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Hände weg von Mississippi
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Hände weg von Mississippi
Von Christoph Petersen
Egal was Autorin Cornelia Funke anpackt, das Ergebnis gehört stets zum Besten, was die deutsche Kinder- und Jugendliteratur zu bieten hat. Daher ist es mehr als überraschend, wie lange es gedauert hat, bis die Filmindustrie ihre Bücher endlich für sich entdeckte. Doch dafür setzt jetzt auch ein wahres Funke-Feuerwerk auf deutschen Leinwänden ein. Nachdem es 2006 bereits zwei ihrer Werke in die Kinos schafften, startet nun neben „Hände weg von Mississippi“ im April auch noch die Fortsetzung Die wilden Hühner und die Liebe, eine Verfilmung von Funkes Fantasyroman „Tintenherz“ ist momentan unter der Regie von Iain Softley in Hollywood in der Mache. Doch wo die zahlreichen Bücher bisher allesamt überzeugen konnten, sieht es mit der Qualität der Verfilmungen nicht ganz so einhellig rosig aus. Dem grandiosen Jugendfilm Die wilden Hühner steht der komplett missratene Herr der Diebe gegenüber, aus dem die Macher bei ihrem Versuch, auf der Harry-Potter-Erfolgswelle mit zu schwimmen, ein herz- und seelenloses 08/15-Fanatasyabenteuer machten. Dank Detlev Bucks liebevoll-charmantem Pferdeabenteuer „Hände weg von Mississippi“ wird Funkes Filmwirken nun wieder in den eindeutig positiven Bereich katapultiert – sie hat es verdient!

Die Sommerferien verbringt die 10-jährige Emma (Zoe Charlotte Mannhardt) wie jedes Jahr bei ihrer Großmutter Dolly (Katharina Thalbach) auf dem Lande. Endlich sieht sie ihre Freunde Leo (Karl Alexander Seidel) und dessen Bruder Max (Konstantin Kaucher), Dollys Tiere und die übrigen Dorfbewohner wieder. Doch die anfängliche Harmonie trügt. Der alte Klapperbusch ist kürzlich verstorben und sein schleimiger Neffe Albert Gansmann (Christoph Maria Herbst) auf sein üppiges Erbe aus. Teil des Nachlasses ist die klapprige Stute Mississippi – nur durch ein höheres Gebot kann Emma Gansmann, der den alten Gaul nur möglichst schnell wieder loswerden will, gerade noch davon abhalten, das Pferd an den Schlachter Pit (Ingo Naujoks) zu verscherbeln. Doch schon kurze Zeit später will Gansmann Mississippi wieder zurück, er bietet Emma sogar 500 Euro für sie. Allen ist sofort klar, dass es für diesen plötzlichen Sinneswandel noch einen anderen Grund als bloße Pferdeliebe geben muss. Als Emma und ihre Freunde doch noch hinter Alberts Geheimnis kommen, schreckt dieser nicht einmal mehr vor einer heimtückischen Entführung zurück…

Auf der einen Seite steht Funkes Buchvorlage. Ein aufregendes, temporeiches Sommerferien-Abenteuer in der Tradition von „Tom Sawyer“ oder Astrid Lindgren inklusive Schweinerodeo, Erdbeeren mit Schneckeneinlage und Pferdebemalen. Auf der anderen steht Regisseur Detlev Buck, der sich zwar zuletzt mit Knallhart im ernsthaften Fach bewies, ansonsten aber eher für seine extrem trockenen Komödien à la „Karniggels“ oder „Wir können auch anders“ bekannt ist. Ein gemischtes Doppel, das auf den ersten Blick nicht gerade füreinander bestimmt scheint, sich aber auf den zweiten als wahrer Glückstreffer erweist. Buck nimmt sich Funkes liebevoll-skurril gestalteten Figuren und würzt diese mit seinem typischen trocken-dorfigen Humor – das Ergebnis ist einfach nur urkomisch und unendlich charmant. Sowieso ist der exzessive Einbau des Drehorts Rögnitz hervorragend gelungen. Buck lässt Postbotin, Bürgermeister und die freiwillige Feuerwehr in amüsanten Kurzauftritten mitwirken, punktet so auch noch mit einer gehörigen Portion an sympathischem norddeutschen Lokalkolorit. Hierzu passt auch der unheimlich liebevoll gestaltete Abspann, in dem anhand eines Zeichentrick-Pferds die verschiedenen Aufgaben beim Film demonstriert werden.

Zoe Charlotte Mannhardt (Die wilden Kerle 3) ist hier zwar in ihrer ersten Hauptrolle zu sehen, überzeugt aber nicht nur mit ihrer unerhörten Natürlichkeit, sondern wirkt auch schauspielerisch schon wie ein alter Hase. Sowieso liegt das Niveau der Kinderdarsteller weit über dem Durchschnitt vergleichbarer Produktionen. Bei den Erwachsenen sieht die Sache qualitativ nicht viel anders aus. Charaktermimin Katharina Thalbach (Stajk - Die Heldin von Danzig) gibt die schlagfertige Großmutter mit augenzwinkerndem Witz und viel Liebe. Christoph Maria Herbst (Neues vom Wixxer, Hui Buh - Das Schlossgespenst) macht als schmieriger Bösewicht halt sein Ding – und macht es einmal mehr hervorragend. Milan Peschel (Das wilde Leben) reichert seine Rolle als debiler Dorftrottel mit ordentlich subtilem, wunderbar norddeutschem Wortwitz an. Daneben tummeln sich mit Thalia-Ensemblemitglied Hans Löw und Werbeikone Ingo Naujoks, der für Buck bereits zum dritten Mal den Schlachter macht, auch noch zwei bucksche Verdächtige in „Hände weg von Mississippi“. Und Buck selbst gibt in Sonnenallee-Manier einmal mehr den übermäßig pflichtbewussten Dorfpolizisten - einfach unnachahmlich. Aber trotz all dieser hervorragenden Darstellungen bleibt der wahre Höhepunkt sicherlich das Mitwirken des Platt schnackenden Ohnsorg-Urgesteins Heidi Kabel – zum Niederknien.

Funkes ebenso spannende wie phantasievolle Abenteuergeschichte, Bucks temporeiche, mit vielen kleinen Einfällen gewürzte Inszenierung und der für ihn so typische dorfige Humor, hervorragend aufgelegte Darsteller in liebevoll-skurril gestalteten Rollen – diese Mischung macht aus „Hände weg von Mississippi“ ein kurzweilig-sympathisches Highlight der klassischen Familienunterhaltung.
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