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    Takva - Gottesfurcht
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Takva - Gottesfurcht
    Von Christian Schön
    Das Feuilleton der letzten Jahre ist von zwei unterschiedlichen Tendenzen geprägt: Die Wiederkehr der Religionen wird auf der einen Seite verkündet, während die Andere vom Modernismus und Technikvorherrschaft predigt. Diese zwei Weltbilder konkurrieren eigentlich seit der Epoche der Aufklärung miteinander und prallen nun auch im Film „Takva - Gottesfurcht“ aufeinander. Die neue Brisanz des Themas in der Öffentlichkeit, und die damit verbundenen Präsenz in den Medien, ist nicht zuletzt dem 11.September 2001 zu verdanken. Seit diesem Zeitpunkt stehen selbsternannte Märtyrer im Rampenlicht des öffentlichen Interesses, was diese durch regelrecht inszenierte Selbstmordanschläge zu nutzen wissen. Seither wird nach Ursachen geforscht. Man versucht, die anderen Kulturen besser zu verstehen, die fremden Zivilisationen mit ihren scheinbar so verschiedenen Bräuchen und Sitten zu begreifen. Ein Anliegen, das auch dem ersten Kinofilm des türkischen Regisseurs Özer Kiziltan nicht fern liegt. Ohne platte Gemeinplätze zu bedienen, stoßen hier - auf kunstvolle Weise verwoben - zwei Welten aufeinander.

    Im Haus seiner verstorbenen Eltern lebt, in Demut und Gottesfurcht, Muharrem (Erkan Can), dessen Gemüt ebenso einfach ist, wie die Umgebung in der er wohnt. Er hat eine Anstellung als unterster Bediensteter in einem Geschäft, das Säcke verkauft. Sein Aufgabenbereich ist das Wiegen und Zusammenbinden von Säcken und seinem Chef auf Wunsch Tee zu bringen. Muharrems Freizeit hingegen ist bestimmt von den religiösen Reinheits- und Gebetsritualen, zu denen auch der regelmäßige Besuch von Gottesdiensten im nahe gelegenen Kloster gehört. Der dort ansässige geistige Führer der Gemeinde erwählt nun eben Muharrem, den er für sein treues, ehrliches Herz schätzt, in Zukunft die Ordensgeschäfte zu übernehmen. Dies ist den Mönchen des Klosters verboten, da die weltlichen Geschäfte für Geistliche tabu sind. Nach einer Weile des Zögerns lässt sich Muharrem überreden ins Kloster zu ziehen und halbtags die Geschäfte, die im Eintreiben von Mieten und der Veranlassung von Reparaturen bestehen, für den Orden zu übernehmen. Mit seiner neuen Arbeit verändert sich auch sein Äußeres, da er ab diesem Zeitpunkt das hohe Ansehen der Bruderschaft repräsentieren soll. Auf seinen Touren durch die Stadt, vermehrt jedoch in seinen Träumen, wird Muharrem nun mit den Lastern der westlichen Welt konfrontiert. Sexuelle Phantasien, Macht und Besitztum konkurrieren mit den geistigen Werten seines bisherigen Lebens...

    „Takva“ funktioniert im Wesentlichen über den Helden des Films: Muharrem. Dieser wird von Erkan Can verkörpert, der bereits seit vielen Jahren vor der Kamera steht und für seine Rolle in diesem Film bereits drei Auszeichnungen bekommen hat. Durch sein Spiel gewinnt der Film ein enormes Maß an Glaubwürdigkeit und der Zuschauer die Möglichkeit, in die Filmwelt einzutauchen. Was ihn dort erwartet ist ein klassisches Erzählmuster: Der kleine Mann von der Straße erfährt über Nacht gesellschaftliche Aufwertung, gewinnt damit an Fallhöhe, bis es unweigerlich zum großen Konflikt kommt, an dem er sich bewähren muss. So einfach die Theorie klingt, so viele misslungene Variationen davon auch schon produziert wurden, so grandios und ungezwungen wirkt dieses Prinzip in „Takva“. Die konsequente Nahperspektive, aus der erzählt wird, macht es im Verlauf des Filmes immer schwieriger, zwischen dem beginnenden Wahn Muharrems und den wahnhaften Elementen religiösen Lebens beziehungsweise des Alltags zu unterscheiden.

