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Stellungswechsel
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Stellungswechsel
Von Andreas Staben
Doppeldeutigkeiten haben sich schon immer als Salz in der Suppe der Geschlechter-Komödie bewährt. In diesem Sinne erweist sich der Titel von Maggie Perens Ensemble-Lustspiel als täuschendes programmatisches Versprechen: „Stellungswechsel“ bezeichnet auf der einen Seite eine ökonomische Notwendigkeit für die männlichen Protagonisten, die sich auf die widrige Suche nach neuen Jobs und Einnahmequellen machen müssen. Zum andern spielen aber auch die etwas schlüpfrigen Implikationen des Titels eine wichtige Rolle. Die beim Liebesspiel für den Übergang von einer Position zur anderen zu vollführenden akrobatischen Verrenkungen, diese ganz anderen Stellungswechsel, erhalten nämlich für die Hauptfiguren eine unerwartete, nicht mehr rein private Bedeutung. Das sich hier andeutende Spektrum zwischen hintergründig erzählter Gesellschaftskomödie und Sitcom mit Sketchstruktur wird von Peren jedoch weder in seiner Breite ausgelotet noch bleibt sie konsequent bei einem der Pole. Viele einzelne Pointen treffen zwar ihr eindeutiges Ziel, die Versuche thematischer Vertiefung und Verdichtung bleiben indes halbherzig.

Drei Münchner in Geldnöten: Ollis (Gustav-Peter Wöhler) schlecht laufendem Feinkostladen droht die Zwangsräumung, Frank (Florian Lukas) verliert seinen Job als Autor der Männer-Kolumne bei einer Frauenzeitschrift und der Polizist Gy (sprich: Gü, von Günther, Sebastian Bezzel) gerät durch einen gemeinsam mit der neuen Kollegin Daphne (Lisa Maria Potthoff) verursachten Unfall in finanzielle Bedrängnis. Als dem verdutzten Frank bei einem Besuch der Arbeitsagentur von einer Wildfremden Geld für seine Liebesdienste angeboten wird, beschließen die drei ungleichen Freunde, einen männlichen Eskortservice zu gründen. Verstärkt durch den gutaussehenden, noch sehr jungen Lasse (Kostja Ullmann) und die ehemalige Führungskraft Giselher (Herbert Knaup), die sie bei der Arbeitssuche aufgabeln, soll unter dem Motto „Deutsche Feinkost“ für jede etwas dabei sein. Trotz gewisser Meinungsverschiedenheiten darüber, wie weit die anzubietenden Dienstleistungen gehen sollen, ist es nach einem vielseitigen Traingsprogramm soweit: Im Internet kann die einsame Dame zwischen den fünf grundverschiedenen Typen wählen – mit Orgasmusgarantie. Aber erst nachdem eine Zeitung über den ungewöhnlichen Service berichtet, kommt es zu einer Nacht voller Aufträge.

Die 1974 geborene Maggie Peren legt mit „Stellungswechsel“ zwar ihren ersten langen Spielfilm als Regisseurin vor, hat aber bereits große Erfahrung als Schauspielerin und vor allem als Autorin. Von der sehr persönlich erzählten Dreiecksgeschichte unter Heranwachsenden „Vergiss Amerika“ über den RAF-Thriller „Das Phantom“ und das Nazi-Internats-Drama Napola bis zum spätpubertären Witz der „Mädchen, Mädchen“-Komödien, hat Peren sich in ihren Drehbüchern bereits sehr gegensätzlichen Genres gewidmet. Trotz großer Unterschiede und wechselnden Erfolgs ist stets das Bemühen herauszuspüren, bekannte Handlungsmuster individuell auszugestalten. Dies ist in Perens Arbeit als Regisseurin nun besonders deutlich zu beobachten. Als ausgebildete Schauspielerin konzentriert sie sich auf die Arbeit mit den Darstellern, um die Komödien-Klischees des eigenen Drehbuchs - vom sensiblen Akademiker bis zum etwas tumben Macho - durch individuelle Ausgestaltung in Lebendigkeit und Wahrhaftigkeit zu überführen. Was wiederum nur teilweise gelingt.

