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Ode an die Freude
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
Ode an die Freude
Von Christoph Petersen
Der japanische Regisseur Masanobu Deme, der sein Handwerk in den 60er Jahren bei Großmeister Akira Kurosawa höchstpersönlich gelernt hat, hat sich nun nach zehnjähriger Kinoabstinenz die wahre Geschichte eines Kriegsgefangenenlagers zu Zeiten des Ersten Weltkriegs auserwählt, um mit ihr eine Ode an die Menschlichkeit zu halten. Sein Drama „Ode an die Freude“ handelt vom Musterlager Bando, in dem mit den deutschen Gefangenen im Vergleich zu ähnlichen Einrichtungen stets menschlich umgegangen wurde, den Internierten zahlreiche Freiheiten wie eine eigene Zeitung oder eine Kapelle gewährt wurden. Dabei standen Deme ein beachtliches Budget und mit dem rauschebärtigen Bruno Ganz (Der amerikanische Freund, Luther, Der Untergang, Vitus) als Konteradmiral Kurz Heinrich der Star der deutschsprachigen Theaterszene zur Seite. Doch irgendwie will das fertige Ergebnis trotz aller guten Absichten nicht wirklich gefallen. Als allzu dröge erweist sich das höhepunktfreie Lagerleben, als allzu geschönt der Blick auf diesen sicherlich großen Moment der japanisch-deutschen Völkerverständigung.

1914, zu Beginn des Ersten Weltkriegs bietet Japan eine massive Armee von 30.000 Mann auf, um die deutsche Militärbasis im chinesischen Quingdao einzunehmen. Dabei geraten 4.700 deutsche Soldaten in Kriegsgefangenschaft. Die Japaner, deren Ehre ihnen den Tod für das eigene Land befiehlt, für die Kapitulation keine Option ist, haben mit einer solch großen Zahl an „Feiglingen“ auf deutscher Seite nicht gerechnet und sind schier damit überfordert, die Gefangenen unterzubringen. In den meisten Lagern schlägt den ehrlosen Deutschen nur Verachtung entgegen, lediglich das Kriegsgefangenenlager Bando stellt hier eine positive Ausnahme dar. Dessen Leiter Toyohisa Matsue (Ken Matsudaira) weiß nämlich selbst, was es heißt, ein Gefangener zu sein, und begegnet den Internierten deshalb stets mit dem gebührenden Respekt. Über die Jahre entwickelt sich so zwischen Japanern und Deutschen ein fruchtbares Miteinander, das nach Beendigung des Krieges in einem Konzert der Gefangenenkapelle zur Verabschiedung von Matsue gipfelt – so erklingt die „Ode an die Freude“ aus Beethovens 9. Sinfonie zum ersten Mal auf japanischen Boden...

Zu Beginn wirkt das Spiel gerade der deutschsprachigen Darsteller ungewohnt theatralisch. Dies dürfte aber wohl weniger daran liegen, dass Regisseur Deme die Sprache seiner Schauspieler nicht versteht, was eine präzise Führung erheblich erschwert, als vielmehr daran, dass sich die Darsteller der typisch asiatischen Art des Spiels anpassen. Auch an anderer Stelle setzen sich die japanischen Nuancen der Produktion durch, etwa wenn der Film plötzlich mit für europäische Augen ungewohnten Kamerazooms überrascht. Insgesamt bleibt „Ode an die Freude“ aber trotz dieser kurzzeitigen Abwechslungen extrem altbackenes Historien-Ausstattungskino, das sich bei seinen europäischen und amerikanischen Vorbildern anzubiedern versucht. Trotzdem fügen sich die Bruchstücke schlussendlich nicht zu einem stimmigen Ganzen: Die Bandbreite des Films reicht von dramatischen Kriegsszenen bis hin zu einer Fahrrad-Komödiensequenz, die samt ihrer musikalischen Untermalung auch aus der Stummfilmära stammen könnte.

Im Sinne der japanisch-deutschen Freundschaft blendet Deme so ziemlich alles aus, was diese friedliche Eintracht in irgendeiner Weise gefährden könnte. So wird der Hass gegenüber den deutschen Kriegsgegnern bei einigen der japanischen Figuren zwar immer wieder mal kurz angedeutet, Folgen hat dieser jedoch nie, dramatische Höhepunkte und Zuspitzungen bleiben konsequent aus, und schon bald haben sich alle wieder ganz doll lieb. So mag eine Ode an eine Völkerfreundschaft aussehen müssen, wobei man „Ode an die Freude“ auch gleich als Hochglanz-Werbefilm für diese bezeichnen könnte, aber spannend anzusehen ist eine solch einseitige, komplett unkritische Lobeshymne ganz sicher nicht. Am drastischen zeigen sich die dramaturgischen Auswirkungen der humanistischen Feierlaune der Macher in der letzten Dreiviertelstunde – diese besteht mit Ausnahme der Aufführung von Beethovens Neunter nur noch aus Verabschiedungen, ewig lange 45 Minuten schüttelt wirklich jeder jedem noch einmal bedeutungsschwanger die Hand, ohne dass dabei noch irgendetwas Neues passieren würde. Demes Vorhaben, das Bando-Lager als Beispiel von Menschlichkeit in Zeiten des Krieges zu preisen, ist auf jeden Fall begrüßenswert, nur möchte man ihm in dieser betulichen, zahnlosen und auf Dauer auch langweilenden Form nicht unbedingt dabei zusehen.

Fazit: „Ode an die Freude“ präsentiert sich als allzu krude Mischung aus ernstem Drama und seichter Unterhaltung, aus asiatischem und europäischem Filmemachen, aus historischer Aufbereitung und süßlicher Verklärung, und hat dabei abseits seiner alles überschallenden Hymne auf die japanisch-deutsche Freundschaft nicht viel zu bieten.
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