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    Oben
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Oben
    Von Christoph Petersen
    Pixar ist das wohl innovativste Hollywood-Studio unserer Zeit. Die augenscheinlichste Revolution, die Pixar jüngst angeschoben hat, betrifft eine der altehrwürdigsten Einrichtungen des internationalen Filmkunstbetriebs. Als sich in diesem Mai bei den Filmfestspielen in Cannes das erste Mal ein Vorhang auftat, saß im Publikum - wie gewöhnlich - die versammelte Kulturelite. Anzüge sind für Männer bei der Veranstaltung Pflicht, und der weibliche Teil der Gästeschar hatte sich noch akribischer und extravaganter herausgeputzt als sonst - doch etwas war anders: All die respektablen Herrschaften, die Vertigo im Schlaf rückwärts rezitieren können und einen Godard gerne zusammen mit einem guten Glas Rotwein genießen, trugen einen Tick zu große Brillen, die dem Glanz-und-Glamour-Event etwas furchtbar Komisches verliehen. Gezeigt wurde mit Disney/Pixars Animationskomödie „Oben“ (Regie: Pete Docter) einer jener 3D-Filme, die dem Betrachter zwingend eine ganz und gar unmodische Sehhilfe abverlangen. Doch dieses Brillenbild für die Kinogötter ist nicht das einzige, was der Filmwelt von „Oben“ dauerhaft in Erinnerung bleiben wird.

    Nach dem Tod seiner Frau bleiben Carl Fredricksen (Stimme: Edward Asner) nur noch sein kleines Häuschen und Erinnerungen an bessere Zeiten. Dabei wäre der Rentner so gerne wie sein großes Vorbild Charles Muntz ein weltbekannter Abenteurer geworden. Dazu bekommt Carl die Chance, als er per Gerichtsbeschluss aus seiner Behausung bugsiert wird, die einem moderneren Bau weichen soll. Doch Carl hat keinen Bock aufs Altersheim. Der frühere Ballonverkäufer bindet sich abertausende Heliumballons an sein Dach und hebt ab. Sein Ziel: Südamerika. Aber Carl hat die Rechnung ohne den blinden Passagier gemacht: Der übergewichtige, Schokolade liebende Pfadfinder Russell (Stimme: Jordan Nagai) hat sich an Bord geschlichen. Nach dieser Überraschung will Carl die Reise unverzüglich abbrechen, doch dann gerät das ungleiche Duo in einen monströsen Sturm und findet sich - schwuppdiwupp - in Südamerika wieder. Hier stürzen die beiden Ballonfahrer sogleich ins nächste Abenteuer. Sie müssen einen seltenen Riesenvogel in Sicherheit bringen, der von einem irren Forscher (Stimme: Christopher Plummer) und seinen sprechenden Hundelakaien gejagt wird...

    „Oben“ beginnt mit einem Blick zurück. In zehn Minuten wird Carls bisheriges Leben referiert - von dem Moment, in dem er seiner großen Liebe Ellie im Kindesalter zum ersten Mal begegnet, über den Augenblick, in dem das Paar feststellt, dass es keine Kinder bekommen wird, bis zu Ellies Tod. Trotz Rückschlägen war es ein glückliches, von tiefer Zweisamkeit geprägtes Leben - und gerade deshalb bergen diese auf das Unausweichliche zusteuernden Minuten auch ein solch ungeheures Maß an herzzerreißender Melancholie, dass der Rückblick als Stand-Alone-Kurzfilm wohl augenblicklich den Status eines Meisterwerks innehätte. Auch im Folgenden lässt der Film keinesfalls nach, wobei er einige Dinge wagt, die man aus dem Big-Budget-Animationsgenre absolut nicht gewohnt ist: Carl ist der erste animierte Protagonist, der einen Treppenlift benötigt, um die Stufen in seinem Haus herunterzukommen und Ellie hingegen wohl die erste weibliche Figur in einem unter der Ägide von Disney entstandenen Film, die keine Kinder bekommen kann. Auf die Spitze treiben es die Macher dann, wenn Carl einem Bauarbeiter, der versehentlich seinen Briefkasten umreißt, mit seinem Gehstock eine blutende (!) Stirnwunde zufügt - ein erfrischendes Maß an Ehrlichkeit, gerade wenn man es mit Disneys christlich durchtränktem Fantasy-Krempel Die Chroniken von Narnia: Der König von Narnia vergleicht, bei dem selbst nach einer gigantischen Schlacht kein einziger Tropfen Blut am Schwert des Helden klebt.


