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    Armin
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Armin
    Von Christian Horn

    Wenn Westeuropäer an Südosteuropa denken, kommt ihnen häufig der Bosnienkrieg in den Sinn. Dementsprechend schildern zahlreiche der Co-Produktionen zwischen EU-Ländern und Bosnien-Herzegowina oder Kroatien immer wieder den Krieg und dessen Folgen, wobei in den meisten dieser Filme Kriminalität und Armut den Alltag in den Balkanländern prägen, so dass die Figuren ihr Glück schließlich im Westen suchen. Die deutsch-bosnisch-kroatische Co-Produktion „Armin" von Regisseur Ognjen Svilicic („Sorry for Kung Fu"), die unter anderem im Forum der Berlinale 2007 aufgeführt wurde, thematisiert auch die Folgen des Krieges, bedient dabei aber nicht die üblichen Balkanklischees. Vielmehr beobachtet Ognjen Sviličić sehr präzise die Beziehung zwischen einem Vater und dessen Sohn, um sich den Nachwirkungen des Krieges im ehemaligen Jugoslawien zu nähern.

    Ibro (Emir Hadzihafizbegovic) und sein 13-jähriger Sohn Armin (Armin Omerovic) reisen von ihrer kleinen Heimatstadt in Bosnien per Bus in die kroatische Hauptstadt Zagreb. Dort will Armin an einem Casting für eine deutsche Filmproduktion teilnehmen, die vom Bosnienkrieg handelt. Ibro und Armin, die aus einem ärmlichen Umfeld stammen und mit dem Casting die Hoffnung auf bessere Tage verbinden, erleben in Zagreb einen kleinen Kulturschock: Der vergleichsweise hohe Lebensstandard in der kroatischen Großstadt lässt sie immer wieder stutzen, zumal das Produktionsteam sie in einem luxuriösen Hotel unterbringt.

    Im Zentrum der Erzählung von „Armin" stehen immer Ibro und Armin, die Emir Hadzihafizbegovic und Armin Omerovic hervorragend spielen. Die Kommunikation zwischen den beiden funktioniert in den meisten Fällen ohne Worte, wobei vor allem der Sohn überaus schweigsam ist. So erzählt Ognjen Sviličić zuvorderst mit den aufgeräumten und präzisen Bildern, die immer wieder verdeutlichen, dass seine beiden Protagonisten im kroatischen Zagreb wie verloren erscheinen. Als beide das Hotel zum ersten Mal betreten, kommt ihnen eine Gruppe Anzugträger entgegen – Männer, die im Gegensatz zu ihnen vom ungleich verteilten Reichtum profitieren. Eines der nächsten Bilder zeigt Vater und Sohn im Fahrstuhl, den sie mit einer weiteren Gruppe Anzugträger teilen: Wie Fremdkörper wirken sie in der Welt des teuren Hotels.

    Vor allem Ibro verhält sich in dieser Umgebung häufig ungeschickt, etwa wenn er mit der Filmcrew anbändeln will (eine Nebenrolle im Filmteam spielt Marie Bäumer, „Im Angesicht des Verbrechens"), um Armin und sein Akkordeon-Spiel zu bewerben. Doch Regisseur Sviličić führt den teils unbeholfenen Ibro niemals vor, sondern beobachtet ihn mit großer Empathie und beschreibt als eine der Kriegsfolgen, dass Menschen wie Ibro und Armin aus dem eher armen Bosnien-Herzegowina den Anschluss im neu strukturierten Balkan verloren haben. So halten sich Vater und Sohn meistens im Hotel auf, an einem Transit-Ort also, der ihre fehlende Zugehörigkeit zum neuen Kroatien unterstreicht und gleichsam auf die anstehende Rückreise der beiden verweist.

    Ognjen Sviličić inszeniert seinen Film sehr ökonomisch und packt die Beziehung zwischen Ibro und Armin in kleine Gesten. Das funktioniert dank der beiden Hauptdarsteller und den sorgfältig arrangierten, hochgradig narrativen Bildern über die gesamte Laufzeit hervorragend. Fernab jeglicher Klischees über den Südosten Europas vermittelt „Armin" ein eindrückliches Bild vom dortigen Unterschied zwischen Armen und Reichen, Angepassten und Unangepassten.

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