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    Der Unsichtbare
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Der Unsichtbare

    Wunderbar böse, aber viel zu lang

    Von Christoph Petersen
    Alle wollen das nächste MCU. Aber die Suche nach dem nächsten milliardenschweren Kinouniversum, wie es Marvel mit seinen Filmen rund um die „Avengers“ geschaffen hat, trägt bisweilen absurde Blüten. Viele Ideen wie das Ritter-der-Tafelrunde-Universum („King Arthur: Legend Of The Sword“) und das Sherwood-Forest-Universum („Robin Hood“) wirken von vornherein, als würden sich die Hollywoodstudios an sehr, sehr dünne Strohhalme klammern.

    Der Plan von Universal Pictures, seine legendären Leinwandmonster aus den 1920ern bis 1950ern – neben dem Unsichtbaren zum Beispiel auch noch der Wolfsmensch und Frankensteins Braut – wieder hervorzukramen, abzustauben und alle gemeinsam in ein Fantasy-Horror-Blockbuster-Universum zu stecken, schien hingegen zunächst gar nicht mal so doof. Es wurden sogar schon die Superstars Johnny Depp und Javier Bardem für zukünftige Beiträge des sogenannten Dark Universe verpflichtet.

    Der Anfang mit Tom Cruise war auch das Ende


    Aber mit irgendeinem Film muss man ja loslegen – und das war in diesem Fall dummerweise die mehr als 125 Millionen Dollar schwere Enttäuschung „Die Mumie“ mit Tom Cruise. Damit lag das Dark Universe bereits in Trümmern, bevor es überhaupt richtig losgegangen war. Aber so ganz wollte man sich von der Monster-Idee trotzdem nicht verabschieden – nur eben ein paar Nummern kleiner sollte es nun werden.

    Deshalb hat sich Universal an Jason Blum und seine Produktionsschmiede Blumhouse gewandt – die haben schließlich auch schon anderen Marken wie „Halloween“ zu neuem Glanz verholfen. Und wenn man sich „Der Unsichtbare“ anschaut, der nun ein kleiner, fieser Horror-Schocker und eben kein großer, teurer Fantasy-Blockbuster wie „Die Mumie“ geworden ist, hat man lange das Gefühl, dass das auch diesmal wieder funktionieren könnte. Aber dann verbaselt Regisseur und Autor Leigh Whannell („Upgrade“) leider die zweite Hälfte seines so vielversprechend gestarteten Reboots.

    Nach dem Selbstmord ihres Ex-Freundes ist Cecilia erst mal total erleichtert ...


    Zwei Wochen, nachdem sie ihrem kontrollsüchtigen, gewaltbereiten, schwerreichen und hochintelligenten Erfinder-Exfreund Adrian (Oliver Jackson-Cohen) entkommen ist, erhält die untergetauchte Architektin Cecilia Kass (Elisabeth Moss) die erlösende Nachricht: Ihr Ex hat sich das Leben genommen – und ihr sogar ein hübsches Sümmchen von fünf Millionen Dollar hinterlassen, das sie allerdings nur bekommt, wenn sie kein Verbrechen begeht und nicht für geisteskrank erklärt wird.

    Aber gerade, als Cecilia ihr neues Leben in Freiheit zu genießen beginnt, häufen sich die merkwürdigen Geschehnisse. Eine Pfanne in der Küche fängt plötzlich Feuer, die Bettdecke wird ihr im Schlaf weggezogen, auf dem Teppichboden zeichnen sich unerklärliche Fußabdrücke ab – und bald ist sich Cecilia sicher, dass Adrian seinen Tod nur vorgetäuscht hat, um sie nun mit Hilfe einer neuartigen optischen Technologie als Unsichtbarer in den Wahnsinn zu treiben. Ihre Freunde, ihre Familie und die Polizei glauben ihr aber natürlich kein Wort…

    So führt man ein Monster richtig ein!


    Der Einstieg ist schon mal brillant. Leigh Whannell muss uns überhaupt nicht zeigen, was für ein Monster Adrian ist – das erkennen wir nämlich schon daran, was Cecilia für einen Heist-Movie-mäßigen Aufwand betreibt, um eines Nachts aus seinem Haus zu entkommen. Adrian selbst liegt unterdessen schlafend im Bett – und trotzdem sitzt jeder Jump Scare, wenn Elisabeth Moss auf Zehenspitzen durch das modern eingerichtete Luxusanwesen tapst. So führt man einen Bösewicht richtig ein – man zeigt nicht seine Taten, man zeigt die Angst, die er in anderen auslöst, und lässt dann die Fantasie des Zuschauers für sich arbeiten.

    Dass man sich so gut ausmalen kann, was Cecilia in der Beziehung alles durchlitten haben muss, liegt auch am einmal mehr großartigen Spiel von Elisabeth Moss. Die zweifache Golden-Globe-Gewinnerin (für „Top Of The Lake“ und „The Handmaid's Tale“) spielt hier zwar sicherlich nicht ihren subtilsten Part, stattdessen verkörpert sie von der ersten Szene an Verzweiflung pur, aber das mit einer mitreißenden Intensität. Zumindest die erste Stunde von „Der Unsichtbare“ ist alles andere als ein spaßiger Horrorfilm – er ist ein Horrorfilm, der nicht nur seine Protagonistin, sondern auch den Zuschauer emotional attackiert. Nur die finalen Momente entgleiten Moss – das liegt dann aber auch gar nicht in erster Linie an ihr, sondern am zum Ende hin immer schwächer werdenden Skript.

    ... aber es gibt gute Hinweise darauf, dass er vielleicht doch nicht tot ist!


    Zunächst geht alles noch ganz zurückhaltend los. Das Bild schwenkt kurz in eine Ecke des Raumes, wo niemand steht und auch sonst nichts passiert, als hätte der Kameramann einfach einen Fehler gemacht. Aber dann wird die Schraube auch schnell sehr viel fester angezogen. Die Art und Weise, wie der Unsichtbare sein Opfer terrorisiert, nimmt teilweise extrem bösartige Formen an – speziell eine Szene mit Cecilia und ihrer Schwester (Harriet Dyer) in einem Hipster-Restaurant zieht einem regelrecht den Boden unter den Füßen weg. Auch eine fast schnittlose Sequenz, in der Cecilia und der Unsichtbare in einer Küche miteinander kämpfen, ist auch handwerklich ziemlich gelungen umgesetzt.

    In der zweiten Hälfte wandelt sich „Der Unsichtbare“ dann allerdings immer mehr vom bitterbösen Psycho-Thriller hin zu einem halbgaren Action-Horror (sobald man den Unsichtbaren dann auch mal „zu sehen“ bekommt, lassen plötzlich auch die Effekte ganz schön zu wünschen übrig). Aber das ist immer noch besser als die – nicht mal sonderlich überraschenden - Twists im letzten Viertel. Die hinterlassen nämlich nicht nur Logiklöcher so groß wie Scheunentore, sie negieren vor allem auch einen Teil der emotionalen Tour-de-Force, die wir zuvor gemeinsam mit Cecilia durchlitten haben.

    Fazit: Auf einen starken Auftakt folgt eine intensive erste Stunde, bevor sich die Filmemacher in der zweiten Hälfte selbst viel wieder kaputtmachen. Dabei wären die zusätzlichen Haken auf der Zielgeraden gar nicht notwendig gewesen, schließlich ist „Der Unsichtbare“ mit einer Laufzeit von mehr als zwei Stunden für einen kleinen, fiesen Horror-Schocker ohnehin schon viel zu lang geraten.

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