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Lone Survivor
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Lone Survivor
Von

Hätte er nicht kurzfristig auf einen anderen Flug umgebucht, wären Mark Wahlberg und seine Familie an Bord eines der Flugzeuge gegangen, die am 11. September 2001 in das World Trade Center in New York gekracht sind. Aber während der Hollywood-Star selbst also ziemliches Glück gehabt hat, war die Änderung des Reiseplans für den Rest des Planeten offenbar verdammtes Pech. Denn nach Aussage des Schauspielers hätte das Weltgeschehen in den vergangenen zwölf Jahren auch einen ganz anderen Verlauf nehmen können: „Wenn ich mit meinen Kindern an Bord gewesen wäre, wären wir nicht einfach so runtergegangen. Es wäre eine Menge Blut in der 1. Klasse geflossen und dann wären wir sicher gelandet.“ Zwar hat sich der ehemalige Hip-Hopper später für diese Worte entschuldigt, aber die „Rambo“-Haltung hinter dieser selbstgerechten Aussage ist nun auch in Wahlbergs von ihm mitproduzierten neuen Film „Lone Survivor“ wiederzuerkennen. Zwar inszeniert Regisseur Peter Berg („Hancock“) in seinem auf einer wahren Geschichte basierenden Kriegsfilm eine Reihe von unmittelbar-intensiven Gefechtssituationen, aber darüber hinaus ist das Werk von einer unreflektierten Machohaltung geprägt, sodass viele Stellen für Nicht-Militärfetischisten nur schwer zu ertragen sind.

Nachdem der US-Nachrichtendienst den Aufenthaltsort des hasspredigenden Taliban-Anführers Ahmed Shahd (Yousuf Azami) ermittelt hat, werden am 28. Juni 2005 vier Soldaten der Eliteeinheit SEAL Team Ten per Helikopter in den Bergen Afghanistans ausgesetzt, um das Ziel auszuschalten. Doch während die Sniper Mike Murphy (Taylor Kitsch), Marcus Luttrell (Mark Wahlberg), Danny Dietz (Emile Hirsch) und Matt Axelson (Ben Foster) in ihrem Versteck ausharren und auf den Befehl zum Abschuss warten, werden sie von zufällig vorbeikommenden Ziegenhirten aufgestöbert. Zwar spielen die SEALs kurz mit dem Gedanken, die drei Zivilisten entgegen ihrer Einsatzbefehle zu eliminieren, aber dann entscheidet Anführer Mike Murphy, die Gefesselten laufen zu lassen, obwohl die Soldaten genau wissen, dass die Freigelassenen nun ihre Position verraten werden. Also müssen die SEALs so schnell wie möglich aus dem Gefahrengebiet fliehen, während ihnen mehr als hundert schwerbewaffnete Taliban-Kämpfer nachjagen…



Dass Peter Berg ein Bruder im Geiste von Regie-Patriot Michael Bay („Pearl Harbor“) und ein riesiger Fan der US-Armee ist, haben bereits seine früheren Filme „Operation: Kingdom“ und „Battleship“ gezeigt. Aber selbst die unverhohlenen Hurra-Amerika-Elemente dieser Blockbuster sind kein Vergleich zu der propagandistischen Ode an die Navy SEALs, die er nun mit „Lone Survivor“ raushaut. Gleich zum Auftakt gibt es huldigende dokumentarische Aufnahmen des unmenschlichen SEAL-Trainings garniert mit hochtrabend-nichtssagender Kriegsphilosophie („der unschönste aller unschönen Kämpfe“), die Mark Wahlberg als einziger Überlebender der Operation Red Wings aus dem Off beisteuert. Würden die Soldaten nicht die US-Flagge auf der Brust tragen, hätte „Lone Survivor“ mit seiner Männer-sind-nur-Männer-wenn-sie-50-Taliban-das-Hirn-rausgepustet-haben-Haltung sicher das Zeug zum neuen Lieblingsfilm von Vorzeige-Militärmacho Vladimir Putin. Dass die Elitesoldaten selbst eine solche Einstellung innehaben müssen, um in ihrem menschenverachtenden Job überhaupt funktionieren zu können, ist dabei gar nicht das Problem, das entsteht vielmehr dadurch, dass die Filmemacher diese Attitüde ohne jeden Anflug von Reflektion übernehmen. Da muss man nicht nur als Kriegsdienstverweigerer zuweilen ganz schön schlucken.