    Die zwei Welten lässt Regisseur Kiziltan im Film geschickt miteinander verschmelzen. Die erste Traumsequenz folgt direkt, ohne als solche markiert zu sein, auf eine beeindruckende Szene des gemeinsamen Gebets. Diese sind in der Türkei im Grunde verboten, da die islamische Religion sehr orthodox geprägt ist und der Kanon der Kirche diese Gebetspraxis eigentlich nicht vorsieht. Praktiziert wird sie dennoch. Für „Takva“ wurde solch ein Gottesdienst eigens inszeniert und dokumentiert, ist somit ein faszinierendes, besonders für den türkischen Zuschauer kontroverses Schauspiel religiösen Lebens. Von Tamburinen begleitet singen sich die Betenden langsam in einen tranceartigen Zustand, der seine Höhepunkte in den Gesängen und Tänzen der Derwische findet. Die ekstatischen religiösen Zustände werden in der Montage des Films mit den ekstatischen Träumen Muharrems verbunden. Das sexuelle Begehren, die Sucht nach Geld und Macht werden damit zu den äquivalenten Bestandteilen der Ideologie des Westens, die mit der Ideologie der islamischen Religion in Konkurrenz treten.

    Muharrem ist das Opfer der Distinktionsregeln verschiedener Systeme. Dabei spielt es eigentlich keine Rolle, dass er im Film als Vertreter nur einer Religion auftritt. Denn auch ein Mitglied der aufgeklärten, kapitalistischen Konsumgesellschaft, das sich auf einmal entschließt zu einem konservativen Sektenanhänger zu werden, müsste seine Lebensgewohnheiten so stark anpassen, dass er in seinen Gewohnheiten nicht mehr zu seiner bisherigen Umgebung passt und damit ausgeschlossen würde. Genau das ist es, wovor sich Muharrem fürchtet. Wenn er sich dem anderen System zu sehr öffnet, seine eigenen Regeln vernachlässigt, führte dies zum Ausschluss aus der religiösen Gemeinschaft, die ihm bisher Sicherheit bot. An diesem Widerspruch, dem Muharrem intellektuell und emotional nicht beikommen kann, droht er zu scheitern. Die wahre Größe Muharrems ist demnach unabhängig von seiner religiösen Orientierung oder dem bösen Widersacher der freien Warenwirtschaft. Umso interessanter ist die Konzeption des Helds in dieser Geschichte.

    Denn diese ist in ihrer Anlage universeller, als es die Macher des Films glauben machen wollen. Nicht weil Islamismus und Kapitalismus sich gegenseitig ausschließen kommt es zum Konflikt Muharrems - ein viel einfacheres, viel bewährtes dramaturgisches Strukturelement verantwortet denselben. Muharrem wird vor die Wahl gestellt, ins Kloster zu gehen und die Geschäfte zu übernehmen. In der Art und Weise, wie er die Entscheidung trifft, steht und fällt sein Schicksal. In der Ambivalenz zwischen der passiven Bürde und dem gewagten Tigersprung findet die Handlung ihre Balance. Nichtsdestotrotz funktionieren die intendierten kritischen Elemente des Films, die in dem eindeutig und auch uneindeutig interpretierbaren Ende ihren Ausdruck finden, dem jeder Zuschauer seine eigene Bedeutung beimessen muss.

    Jenseits aller ideologischen Verstrickungen, die der Film als Ballast mit sich bringt, zeichnet das Psychodrama „Takva“ eine faszinierende Welt, die im Spannungsfeld zwischen religiöser Verschuldung und weltlicher Versuchung steht. Fatih Akin (Gegen die Wand, Auf der anderen Seite) beweist hier erstmals seine Qualitäten als Produzent und kann mit „Takva“ einen bereits mehrfach ausgezeichneten Film in die Kinos bringen, der das Potential hat, zwischen islamischer und westlicher Kultur zu vermitteln.
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