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    Die Strände von Agnès
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Die Strände von Agnès
    Von Sascha Westphal
    Am Anfang ist da erst einmal eine gewisse Skepsis gegenüber dem ganzen Projekt. Die Vorstellung, einen Film über das eigene Leben zu drehen, ist der 1928 in Brüssel geborenen Filmemacherin und Künstlerin Agnès Varda fremd. Eigentlich lässt sie sich viel lieber auf andere und deren Geschichten ein. Ein fast grenzenloses Interesse an Menschen und Orten hat sie schließlich immer schon umgetrieben. Eine liebevolle, für alles offene Neugierde prägt dabei ihren Blick auf das Leben und erfüllt ihre lyrischen Dokumentationen („Mauerbilder“, „Die Sammler und die Sammlerin“) genauso wie ihre sensiblen Spielfilme („Cleo – Mittwoch zwischen 5 und 7“, „Vogelfrei“). Doch nun, kurz vor ihrem 80. Geburtstag, scheint einfach die Zeit gekommen zu sein, in den Spiegel zu sehen – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne – und das, was sie dabei sieht, in Filmbilder zu fassen. So ist also „Die Strände von Agnès“ entstanden, ein magisches, vom Dokumentar- wie vom Essayfilm beeinflusstes Selbstporträt, das sich aber letztlich jeglicher Kategorisierung konsequent widersetzt. Es ist eben doch etwas völlig anderes, ob ein Schriftsteller seine Autobiographie schreibt und dabei ganz selbstverständlich „Ich“ sagt, oder ob ein Filmemacher seinem eigenen Leben mit der Kamera nachspürt.

    Das Motto ihrer filmischen Autobiographie gibt Agnès Varda gleich zu Anfang selbst vor: „Würden wir das Innere anderer Menschen offenlegen, würden wir Landschaften finden. Würden wir mein Inneres offenlegen, würden wir Strände finden.“ Als sie das sagt, geht sie gerade über einen Strand an der belgischen Nordseeküste, also über eines dieser Gestade ihrer Kindheit. Diesmal ist sie für ein Installationsprojekt dorthin gekommen, in den 30er Jahren hat sie an dieser Küste die Sommer verbracht. Und so beginnt eine assoziative Exkursion zurück in die Vergangenheit, ein Trip entlang der Erinnerungen. Sie führt aus dem Belgien der 30er Jahre zunächst an die südfranzösische Küste, wo sie in den ersten Kriegsjahren zusammen mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern auf einer Yacht gelebt hat, dann nach Paris, viel später auch nach Kalifornien und schließlich wieder zurück nach Frankreich. Die Strände sind die Bindeglieder und die Erinnerungen an ihre große Liebe, den Filmemacher Jacques Demy („Lola, das Mädchen aus dem Hafen“, „Die Regenschirme von Cherbourg“), und das Herz dieser Lebensreise, dieser Reise zu den Orten und Menschen, die untrennbar mit ihrem Leben verbunden sind.

    „Biographie: Ein Spiel“ – auch das wäre durchaus ein passender Titel für Agnès Vardas autobiographischen Versuch, in dem sie sich selbst wie eine Fremde betrachtet. Immer wieder stellt sie kleine Szenen aus ihrem Leben nach. Dann schlüpfen Darstellerinnen unterschiedlichsten Alters in die Rolle der Agnès Varda und spielen das, woran sich die Filmemacherin erinnert. So entsteht eine vieldeutige ironische Distanz, die jedem Pathos und jeder überhöhenden Selbstinszenierung entgegenwirkt. Damit kann sie einen Blick von Außen auf ihr Innerstes werfen und dessen Strände begehen. Alles ist Spiel und wird zu Fiktion, die vielleicht einmal Wirklichkeit war. Agnès Varda will nicht die definitive Version ihrer Lebensgeschichte in Bilder bannen. Sie bietet vielmehr Möglichkeiten an: So könnte es gewesen sein. Erinnerungen sind nicht verlässlich und manchmal – und diese Formulierung gefällt ihr besonders – „entkommen sie uns auch“.

    Agnès Vardas Geschichte ist auch eine der Nouvelle Vague. Mit „La Pointe Courte“, ihrem ersten, semidokumentarischen Spielfilm, war sie 1954 eine Vorreiterin des neuen französischen Kinos. Wenige Jahre später war sie dann nicht mehr wegzudenken aus diesem illustren Kreis von Filmemachern, zu dem neben Jean-Luc Godard, François Truffaut, Claude Chabrol und Jacques Rivette auch Jacques Demy, Chris Marker, der hier in Gestalt einer gezeichneten Katze in Erscheinung tritt und mit verfremdeter Stimme herausfordernde Fragen stellt, und Alain Resnais, der ihr Erstlingswerk geschnitten hat, gehörten. In diesem Chor der Männer, davon zeugen auch die Ausschnitte aus ihren alten Arbeiten, war sie trotz allem immer eine Außenseiterin, und das ist sie auch bis heute geblieben.

    Aber mit ihrer immer noch unerschöpflich wirkenden Energie hat Agnès Varda eine ganz eigene Bewegung in diese Welle getragen und sie in andere Richtungen gelenkt – in Gebiete, die der Nouvelle Vague ansonsten verschlossen geblieben wären. Auch davon zeugen die vielen alten Spiegel, die sie zu Beginn des Films an der Nordseeküste aufstellt. Sie fragmentieren und vervielfältigen die Welt zugleich, zerlegen sie in kleine Ausschnitte und rahmen diese dann, verwandeln sie also in Bilder, die umgeben sind von Sand, Meer und Himmel. René Magritte hätte die helle Freude daran gehabt, und der Betrachter realisiert erstmals, dass diese Neue Welle, die das Kino damals überrollte, auch ein Ausläufer des Surrealismus war.

    Das Meer hat sich Agnès Varda mit Demy und den anderen geteilt, aber der Strand, an dem sich ihr Teil der Welle bricht, gehört ihr alleine. Nach der spielerischen Leichtigkeit und intellektuellen Grandeur, mit denen sie Erinnerungen und Fundstücke, alte Filmausschnitte und neue Spielszenen, Fotos und Worte immer wieder von neuem arrangiert und umarrangiert, bis sie sich nicht nur zu einer Autobiographie, sondern auch zu einer Reflexion über das Wesen des Autobiographischen an sich zusammenfügen, sehnt sich auch Alain Resnais. Doch im Vergleich zu „Die Strände von Agnès“ wirken seine erzählerischen Experimente seltsam steif und ungelenk.
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