nicht zum zentralen Thema ihres Films, aber in vielen kleinen Gesten, Momenten und Dialogstücken schwingt sie deutlich mit. Es gehört einige Ignoranz dazu, dies zu übersehen. Außerdem ist Fassbinders Ansatz natürlich nur eine von vielen möglichen Interpretationen des Stoffes: Er verkürzt oder verengt den Fontane-Text eben auf seine Gesellschaftskritik. Die im Roman ebenfalls angelegte emanzipatorische Komponente der Geschichte ließ er dagegen ebenso wie die lebendigen Dialoge Fontanes unter den Tisch fallen. Genau diese beiden Aspekte bilden wiederum den Kern von Huntgeburths Sicht des Stoffs, die ihrerseits auf die mediale Selbstreflexion verzichtet.

    Angesichts des überraschend feindseligen Tonfalls vieler Besprechungen von Huntgeburths Film ist zu vermuten, dass auch externe Faktoren bei der Rezeption eine Rolle spielen, die naturgemäß schwer zu bestimmen sind. Einer der immer noch recht häufig auftretenden kritischen Reflexe richtet sich gegen das vermeintlich stromlinienförmige kommerzielle Kino. Nun ist „Effi Briest“ mit Kosten von etwa sieben Millionen Euro eine für deutsche Verhältnisse teure Produktion und ihre Macher sind verständlicherweise an einem Kassenerfolg interessiert. Dafür haben sie durch viele Schauwerte und handwerkliche Perfektion eine Voraussetzung geschaffen. Die Bildgestaltung ist sehr stilsicher (selbst ein Ausritt am Strand wirkt nicht überzogen), die Musik treffend und unkitschig, die Dialoge in Fontane-Tradition voller Leben und die Dekors und Kostüme sind detailverliebt und exzellent. Wer diese Qualitäten hier als oberflächlich abtut, verkennt allerdings Huntgeburths Arbeit.

    Ganz im Gegensatz zur aktuellen Buddenbrooks-Verfilmung, die tatsächlich fast mustergültig das Klischee der steifen und leblosen Mainstream-Produktion erfüllt, ist Huntgeburths Film eine zeitgemäße, teils verwegene Interpretation eines nach wie vor aktuellen Romanklassikers. Die Regisseurin interessiert sich wie schon erwähnt vor allem für die emanzipatorischen Anklänge bei Fontane. Die Besetzung der Hauptrolle mit Julia Jentsch (Sophie Scholl, Die fetten Jahre sind vorbei, Schneeland) erweist sich dabei als überaus glückliche Entscheidung. Die Schauspielerin erfüllt Effi in kleinen und großen Gesten mit einer bewundernswerten Präsenz. Jentsch schafft es, die Unbeschwertheit der „Tochter der Lüfte“ und gleichzeitig ihre wachsende Ernsthaftigkeit und Melancholie auszudrücken; sie verleiht der Figur eine überaus starke, würdevolle und eine eher schwache, unterwürfige Seite; sie überzeugt lachend und weinend. Die anderen Darsteller meistern ihre Rollen ebenfalls mit Bravour: Sebastian Koch (Das Leben der Anderen, Black Book) als Innstetten ist glaubwürdig als kalter Patriarch mit menschlichen Zügen und trifft sein Romanvorbild damit sehr gut, Barbara Auer (Yella, In jeder Sekunde) entfaltet als Hausmädchen ohne großen Pomp eine Aura wie aus Hitchcocks Rebecca, Misel Maticevic (Im Winter ein Jahr, Das Gelübde) gibt den Crampas als zwiespältigen Lebemann und Rüdiger Vogler (Bis ans Ende der Welt, Anonyma) als Gieshübler sorgt für Humor und Menschlichkeit. Auch die anderen Charaktere – die Mutter, der alte Briest, Roswitha und selbst Nebenfiguren wie Dagobert oder Wüllersdorf – kommen nicht nur ihren literarischen Vorbildern sehr nahe, sondern funktionieren auch im Rahmen eines Kinofilms prächtig.

    Hermine Huntgeburth erzählt von einem Mädchen, das erwachsen wird, wobei sie ihre emanzipatorische Lesart plausibel macht und überzeugend durchhält. Dass Effi am Ende daher nicht (völlig) scheitert wie bei Fontane und Fassbinder ist nur logisch. Statt als oberflächlich und aufgezwungen ist Huntgeburths Variante mit Fug und Recht als konsequent und zeitgemäß zu bezeichnen. Ähnlich können auch die Sexszenen verstanden werden. Bei Fontane ist von den Intimitäten auch bedingt durch die Zwänge der Zeit nur indirekt die Rede. Julia Jentschs Effi hat nun eine sinnliche, weibliche Komponente. Im ersten Moment mag es befremdlich wirken, Effi Briest komplett nackt zu sehen. Und tatsächlich entfernt sich Huntgeburth damit von der Diskretion und dem Nicht-Expliziten der Vorlage. Aber da sie sich in erster Linie auf die Frau-Werdung und das Aufbegehren Effis konzentriert, ist die Entscheidung durchaus sinnvoll und nachvollziehbar. Im übrigen wurde Fontanes Text vor seiner Buchveröffentlichung als Fortsetzungsgeschichte in einer Tageszeitung abgedruckt und vornehmlich in Frauen-Salons diskutiert; dies lässt vermuten, dass Huntgeburths Adaption der inneren Wahrheit des Texts näher kommt als viele glauben wollen.

    Huntgeburths „Effi Briest“ ist die moderne und eigenständige Interpretation eines Klassikers, die den Spagat zwischen Unterhaltung und künstlerischem Anspruch gekonnt meistert. Einmal mehr erweist es sich als fragwürdig, Vorlage und Vorgänger gegen eine (Neu-)Verfilmung auszuspielen.
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