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    Der Mongole
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Der Mongole
    Von Martin Thoma
    Im 13. Jahrhundert erreichte das Mongolenreich eine Ausdehnung, die alles zuvor Dagewesene in den Schatten stellte. Heute verbindet man es meist nur noch mit dem Namen Dschingis Khan und der vagen Vorstellung von barbarischen Reiterhorden. Das war es dann auch schon. Deshalb ist es sicherlich kein Fehler, auch wenn vor einigen Jahrzehnten bereits ein Film über Dschingis Khan (mit Omar Sharif in der Hauptrolle) gedreht wurde, heute einen epischen Historienfilm zu dem Thema zu machen, der sich bemüht, der historischen Figur hinter dem gefürchteten Herrscher Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und dabei etwas Substanzielles über die mongolische Kultur zu erzählen. Besonders dann nicht, wenn sich der erfahrene russische Regisseur Sergei Bodrov, der Drehbuchautor Arif Aliyev (das Duo zeichnete schon 1996 für den herausragenden Anti-Kriegsfilm „Gefangen im Kaukasus“ verantwortlich) und der Wächter der Nacht-Kameramann Sergey Trofimov mit einem für Nicht-Hollywoodverhältnisse beachtlichen Produktionsbudget im Rücken gemeinsam ans Werk machen. Tatsächlich kann „Der Mongole“ nun auch mit einigen wuchtigen Kampfsequenzen und grandiosen Landschaftsaufnahmen punkten, bleibt davon abgesehen aber leider weitgehend ideenlos und liefert nur gepflegte Langeweile. Sein erklärtes Ziel, dem Zuschauer die fremde mongolische Kultur und die Figur Dschingis Khans näher zu bringen, verfehlt Bodrov um Längen.

    Der Stammeshäuptling Khan Esugei (Ba Sen) und sein Sohn Temudgin (Odnyam Odsuren, später: Tadanobu Asano), der spätere Dschingis Khan, sind unterwegs auf Brautschau. Der gerade einmal neun Jahre alte Häuptlingssohn verliert sein Herz an ein freches zehnjähriges Mädchen namens Borte (Bayertsetseg Erdenebart, später: Khulan Chuluun). Die Hochzeit soll in fünf Jahren stattfinden. Doch auf dem Rückweg wird Esugei von Mitgliedern eines verfeindeten Stammes auf hinterhältige Weise gemeuchelt. Plötzlich ist Temudgin Khan. Doch der kleine Junge kann sich gegen die übrigen Krieger seines Stammes nicht durchsetzen. Targutei (Amadu Mamadakov), einer der eigenen Leute, reißt den Stamm an sich und plant, Temudgin zu töten, um später nicht dessen Rache fürchten zu müssen. Doch Temudgin kann flüchten. Er tritt eine beschwerliche Reise an, um doch noch seine Borte zu gewinnen und sich zum mächtigsten Herrscher aufzuschwingen, den die Welt je gesehen hat…

    „Der Mongole“ ist ein Epos mit langem Atem und beginnt daher eher gemächlich. Die Langsamkeit ist im Vergleich zur Hetzerei vieler aktueller Fantasy-Epen zunächst durchaus erfrischend. Beim Versuch, den Tonfall archaischer Legenden zu treffen, überzieht Bodrov allerdings so stark, dass das bedächtige Tempo bald in Langeweile umkippt. In der zweiten Hälfte des Films nimmt die Handlung glücklicherweise an Fahrt auf, bleibt in ihrer archaisierenden Einfachheit aber zu berechenbar. Bodrov und Aliyev haben sich sicherlich auch deshalb für eine ausführliche Exposition entschieden, um das Verhalten ihres Helden aufgrund seiner Geschichte als ewig Gejagter und einsamer Wolf nachvollziehbar zu machen. Doch wirkt dieser Versuch eher ungeschickt und andere Dinge, die wichtiger gewesen wären, kommen zu kurz: insbesondere eine präzisere Darstellung der Kultur, der Temugdin angehört. In diesem Bereich sind nur Ansätze vorhanden, wobei insbesondere die ganz eigenartigen Sangeskünste der Mongolen beeindrucken können.

