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    Dark Shadows
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Dark Shadows
    Von Carsten Baumgardt
    Hexen, Geister, Vampire und Mythen: Auf den ersten Blick könnte man denken, Tim Burton wolle sich mit der satirischen Horror-Seifenoper „Dark Shadows" an den aktuellen Trend der „Twilight"-oder „Harry Potter"-Reihen anhängen, um die begeisterungsfähige Teenie-Zuschauerschaft zu erreichen. Doch der Kult-Regisseur hat es gar nicht nötig, sich als filmischer Trittbrettfahrer zu verdingen. Im Gegenteil. Nach seiner grenzwertigen Annäherung an den Mainstream mit „Alice im Wunderland" legt das Enfant terrible mit „Dark Shadows", der Verfilmung der gleichnamigen 60er/70er-Jahre-TV-Serie, wieder einen lupenreinen Tim-Burton-Film vor, der vor allem durch seine Verspieltheit sowie durch seine unverwechselbare Atmosphäre begeistert. Allerdings geht dem Regie-Exzentriker im vergleichsweise konventionellen Finale ein wenig die Ideen-Puste aus, was den Gesamteindruck etwas trübt.

    1750: Der frisch aus Liverpool eingewanderte Collins-Klan begründet in Amerika eine Fischerei-Dynastie, der Küstenort Collinsport in Maine wird sogar nach ihr benannt. Als Collins-Spross Barnabas (Johnny Depp) dem Dienstmädchen Angelique Bouchard (Eva Green) das Herz bricht, gerät er an die Falsche: Die Verschmähte ist eine waschechte Hexe und verdammt Barnabas, der sich inzwischen in die schöne Josette DuPress (Bella Heathcote) verliebt hat, dazu, als Vampir weiterzuleben. Im Jahr 1776 lässt Angelique den Blutsauger wider Willen gar in einen Sarg einsperren und verbuddelt ihn tief unter der Erde – die Höchststrafe für Vampire. Erst 1972 wird Barnabas durch Zufall ausgegraben. Er kehrt auf das altehrwürdige, mittlerweile heruntergekommene Anwesen Collinwood zurück, wo er eine skurille Restfamilie vorfindet. Matriarchin Elizabeth Collins Stoddard (Michelle Pfeiffer) lenkt die Geschicke des Klans, während ihr Bruder Roger Collins (Jonny Lee Miller) sich als Nichtsnutz verdingt, die Teenager-Tochter Carolyn Stoddard (Chloë Moretz) rebelliert und der zehnjährige David Collins (Gulliver McGrath) ständig den Geist seiner verstorbenen Mutter (Josephine Butler) sieht, was der saufenden Psychiaterin Dr. Julia Hoffman (Helena Bonham Carter) zu einer Daueranstellung verhilft. Und auch das neue Kindermädchen Victoria Winters (wieder: Bella Heathcote) hat so seine Geheimnisse. Zunächst muss Barnabas jedoch den Kulturschock verarbeiten, denn die Welt hat sich in den 196 Jahren seiner Abwesenheit gewandelt. Und über die Kleinstadt Collinsport herrscht jetzt eine gewisse Angelique Bouchard (immer noch: Eva Green)...



    Wenn Regie-Phantast Tim Burton („Edward mit den Scherenhänden", „Batman", „Ed Wood") einen neuen Film angeht, ist sein Leib- und Magenschauspieler Johnny Depp („Fluch der Karibik", „Sweeney Todd") in der Regel nicht weit. Aber bei der achten gemeinsamen Zusammenarbeit war die Ausgangslage eine andere. Hier fungierte Depp als Triebfeder und Initiator. Der Superstar, der diese Kino-Adaption der Serie auch produziert, ist ein riesiger Fan der „Dark Shadows"-Gothic-Seifenoper, die von 1966 bis 1971 im Nachmittagsprogramm des US-Fernsehens über die Mattscheibe flimmerte und die bereits zwei Kinofilme („Das Schloß der Vampire" und „Das Schloß der verlorenen Seelen", 1970/71) sowie eine kurzlebige TV-Neuauflage (1991) nach sich zog.