Es tobt ja schon seit längerem die Diskussion, ob es Anti-Kriegsfilme überhaupt geben kann. Bei „Lone Survivor“ kann man sich solche Überlegungen allerdings sparen, denn trotz weggeschossener Körperteile und durchlöcherter Körper hat dieses blutige Kriegstreiben mit „Anti“ nichts am Hut. Und wohl auch deshalb ist der Film dann am überzeugendsten, wenn das Philosophieren aufhört und sich die SEALs und die Taliban ohne Atem zu holen gegenseitig die Gedärme aus dem Leib ballern. Auch wenn es am Ende noch ein paar hilfreiche Einheimische gibt, wurden die Schauspieler für die afghanischen Figuren offenbar danach ausgesucht, wer am finstersten und diabolischsten dreinschauen kann (das macht sich gut im Fadenkreuz der Sniper, bevor ihr Hirn an den nächsten Baum spritzt). Am besten verdrängt man also einfach, dass dies alles auf einem wahren Vorfall beruht und denkt sich stattdessen in die Zeit klassischer Kalter-Kriegs-Reißer wie „Rambo III“ zurück, denn Feuergefechte inszenieren kann Berg verdammt gut (und die ganze zweite Hälfte des Films ist praktischerweise kaum mehr als eine einzige langgezogene Actionsequenz).

Wenn die SEALs nicht mehr weiter zurückweichen können, schmeißen sie sich einfach Abhänge herunter, wobei sie die brachialen Stürze nicht einmal wirklich abfedern können, weil sie mit ihren Händen ja das Gewehr umklammern müssen. In diesen Momenten ist die Kamera so unglaublich nah an den Soldaten dran, dass man zu spüren glaubt, wie die Knochen brechen und die Haut aufplatzt (der Film hätte eine Oscar-Nominierung für Make-up wirklich verdient, auch wenn er es unverständlicherweise nicht einmal in die Vorauswahl geschafft hat). Dabei verleihen die durchweg starken Schauspieler den nur rudimentär gezeichneten Figuren genügend raues Charisma, damit wir in dieser bleihaltigen Hölle ständig mit ihnen mitfiebern. Aber während dieser Teil des Films zumindest als reines Actionstück überzeugt, kann es Berg einfach nicht lassen, sein Publikum daran zu erinnern, dass er ja eigentlich viel mehr vorhat: So gibt es immer wieder Momente - etwa wenn am Gesicht eines gleich abdrückenden Talibans kurz die gleißende Sonne vorbeiblinzelt -, in denen der Regisseur inmitten der atemlosen Brutalität offenbar etwas von der surrealen Schönheit eines Terrence-Malick-Films wie „Der schmale Grat“ heraufbeschwören will. Aber diese unwirklichen Einsprengsel passen einfach nicht zum undifferenzierten Rest des Films und wirken deshalb bis zum Ende wie Fremdkörper.

Fazit: Intensiver Nonstop-Survival-Actioner, dessen plumper Hurra-Amerika-Militarismus jedoch durchgehend sauer aufstößt.