    Temudgins Liebe zu Borte ist neben den anarchischen Zuständen im Mongolenreich die Antriebskraft, die das Handeln des Protagonisten bestimmt, und ganz nebenbei die tragende Säule der Dramaturgie des Films. Bodrov inszeniert sie allerdings als völlig stereotype Geschichte einer Liebe, die bedingungslos allen Widrigkeiten trotzt. Was hier teilweise an Vater-Mutter-Kind-Kitsch aufgefahren wird, gleicht an den schlimmsten Stellen schon einem besonders grauenhaften Fernsehwerbespot, bei dem der Reihenhausgarten mal eben durch die mongolische Steppe ersetzt wurde.

    Der Japaner Tadanobu Asano (Zaitoichi - Der blinde Samurai, Last Life In The Universe) spielt den erwachsenen Temugdin als coolen Outlaw, der noch angekettet auf dem Sklavenmarkt tödliche Blicke wirft. Als Auftragsmörder in „Zatoichi“ ist ihm die Darstellung eines geradlinigen und sturen Kämpfers allerdings besser gelungen. In „Der Mongole“ hat er es schwer, seiner Figur Profil zu verleihen. Zu viel Raum nehmen die Handlungsstränge um seinen Leidensweges und seine großen Liebe ein: Ein wirklich interessanter Charakter ist Dschingis Khan aber vor allem in seiner Funktion als Politiker und Heeresführer. Hier verzichtet der Film lobenswerterweise auf eine zu platte Heroisierung und wählt, indem er Dschingis Khan als keineswegs charismatischen Führer darstellt, den glaubwürdigeren, aber auch schwierigeren Weg. Dschingis Khan verhält sich mal großzügig und geschickt, mal ungeschickt und rücksichtslos. Im Großen und Ganzen muss die Figur aber mit nur zwei bestimmenden menschlichen Regungen auskommen: seinem Kampfgeist und seiner unbeugsamen Liebe. Spannender ist – wie so oft in Heldengeschichten – sein Gegenspieler Jamukha, der die Charaktereigenschaften eines Normalsterblichen besitzt und den der chinesische Schauspieler Sun Hong Lei (Heimweg) mit viel Humor verkörpert. Die Figur Jamukhas hätte definitiv mehr Raum in der Geschichte verdient gehabt. Die Mongolin Khulan Chuluun als Borte ist schön, stark und anmutig - und damit perfekt Besetzung für ihre Rolle.

    „Der Mongole“ enttäuscht aufgrund seiner inhaltlichen Belanglosigkeit besonders gemessen an Bodrovs anti-nationalistischem und aufklärerischem Anspruch, den er in Interviews immer wieder betont. Wer „Gefangen im Kaukasus“, sein beeindruckendes Plädoyer gegen die Entmenschlichung von Soldaten im Allgemeinen und gegen den russischen Tschetschenien-Krieg im Besonderen, nicht kennt, wird hinter Bodrovs Aussage, wie wichtig es ihm gewesen sei, als Russe das noch immer verfälschte europäische/russische Bild von „den Mongolen“ zu korrigieren, nur für das übliche Marketinggewäsch halten.

    Strukturell interessant ist eine Gegenüberstellung mit Oliver Stones ebenfalls eher missratenem Alexander. Alexander ist der westliche Eroberer, dem die westliche Geschichtsschreibung die Rolle des Helden zugedacht hat. Stone stellt ihn allerdings nicht als Helden, sondern als gebrochene, widersprüchliche Figur dar. Alexanders Gegenstück, der asiatische Eroberer Dschingis Khan, verkörpert traditionell das Monster und Bodrov macht ihn nun zu einer doch relativ ungebrochenen Heldenfigur. Leider haben strahlende Helden den Nachteil, weniger interessant zu sein.

    Fazit: Was als Film mit langem epischem Atem gedacht war, ist eher ein Epos zum Gähnen geworden. Mit seinen Schlachtenszenen und bombastischen Landschaften liegt „Der Mongole“ zwar Schauwert-technisch voll im Soll, aber wer darüber hinaus mehr erwartet, dem wird das Pathos zu hohl, die Machart zu konventionell und die Erzählweise zu uninteressant erscheinen.


    Interview mit Regisseur Sergej Bodrov.
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