    Das größte Problem, vor dem Regisseur Burton und sein Drehbuchautor Seth Grahame-Smith („Abraham Lincoln Vampirjäger") standen, haben sie nonchalant umschifft oder auch einfach ignoriert: Wie um Himmels Willen packe ich den Stoff aus 1.225 Serienfolgen in einen 113-minütigen Kinofilm? Natürlich entrümpeln Burton und Grahame-Smith die überladene Handlung radikal (selbst in der Serie geht es erst mit dem Auftauchen von Barnabas ab Folge 209 so richtig los. Aber trotz der Konzentration auf die stärkste Figur Barnabas und seine engste Sippe müssen auch so durchgeknallte Elemente wie Paralleluniversen und Zeitreisen dran glauben und finden keinen Widerhall in der Kinofassung. Dennoch lässt Burton die klassische Filmdramaturgie bei „Dark Shadows" auf sympathische Weise unberücksichtigt und folgt vielmehr den absurden Motiven und hanebüchenen Motivationen der Seifenoper.

    Fast beliebig werden in „Dark Shadows" Konflikte aufgebaut und wieder fallengelassen. Als roter Faden dient lediglich die Figur des Barnabas und seine Rivalität mit Angelique, die im Filmverlauf für dramaturgischen Wildwuchs sorgt. Was chaotisch klingt, ist es aber noch lange nicht, weil Magier Tim Burton mit traumwandlerischer Sicherheit das Zepter im eigenen Universum schwingt. So begeistert „Dark Shadows" über weite Strecken mit einer phantastischen Atmosphäre, in der eine liebevoll gestaltete 70er-Jahre-Welt entsteht, die wir durch die staunenden Augen des entwurzelten Vampirs aus dem 18. Jahrhundert sehen und die damit einen mal ironischen, mal satirischen und fast immer lustigen Dreh bekommt – all das wird getragen von einem tollen Seventies-Soundtrack.

    Tim Burtons Kuriositätenkabinett scheint wie in seinen besten Filmen in einer eigenwillig-exzentrischen Parallelwelt zu existieren, in der fast alles möglich ist. So lässt man sich gerne einfach davon überraschen, welche Verrücktheit als nächstes passiert. Natürlich ist „Dark Shadows" Genre-Verwandten wie „Die Munsters" oder „Die Addams Family" viel näher als neumodischen Erscheinungen wie „Twilight" & Co. - Burtons Film ist alte Schule und dazu gehört in diesem Fall auch, dass der Regisseur sich wenig um politische Korrektheit schert. So bedauert Vampir Barnabas das gelegentliche Meucheln zwar immer, lässt seiner Natur aber gnadenlos freien Lauf, was auch mal eine Busladung voller Hippies die Existenz kosten kann. Der zentrale Vampirkonflikt des Tötens zum eigenen Überleben dient hier höchstens als Gagvorlage, die emotionale Komponente spart Burton bewusst aus. Er setzt voll auf die komische Kraft seiner Geschichte, die ihn aber nicht ganz ins Ziel trägt. Bis zum Schlussakt unterhält „Dark Shadows" bestens, das unvermeidlich effektvolle Finale gerät dann jedoch arg konventionell. Es donnert und scheppert an allen Ecken und Enden, aber dem bombastischen Brimborium fehlt der letzte Pfiff.

    Mit dem Altvorderen aller skurrilen Hollywoodstars, Johnny Depp, hat „Dark Shadows" genau das Aushängeschild, das der Film braucht. Depp ist wie immer Depp, ganz der Filmstar, der allein mit seiner unglaublichen Präsenz in den Bann zieht und hier sichtlich Freude an den köstlich gestelzten Dialogen hat. Auch die charismatische Michelle Pfeiffer, die mit „Batmans Rückkehr" ebenfalls schon Burton-Erfahrung besitzt, passt perfekt in die Geschichte, dazu steuert Burtons Lebensgefährtin Helena Bonham Carter („Fight Club", „The King's Speech - Die Rede des Königs") als labile Psychiaterin einige schräge Momente bei. Und die blondierte Eva Green („James Bond 007 - Casino Royale", „Die Träumer") chargiert als exzentrisch-verruchte Hexe vergnügt und hemmungslos vor sich hin.

    Fazit: „Dark Shadows" ist im besten Sinne ein typischer Tim-Burton-Film. Die satirisch-komische Horror-Mär überragt als schräg-atmosphärisches 70er-Zeitgemälde mit Gothic-Einschlag, nur auf der Zielgeraden seines kuriosen Spektakels geht Burton etwas die Luft aus.

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