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Kommentare

  • Jimmy V.
    Hm. Ok, es ist ein Pro-Militärfilm, aber da nicht so dekonstruierend wie evtl. "Operation Kingdom"? Da habt ihr selbst geschrieben, dass dieser besser war als man denkt. Ich bin einfach ein wenig vorsichtig, weil "Lone Survivor" doch hier und da gar nicht mal so schlechte Kritiken bekommen hat. In dem Text da oben ist mir wiederum zu viel Gegen-Militarismus zu lesen. Geschrieben von einem Zivildienstleistenden, was? ;)
  • sky_erosion
    Ich habe den Film auch gesehen und muss sagen, dass der oben so scharf kritisierte Hurra-Amerikanismus mir nicht so stark aufgefallen ist. Er ist da, keine Frage, verfremdet wie im Ende von Operation Kingdom wird er auch nicht, aber andere Qualitäten überdecken das doch teilweise, was die gar nicht mal so schlechten Kritiken ausmachen. Die vier Darsteller sind alle sehr gut in ihren übersichtlichen Rollen, bei der Action verliert man nie die Übersicht und auch ansonsten ist die Regie von Berg wirklich gut. Die technischen Aspekte stimmen alle und machen den Survival-Actioner sehr unterhaltsam. Wir betreten halt sehr subjektives Terrain, wenn es darum geht, inwieweit der von Filmstarts so kritisierte Militarismus einem das Gesehene versauert.
  • Der Eine vom Dorf
    Stimme dir zu. Mir ist der Ton in der Kritik auch aufgefallen. Auf Christoph Petersen ist ja eigentlich immer Verlass, aber hier macht das wirklich den Eindruck von "bewusst mit negativer Erwartung geschaut".
  • Minnesota
    USA USA !!!
  • Jimmy V.
    Gut zu wissen, danke dir! Mir ist leider öfters schon aufgefallen, dass Moral in den Kritiken hier schon einen sehr starken Einschlag annimmt, was ich teilweise nicht nachvollziehen kann. Moral als Wertungskritierium geht an sich ok, aber nicht in übermäßigem Ausmaß, wie es damals z.B. in der Kritik zu "Harry Brown" der Fall war.
  • Rex_Kramer
    Man muss halt wissen worauf man sich "einlässt." Ich habe kein großes Problem mit Amerikanischem Patriotismus in solchen Filmen, obwohl (oder gerade weil?!) ich Teile dieser Kultur nicht besonders mag.Kurzweilige Action finde ich gut.
  • Diego81
    Wenn ich mich recht entsinne, wurden die Filme einer Leni Riefenstahl im dritten Reich auch sehr wohlwollend aufgenommen. You got to know your audience. ;) Positive Kritiken in den USA bedeuten nicht, dass der Filme gut ist.
  • Diego81
    Es gibt verschiedene Formen von Patriotismus. Ein Michael Moore beispielsweise wird aufgrund seiner kritischen Haltung gern von der politischen Linken in Europa zur Anti-Amerikanismus-Ikone ausgerufen. Dabei entsteht seine Kritik gerade aus seinem Partiotismus heraus. Hier geht es um unreflektierten Patriotismus, der nicht nur platt, sondern auch gefährlich sein kann.
  • Diego81
    Falsch herum gedacht: Nicht Christoph Petersen hat dem Film irgendeine Philosophie oder Moral, die platt sind, verliehen, sondern Berg hat dies getan. Wenn ein Regisseur einen Actioner abseits jeder Philosophie macht, ist es OK. Wenn er jedoch ein vermeintlich hintergründiges "Moral/Philosophie-Angebot" macht, muss er auch davon ausgehen, dass dieses bewertet wird.
  • TresChic
    Ein Film soll unterhalten. Warum muss man Berg jetzt seinen Patriotismus anmerkeln. Hauptsache die Action wurde gut umgesetzt. Seit wann nimmt man Kriegsfilme ernst? Es kommt nur auf eine spannende Handlung und auf Action an. Wer sich kritische Filme anschauen will, sollte sich eine Doku ansehen. Ich finde, man hätte auch anders an den Film rangehen können und ihn als Film bewerten sollen. Schade um die Kritik, die sich nur an den Patriotismus aufgeilt. Ob der Film wirklich gut ist, geht hier leider nicht hervor.
  • Jimmy V.
    Das ist schon richtig, und ich bestreite auch in keinster Weise, dass die Kritik hier nicht recht haben könnte - denn ich selbst habe den Film ja noch nicht gesehen. Aber sie wirkt mir gleichzeitig auch wieder zu sehr Verriss, als das man nicht etwas prüfend sein könnte.
  • Jimmy V.
