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    Die Kinder von Paris
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Die Kinder von Paris
    Von Florian Schulz
    Im historischen Rückblick werden die komplexen Machtdynamiken Europas zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs gerne an Ländergrenzen bemessen: Mit Hitlerdeutschland und dem faschistischen Italien sind die europäischen Achsenmächte umrissen, auf der anderen Seite finden sich mit den USA, Großbritannien und Frankreich die Alliierten wieder. Die ambivalente Rolle der Sowjetunion außenvorgelassen, ergibt sich dadurch ein eindeutiges Bild auf der Landkarte. Dabei wird ausgeklammert, dass die Weltkriegspolitik nicht nur auf übergeordneter Ebene der Nationalstaaten beschlossen wurde, sondern darüber hinaus auch lokale Allianzen eine tragende Rolle gespielt und sich auch Nationen eine Mitschuld aufgeladen haben, die in den Schulbüchern in der Regel mit einer reinen Weste davonkommen. Mit ihrem Holocaust-Drama „Die Kinder von Paris" schlägt die Regie-Debütantin und Drehbuchautorin Rose Bosch ein dunkles Kapitel der französischen Weltkriegspolitik auf: Am 16. Juli 1942 ordnete die Vichy-Regierung im Großraum Paris eine Massenrazzia an. In engster Absprache mit der deutschen Besatzungsmacht verhafteten die Behörden innerhalb von zwei Tagen 13.152 jüdische Männer, Frauen und Kinder. Bosch erzählt dabei den Ablauf der Deportation lückenlos nach und offenbart immer wieder ein feines Gespür für Details. Dabei verpasst sie aber ihren eigenen Anspruch einer konstruktiven Auseinandersetzung mit dem tragischen Vermächtnis.

    Der elfjährige Jo Weismann (Hugo Leverdez) ist ein aufgeweckter Bengel, der zusammen mit seinem besten Freund die Nachbarschaft im Pariser Bezirk Montmarte auf Trab hält. Das Leben scheint unbeschwert, bis eines Tages im Sommer 1942 erste Anzeichen davon künden, dass es mit der Leichtigkeit bald vorbei sein könnte. So muss er vom einen auf den anderen Tag den „Judenstern" tragen, außerdem wird ihm nach und nach den Zutritt zu öffentlichen Plätzen und Geschäften verwehrt. Noch scheint die Situation für den Jungen jedoch noch nicht so bedrohlich, als dass er der Welt nicht weiterhin mit seinem kindlichen Leichtsinn begegnen würde. Auch seine Eltern wiegen sich vor der drohenden Deportation in Sicherheit und vertrauen auf die Neutralität der lokalen Behörden. Umso überraschender trifft sie die Großrazzia in der Nacht des 16. Juli 1942: Joseph muss miterleben, wie viele bekannte Gesichter aus der Nachbarschaft und schließlich auch er und seine Familie brutal verhaftet und ins nahegelegene Vélodrom d'Hiver abtransportiert werden...

    Wie die Regisseurin erklärt, stand am Anfang ihres Films das volkspädagogische Ansinnen, einen Diskurs zur Aufarbeitung der Ereignisse dieses 16. Julis in der französischen Öffentlichkeit anzustoßen. Vor diesem Hintergrund stellt sich natürlich die Frage, was unter einer gelungenen Aufarbeitung des Gedächtnisses einer Nation überhaupt zu verstehen ist und welchen Beitrag das Kino leisten kann. Hierzulande pflegt man dabei permanent die Erinnerung an das Grauen, was zwangsläufig eine Form des Verständnisses der Vorgänge voraussetzt – die Devise ist, nur nichts zu vergessen. Auf der anderen Seite regiert dann aber wieder die Angst darüber, die Gräueltaten der Nationalsozialisten im Zuge dieses Verstehens menschlichen Kategorien zu unterstellen. Dieses Dilemma setzt sich bis auf die Leinwand fort, so dass oft nur noch die radikale Psychologisierung oder aber Dämonisierung des Holocaust bleibt. Quentin Tarantino hat dieses Problem jüngst als künstlerisches Problem umrissen und mit „Inglourious Basterds" eine demonstrative Dekonstruktion jenes Bildervermächtnisses vorgelegt. Rose Bosch steht mit „Die Kinder von Paris" vor einer ähnlichen Aufgabe, löst sie aber denkbar einfallslos.

    Man habe die „Rafle du Vel‘ d'Hiv" verdrängt, da sich deren Unmenschlichkeit kaum mit dem liberalen Grundtenor der französischen Volkseele in Einklang bringen ließe, sinniert Bosch. Anstatt jedoch diese Kritik auszuformulieren und die sozio-kulturellen und politischen Rahmenbedingungen des damaligen Paris herauszuarbeiten, wählt sie mit der unumstößlichen Güte des Menschen dann doch einen zutiefst moralischen Fluchtpunkt. Mélanie Laurent („Das Konzert") gibt als Krankenschwester Annette Monod die humanistische Advokatin des Volkes, die sich in letzter Konsequenz mit der märtyrerhaften Peinigung des eigenen Körpers bei der Obrigkeit Gehör verschaffen muss. Jean Reno („22 Bullets") verkörpert den jüdischen Arzt David Sheinbaum, der sich seine Menschlichkeit über seinen eisernen Willen und seine Selbstlosigkeit verdient. Als moralisches Kollektiv tritt schließlich die Pariser Feuerwehr auf, die sich gegen den bürokratischen Starrsinn der Gendarmerie auflehnt und kurzerhand Wasser aus potenten Schläuchen an die fiebrigen Deportierten verteilt. Am Ende bekommt dann sogar noch der Gaullist seinen Auftritt, der mit intellektuellem Gleichmut auf eine bessere Zukunft verweist. So überführt Bosch die grausame Niederlage in einen moralischen Sieg, der auf der grundguten Intuition ganz gewöhnlicher Bürger ruht. Eine Relativierung humanistischer Argumente findet nicht statt. Bosch demaskiert nicht, sondern versucht die französische Mitschuld mit der Rückbesinnung auf die Grundwerte der französischen Nation zu kitten – dabei wird die Filmemacherin nicht müde zu betonen, dass sich alles exakt so zugetragen habe.

    „Die Kinder von Paris" krankt an dieser konzeptionellen Schwäche, kann in anderen Belangen aber überzeugen. Über die Perspektive der Kinder entwirft Bosch einen tragischen Optimismus. Das Publikum weiß es, die erwachsenen Protagonisten ahnen es: Das wird ein böses Ende nehmen. Es liegt an den Eltern, die Hoffnungen ihrer Sprösslinge aufrecht zu erhalten. Die verschiedenen Wahrnehmungen der bedrohlichen Situation spiegeln sich im visuellen Stil, die Jahrmarktidylle des Montmartre und die imposante Weitläufigkeit des zum Spielplatz umfunktionierten Vélodrom D'Hiver wirken melancholisch verklärt. So kann die Regisseurin zeigen, dass sich auch in unvorstellbaren Extremsituationen alltägliche Routinen entwickeln und vermeidet damit eine Überstilisierung des Leidens. Allerdings erreicht „Die Kinder von Paris" dabei nie die Gravitas von Roberto BenignisDas Leben ist schön", der in allen Belangen konsequenter mit dem unterschiedlichen Wissen seiner Figuren arbeitet. Bosch hingegen kann sich nicht zwischen moralinsaurem Plädoyer und feinsinnigem Drama entscheiden.
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