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    Zu scharf, um wahr zu sein
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Zu scharf, um wahr zu sein
    Von Carsten Baumgardt
    Ein Höchstmaß an Vorhersehbarkeit macht dem Genre der romantischen Komödie regelmäßig zu schaffen. Deshalb greifen Filmemacher immer öfter zu radikalen Mitteln und peppen ihren Liebesreigen mit aberwitzigen Ausgangsideen auf (siehe: Selbst ist die Braut, Verlobung auf Umwegen oder Zufällig verheiratet). Auch Regisseur Jim Field Smith langt in seiner Rom-Com „Zu scharf, um wahr zu sein“ kräftig zu. Die Prämisse, dass sich eine Weltklassefrau in einen hühnerbrüstigen Durchschnittstypen verliebt, hält dem Abgleich mit der rauen Realität zwar nicht stand, weil der Film aber erstaunlich viel Charme versprüht und die eingestreuten Gross-Out-Zoten keineswegs die Romantik bagatellisieren, verbreitet „Zu scharf, um wahr zu sein“ gute Laune, die nur durch einige überflüssige Genrestandards getrübt wird.

    Kirk (Jay Baruchel) könnte kaum durchschnittlicher sein. Die erträumte Karriere als Pilot blieb ihm zwar verwehrt, doch mit seinem Job beim Sicherheitsteam des Flughafens von Pittsburgh ist er vollauf zufrieden. Seine Arbeitskollegen Stainer (T.J. Miller), Devon (Nate Torrence) und Jack (Mike Vogel) sind gleichzeitig auch seine besten Freunde. Kirks Leben ändert sich jedoch schlagartig, als er der Überfrau Molly (Alice Eve) beim Sicherheits-Check-In den Tag rettet. Sie hat ihr Handy liegen lassen und er trägt es ihr hinterher. Anwältin Molly, die inzwischen als Eventmanagerin das große Geld macht und in einer Luxuswohnung residiert, entwickelt ernsthafte Gefühle für Kirk und lädt ihn völlig überraschend zu einem Date ein. Es ist einfach zu unglaublich, dass jemand wie Molly sich für einen wie Kirk interessiert. Trotz des Klassenunterschieds und der Bedenken ihrer Freunde nähern sich die beiden einer echten Beziehung an…

    Unter normalen Umständen würden Kirk und Molly wohl niemals zusammenkommen. Sie spielt eben in einer anderen Liga, wie es der Originaltitel „She’s Out Of My League“ viel besser trifft als die ruppige deutsche Übersetzung. Genüsslich dozieren Kirk und seine Kumpel über das Attraktivitätspunktesystem. Kirk ist eine 5, Molly eine glatte 10 (Jack eine 8, Stainer eine 6 bis 7 und Davons Werte fallen derart mies aus, dass sie kaum messbar sind). Nur unter bestimmten Voraussetzungen lassen sich zwei Stufen überspringen, aber mehr geht nicht. Die Romantiker unter uns könnten nun einwenden, dass die Grundidee von Regisseur Jim Field Smith und seinem Autorenduo Sean Anders und John Morris (Spritztour), nämlich das schöne Menschen und weniger schöne Menschen einfach nicht zusammenpassen, viel zu zynisch für eine romantische Komödie sei. Schließlich sollte zumindest im Kino das Träumen noch erlaubt sein. Doch genau das tun die Filmemacher, wenn sie nach der Vorstellung der Attraktivitätsskala gleich süffisant die Ausnahme von der Regel durchexerzieren.

    Diese Nummer zieht Newcomer-Regisseur Field Smith eisern durch und spielt jede mögliche Facette komödiantisch aus – Freunde, Familie und die Gesellschaft im Allgemeinen: Alle kommentieren das ungleiche Paar. Dank der gut aufgelegten Darsteller funktioniert das Spielchen, weil Jay Baruchel (Beim ersten Mal, Fanboys) und Alice Eve (Stage Beauty) zwar ein verrücktes Pärchen abgeben, aber dabei so charmant sind, dass ihnen die Sympathien des Publikums zufliegen. Wenn Baruchel verzweifelt und hilflos sein De-Niro-Gesicht aufsetzt und Eve ohne Affektiertheit bezaubert, hat „Zu scharf, um wahr zu sein“ sein romantisches Zentrum gefunden. Ironischerweise gibt sich die umwerfende Alice Eve in dem schlüpfrigen „Zu scharf, um wahr zu sein“ weit zugeknöpfter als bei ihrem fulminanten Nacktaufritt in Crossing Over. Sie vereint Schönheit und Stil, ohne sich als billige Sexbombe abqualifizieren zu lassen.

    Regisseur Field Smith ist es anzurechnen, dass er nicht immer die billigen, sich aufdrängenden Lacher abgreift. Es läge beispielsweise nahe, Mollys gestählt-gutaussehenden Piloten-Ex-Freund Cam (Geoff Stults) als bornierten Kotzbrocken zu inszenieren, der seinen schmächtigen Geek-Rivalen Kirk in keiner Sekunde ernst nimmt – doch dem ist nicht so. Aus dieser Konstellation werden zwar einige Gags bezogen, jedoch nicht mit der Holzhammermethode, sondern respektvoll.

    Vor allem über die handelsüblichen schrägen Sidekicks, die auch aus der Judd-Apatow-Schmiede (Jungfrau (40), männlich, sucht…, Superbad stammen könnten, streut Field Smith einige Gross-Out-Possen ein. Neues rührt der Regisseur da natürlich kaum zusammen, aber das American Pie-typisches Zu-Früh-Kommen wird ziemlich lustig variiert und der berüchtigten Schamhaarrasur eine neue Fremdschämobergrenze gesetzt. Aber die Mischung stimmt, denn trotz einiger komödiantischer Tiefschläge dominiert stets der ehrlich-romantische Kern. Trotzdem kann „Zu scharf, um wahr zu sein“ seiner Vorsehung nicht entkommen. Die obligatorische Trennung vor dem anschließenden Sich-Wieder-Kriegen fällt etwa nur mäßig elegant aus. Dafür entschädigt allerdings ein furios-turbulentes Finale.

    Fazit: „Zu scharf, um wahr zu sein“ ist eine durch und durch charmante Komödie für Rom-Com-Junkies, die sich auch vor derben Zoten nicht fürchten.
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