    Nein, das sehe ich anders. Ich kann an jedes Werk meinen eigenen moralischen Maßstab mitbringen und diesem dem Film überstülpen. Gegen die USA und gerade ihren Militärfetisch zu sein ist dabei sicherlich leichter als anderswo diese moralischen Maßstäbe anzubringen.Natürlich wird auch Regisseur Berg Weltanschauungen dort hineinbringen, aber genauso wie das Ganze sicher keine tiefenphilosophische Auslotung sein soll, sollte die Kritik das ganze vielleicht selbst nicht dann auch nicht betreiben.
  • kaurismaeki
    Klingt ziemlich schlecht.
  • Diego81
    Aber sieh es doch mal so: Berg gibt mit den pseudo-philosophischen Äußerungen dem Treiben doch überhaupt erst einen Sinn. Darüber erfahren wir doch erst, warum die Soldaten dort sind und was sie tun bzw. was ihre Motivationen sind. Wenn die nur ballern sollen ohne jedweden Hintergrund, kann man auch eine kommentarlose Dokumentation drehen, oder? Oder man spielt ein Videospiel. ;)
  • Fa Zur H?lle
    Für manche gibts wohl echt nur Actionkracher oder Dokufilme...
  • backuhra
    Absolute Zustimmung. Zumal der Film frei von amerikanischer Propaganda ist und einen neutralen Blick aufs Geschehen hat. Außerdem ist es falsch einen Film abzuwerten nur weil er "zu amerikanisch" ist, vor allem wenn er aus den USA kommt.
  • Klaus B.
    Wie kann man Rambo "missverstehen"? Es gibt schlicht nichts zu verstehen. Rambo kämpft noch mit den Afghanen (damals Freiheitskämpfer genannt), heute bringt man die selben Leute um, durchlöchert Container in denen die gefangen sind und verschleppt sie rund um die Welt. Und ihr wollt "Rambo" verstehen?
  • Fain5
    Du scheinst aber auch null Ahnung zu haben, was einen Soldaten ausmacht oder? Nichts desto trotz war der Film großer Mist. Und das sage ich auch als Amerikafreund.
  • Fain5
    Ich kann nicht verstehen, wie man hier als Fan von solchen Filmen diesen so loben kann. Ich habe eigentlich auch gehofft, dass der Film sehr gut wird und es ruppig zu geht. Aber hier wurde mal wieder eine wahre Geschichte so Hollywoodmäßig überzogen dass es kaum zum aushalten ist. Ja die Navy Seals sind harte Hunde. Aber gleich zweimal fallen die einen riesen Abhang runter, müssten eigentlich sämtliche Knochen und Wirbel gebrochen haben aber gehen dann weiter als sei nichts passiert. Auf der anderen Seite erkennt man schon die Qualität, die Gefechte sind gut inszeniert und die afghanische Landschaft sehr schön fotografiert. Umso trauriger, dass man mal wieder mit dem Vorschlaghammer die Story servieren musste.
  • Supermaverick
    Ich habe eben diesen Film auf Blueray gesehen und muss sagen, dass ich schwer beeindruckt bin. Da dieser Film wohl nach einer wahren Begebenheit gedreht worden ist, ist dieser Film halt ganz anders zu beurteilen als ein Film "Rambo" oder andere Actionfilme, bei denen es nur auf irgendwelche Kampfszenen reduziert wird. Ich finde es gut, dass diese Jungen Männer gewürdigt werden für ihre Tapferkeit und Heldenmut. Ich bin stolz auf sie. Dieser Film ehrt sie.
  • Philipp H.
    Ich muss jetzt mal eine Lanze für Herrn Petersen brechen. Die negative Kritik wegen einer Anti-Militarismus Haltung so niederzumachen, wie hier in einigen Kommentaren geschehen, ist einfach nur traurig. In der Kritik steht eindeutig, dass er sich in erster Linie am Militarismus des Films stört und der ist tatsächlich unerträglich. Da werden Leute zu Helden gemacht, deren Moralkompass eindeutig schwer gestört ist und gerade in der Anfangssequenz mit den Bildern der (unmenschlichen und an Folter grenzenden) Ausbildung der Navy-SEALs wird die verherrlichende Haltung des Films deutlich. Jemand den übertriebener Militarismus stört, kann diesen Film leider einfach nicht durchgängig genießenIch will niemanden verurteilen, der sich an Hurra-Patriotismus und Militarismus nicht stört, aber andersherum ist die Ablehnung dessen auch eine berechtigte Ansicht und daher bitte ich die Community, dies doch bitte zu akzeptieren
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