Die größte Herausforderung hat wahrscheinlich Sebastian Bezzel (Schwere Jungs, „Abschnitt 40“) als ich-bezogener, frauenfeindlicher Gesetzeshüter Gy zu meistern. Wenn er seine Macho-Allüren beim ersten Tag mit seiner neuen Partnerin als besserwisserischer Beifahrer voll ausspielt, ist das weder originell noch lustig. Solche Übertreibungen untergraben die Glaubwürdigkeit des folgenden Lernprozesses. Immerhin schafft es Bezzel, die Figur nicht ganz unsympathisch erscheinen zu lassen. Auch beim Frauenversteher Frank überdeckt die Banalität des Klischees alle Bemühungen zur Charakterstudie. Florian Lukas (Good Bye, Lenin!, Absolute Giganten) lässt sich engagiert auf die Rolle des promovierten Philologen ein, dessen Einfühlungsbereitschaft soweit geht, sich in schmerzhafter Prozedur die „Bikinizone“ enthaaren zu lassen. Letztlich wird aber auch der Softie wenig überzeugend ins dramaturgische Korsett gezwängt und besinnt sich auf seine „männlichen“ Seiten.

Etwas einfacher haben es die anderen drei Möchtegern-Gigolos in ihren kleineren Rollen: Nach dem Motto „Weniger ist mehr“ sind ihre Figuren allesamt interessanter. Herbert Knaup (Lola rennt, Agnes und seine Brüder) lässt hinter der Manager-Fassade routiniert die Leere eines Menschen, der seinen Platz im Leben neu suchen muss, aufblitzen. Und Kostja Ullmann (Verfolgt, Sommersturm), der als unerfahrener Lasse fast immer nur still im Hintergrund erscheint, schafft es besonders in den ungewöhnlichen Szenen mit seiner Mutter (Adriana Altaras), sich die altersbedingte Beklommenheit zu eigen zu machen. In solchen berührenden Momenten ist „Stellungswechsel“ mehr als eine Folge oberflächlicher Scherze. Plötzlich hält ein Gefühl für Realität Einzug in den Film, das sich auch beim Anblick des tanzenden Kochs Olli kurzzeitig einstellt. Gustav-Peter Wöhler bringt sowohl die Freude über einen vermeintlichen Großauftrag für seinen Laden als auch die Enttäuschung, nachdem daraus doch nichts wird, sehr natürlich zum Ausdruck. Olli ist neben Lasse die am echtesten wirkende männliche Figur in „Stellungswechsel“ und der Gedanke an einen früheren Auftritt Wöhlers macht klar, wovon Perens Film auch hätte erzählen können.

Urlaub vom Leben, in dem Wöhler einen Bankangestellten spielt, dessen Lebensroutine auf den Kopf gestellt wird, zeigt ähnlich wie Eoin Moores Im Schwitzkasten, dass Komödien wie nebenbei auch die soziale Wirklichkeit einer Gesellschaft thematisieren können, indem sie uns nicht Abziehbilder, sondern Originale zeigen. Menschen statt Typen. Dieser die zu gut geölte Dramaturgie unterlaufende Effekt stellt sich hier kaum ein, denn in „Stellungswechsel“ sind eindeutige Annahmen und (Vor-)Urteile über die Figuren und ihr Verhalten bis zum Ende erzählerisches Prinzip. Wir lachen, weil wir die hier befolgten Genre-Regeln verstehen, die präsentierten Klischees kennen. Das Unerwartete und Widersprüchliche der Wirklichkeit muss draußen bleiben. Unverbindlichkeit und Vielschichtigkeit sind schwerlich gemeinsam zu haben.
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