    Trailer
    Exklusiv auf Filmstarts:
    Animierter Trailer zu „Oben“



    Früher in diesem Jahr ist Disneys Animationskomödie Bolt in den deutschen Kinos gestartet. Zahlreiche Kritiker haben damals geschrieben, dass der Film streckenweise den speziellen Pixar-Touch aufweise. Im Fall von „Oben“ ist es nun genau umgekehrt: In der zweiten Hälfte, die sich als zwar gut gemachtes, aber keinesfalls innovatives Animationsabenteuer entpuppt, ist nunmehr die typische Handschrift des Micky-Maus-Konzerns unverkennbar. Zwar ist es als amüsanter Seitenhieb auf Disneys Zeichentrickuniversum zu werten, wenn in „Oben“ nicht die Hunde selbst, sondern ihre Halsbänder sprechen. Aber ansonsten ergibt sich „Oben“ ein wenig zu leicht in sein Schicksal. Besonders negativ fällt dabei eine Szene auf, in der Russell an einem Seil vom schwebenden Haus herunter hängt und drei Hunde mit Kampfflugzeugen auf ihn zurasen. Die Sequenz dauert nur wenige Sekunden, bringt die Handlung keinen Deut voran, stört die Dramaturgie des Showdowns sogar, muss aber dennoch drin bleiben, weil die fliegenden Hunde ein integraler Bestandteil des dazugehörigen Computerspiels sind.

    Special


    Das ist nun wahrlich keine neue Erkenntnis und als Kulturpessimist hat man ja auch gar nichts anderes erwartet, aber insgeheim gab es da doch stets die Hoffnung, dass Pixar als einsamer Fels in der Brandung dem allmächtigen Kommerz standhalten könnte. Vor allem, weil das Studio ja bereits ein ums andere Mal bewiesen hat, dass sich auch allein mit Qualität eine Menge Geld verdienen lässt. Aber „eine Menge“ ist eben nur selten genug. Eine weitere Fähigkeit, die Pixars Filme bisher stets auszeichnete, ist in „Oben“ auch nicht mehr ganz so ausgeprägt vorhanden wie bisher: Filme wie „Toy Story“, Die Unglaublichen oder auch Ratatouille haben stets das Kunststück vollbracht, jüngere wie ältere Kinogänger jederzeit gleichgut zu unterhalten. Bei „Oben“ stellt sich nun hingegen das Gefühl ein, dass die ersten 40 Minuten eher für Erwachsene und der actionreichere Rest eher für Kinder konzipiert ist.


    Special
    Zum Start von „Oben“:
    Die zehn Pixar-Filme



    Es gibt kaum etwas Deprimierenderes, als sich einen 3D-Film in 2D anzusehen. Ständig reißen den Frauen die Ketten, deren Perlen dann lustig in der Gegend herum hüpfen, oder der Protagonist wirft unmotiviert einen Flummi gegen die Wand, ohne dass diese Vorkommnisse in der eigentlichen Story eine Entsprechung fänden. Es sind Szenen, die die Vorzüge der Technik unterstreichen sollen und dabei den Kinobesuch auf das Niveau einer Jahrmarktsattraktion reduzieren - was in 3D durchaus seinen Reiz haben kann, in 2D aber einfach nur nervt (ein Paradebeispiel: Die Reise zum Mittelpunkt der Erde). „Oben“ ist anders und einer von wenigen Filmen, bei dem die 3D-Technik ganz natürlich dazugehört. Es fällt nicht eine einzige Sequenz auf, die ohne die dritte Dimension nicht ähnlich gut funktionieren würde. Es gibt aber ebenso wenig eine Sequenz, die durch den Einsatz der 3D-Technik nicht merklich aufgewertet würde. Nur damit wir uns nicht falsch verstehen: „Oben“ ist ein Animationsfilm, den man unbedingt in 3D sehen muss, den man sich aber auch problemlos in 2D ansehen kann.

    Fazit: „Oben“ ist sehr gut, aber nicht brillant, ein absolutes „Muss man gesehen haben“, aber bei Weitem nicht Pixars bester. Es bleibt zu hoffen, dass es dem Studio gelingt, seine revolutionäre Ader weiter zu pflegen und den Einfluss von Disney in Grenzen zu halten. Denn wo die Pixar-Disney-Fusion an „Oben“ nur kleinere Kollateralschäden hinterlässt, wird der 2010 startende Toy Story 3 wohl zu einem deutlich aussagekräftigeren Gradmesser für Pixars zukünftige Entwicklung.
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