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    Frontalknutschen
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Frontalknutschen
    Von Andreas Staben

    Die Turbulenzen des Teenagerlebens aus weiblicher Perspektive haben in Buchläden und Filmtheatern momentan Hochkonjunktur. In Deutschland konnten die Romanreihen um Die wilden Hühner und Freche Mädchen genauso wie deren Bearbeitungen für die Kinoleinwand beachtliche Erfolge feiern. Bei britischen Mädchen sind die Bücher der Autorin Louise Rennison über die Erlebnisse des Teenagers Georgia Nicolson ähnlich populär. Daher ist es nicht verwunderlich, dass eine Filmbearbeitung der ersten beiden Bände der mittlerweile neunteiligen Serie erfolgte. „Frontalknutschen“ ist in den Händen der Regisseurin Gurinder Chadha (Kick It Like Beckham, Lebe lieber Indisch) zu einer leichtgewichtigen Komödie geworden, die vor allem der Zielgruppe amüsante Unterhaltung bietet.

    Die 14-jährige Georgia Nicolson (Georgia Groome) hat nur zwei große Wünsche: Sie möchte einen Sexgott als Freund und zu ihrem 15. Geburtstag soll die beste Party aller Zeiten stattfinden. In Robbie (Aaron Johnson, Herr der Diebe, The Illusionist) ist schnell ein Auserwählter gefunden, aber der frisch aus London Zugezogene ist unglücklicherweise mit Georgias Erzfeindin Lindsay (Kimberley Nixon) zusammen, nach der alle Jungs die Köpfe verdrehen. Georgia gibt dennoch nicht auf und schmiedet mit ihren Freundinnen Pläne zur Eroberung. Sie nimmt Kussunterricht beim gleichaltrigen Exzentriker Peter (Liam Hall), um ihre Fähigkeiten auf der selbst entworfenen Knutschskala zu perfektionieren, und versucht das Mitleid des Tierfreunds Robbie zu wecken, indem sie vorgibt, dass der Familienkater Angus entlaufen sei. Doch längst nicht alles läuft wie gewünscht und als Georgias Vater (Alan Davies) ein Jobangebot in Neuseeland erhält, kommen plötzlich noch weitere Probleme hinzu...

    Der Film ist den Büchern folgend aus der Perspektive Georgias erzählt. Gleich am Anfang sorgt dies für eine gelungene Miniatur eines Teenager-Albtraums. Georgia quält sich in einer unbeschreiblichen Verkleidung als Olive zu einer Kostümparty. Als sie dort eintrifft, wird ihr einer dieser Momente größter Peinlichkeit bereitet, wie sie in ihrem Alter immer wieder drohen. Sie wurde alleingelassen – ihre Freundinnen der „Ace Gang“, die ebenfalls als „Hors d'œuvres“ kommen wollten, haben kalte Füße bekommen. Hier schließt die Lust am kuriosen Detail die emotionale Komplexität nicht aus. Beim Porträt des Kussmeisters Peter dagegen weicht das Mitgefühl einer ironischen Distanz. Der unbescheidene Junge mit der originellen Frisur, der die Mädchen im Halbstundentakt in die Geheimnisse der Kusstechniken einweiht, legt dazu gerne Musik von Spandau Ballet auf und hat an der Wand ein großes Hugh-Grant-Poster hängen. Die Figur ist wunderbar verrückt, aber der Umgang mit ihr ein wenig lieblos. Ein Schicksal, das Peter mit anderen Charakteren teilt.

    Besonders bedauerlich ist, dass die Erzrivalin Lindsay bis zum Ende Zicke bleiben muss und die Gelegenheit einer versöhnlichen Wendung, die auf anderen Ebenen erfolgt, ungenutzt bleibt. Hier schleicht sich eine unnötige Boshaftigkeit ein. Ähnlich grob gestrickt ist auch die Abkehr Georgias vom Ego-Trip einer selbstsüchtigen und rücksichtslosen Göre, die im Gegensatz zu den eigenen Beteuerungen ganz sicher noch keine erwachsene Frau ist. Nur das beachtliche Talent von Georgia Groome, die hier in einer ganz anderen Rolle zu sehen ist als in London To Brighton, wo sie eine Bettlerin mimte, verhindert, dass die Hauptfigur alle Sympathien verliert. Allzu selten gibt es neben den turbulenten Verwicklungen Momente der Einkehr und Einsicht. Wirkliche Probleme und ein ernsthaftes Interesse an der jugendlichen Gefühlswelt sind gegenüber einer kapriziösen Katze und dem kollektiven Anschmachten eines gutgebauten Handwerkers nachrangig. Der gefühlige Auftritt der „Stiff Dylans“, einer eigens für den Film gecasteten Band, schafft zumindest ein musikalisches Ventil für die komplexeren Empfindungen. Die erfolgreiche Arbeit an „Frontalknutschen“ ließ aus der fiktionalen Gruppe (zu der Robbie alias Aaron Johnson nur für die Zwecke der Filmhandlung gehört) tatsächlich eine jugendliche Pop-Combo mit Vertrag bei Columbia Records werden.

    Chadha und ihr angestammter Co-Autor und Ehemann Paul Mayeda Berges haben das aus amerikanischen Collegekomödien wie „Clueless“ und Mean Girls vertraute Spiel mit Codes, Regeln und Ritualen nach England übertragen und „Frontalknutschen“ zugleich doch eine unverwechselbar britische Prägung erhalten. Dabei verleihen Chadha und ihr Kameramann Dick Pope (Happy-Go-Lucky, Vera Drake) dem südenglischen Seebad Eastbourne mit schönen Pastelltönen eine fast glamouröse Atmosphäre, mit der sich „Frontalknutschen“ von anderen Genrebeiträgen abhebt. Selbstverständlich geht es auch hier um komplizierte Fragen wie den richtigen Zeitpunkt eines Anrufs bei einem Jungen oder die tiefere Bedeutung eines schnell hingesagten „Wir sehen uns“, nur der Ton ist ein wenig unverblümter und der Umgang insgesamt rauer. Die Sprache ist unverkennbar Englisch (und nicht Amerikanisch) - einschließlich der einfallsreichen Wortschöpfungen Georgias und ihrer Freundinnen. Zumindest in der deutschen Fassung, die mit erstaunlichen Vokabeln wie „trottelpatschig“, „Brustigkeit“ und „gelatinös“ aufwartet, wirkt dieser Slang aber recht gezwungen und wenig organisch.

    „Frontalknutschen“ zeigt nicht das Einfühlungsvermögen von Die wilden Hühner und die Liebe, dem bisher mit Abstand besten Beitrag aus der aktuellen Mädchenfilm-Welle. Gurinder Chadha setzt stärker auf Stilisierung, ihr Film ist eher cool als liebenswert. Die Charaktere sind nicht gleichmäßig ausgearbeitet und manche Wendung ist wenig überzeugend. Aber ähnlich wie die „Ace Gang“ Georgia nicht lange gram ist, müssen kleine Einwände das Filmvergnügen nicht wesentlich mindern, denn das gut aufgelegte Ensemble bemüht sich mit Verve um Kurzweil.

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