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    Auf bösem Boden
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,0
    lau
    Auf bösem Boden
    Von Tobias Mayer
    Ein geringes Budget kann für Filmemacher Segen und Fluch zugleich sein. Einerseits lockt das höhere Maß an kreativer Kontrolle, denn schließlich müssen weniger Zugeständnisse an die kommerziellen Interessen mächtiger Geldgeber und Studios gemacht werden. Doch was an inhaltlichem Spielraum gewonnen wird, fehlt andererseits bei der formalen Gestaltung und der visuellen Umsetzung des Films: Drehorte, Kulissen und Kostüme, Zubehör und technische Tricks kosten nun mal Geld, und die Schauspieler arbeiten in der Regel auch nicht ohne Gage. Es ist also ein kleines Kunststück, wenn ein fertiger Film trotz extrem niedriger Herstellungskosten von geradezu lächerlichen 50.000 Euro aussieht wie ein um ein Vielfaches teureres Produkt. Genau dies gelang dem österreichischen Nachwuchsregisseur Peter Koller mit seiner kleinen, festivalerprobten Horrorkomödie „Auf bösem Boden". So stimmig der Look jedoch trotz der bescheidenen Mittel ist, so sehr stört es, dass die Schauspieler bis zur Lächerlichkeit chargieren und dem wüsten, ekligen und durchweg zynischen Mix aus Komödien- und Horrorelementen vieles von seiner Wirkung nehmen.

    Romeo (Aleksandar Petrovic) und Julia (Birgit Stauber) sind ein Liebespaar, das wenig mit seinen Namensvettern aus Shakespeares berühmter Tragödie gemeinsam hat. Ok, sie lieben sich offenkundig ebenfalls bedingungslos – allerdings drücken sie ihre Zuneigung durch gegenseitige Beleidigungen und harten Sex aus. Um ihr Glück mit einem gemeinsamen Heim zu vervollkommnen, lassen sie sich von einem öligen Makler (Faris Rahoma) eine abrissreife Fabrik zum Kauf vermitteln. Der Einzug klappt jedoch vorerst nicht, da Romeo den Makler bei der Geldübergabe tötet. Die Leiche will er auf dem Fabrikgelände vergraben, wird dabei aber vom „Verrückten" (Kari Rakkola) überwältigt und seinerseits bis zum Hals eingebuddelt. Den sadistischen Spielereien seines Peinigers ausgeliefert, bleibt Romeo nur noch die Hoffnug auf Hilfe von Julia...

    Peter Koller lässt den Zuschauer nicht einen Moment lang im Unklaren über seine Marschrichtung. Der Film beginnt mit einem Schwall von Kotze, der sich ausgiebig über den Boden verteilt – dieser Auftakt macht bereits unzweifelhaft deutlich, wo die Reise in den nächsten 80 Minuten hingeht. Wer dennoch Hoffnung auf ein auch nur halbwegs gesittetes Filmvergnügen hegt, wird durch die folgende Einführung des durchgedrehten Protagonisten-Pärchens eines Besseren belehrt, alles was als normal durchgehen könnte, wird gemieden. Nachdem sich die beiden dazu entschieden haben, die heruntergekommene Fabrik zu kaufen, wird die Aussicht aufs künftige Eigenheim erst mal mit ruppigen Sex plus Würgespiel besiegelt. Im Anschluss verdeutlicht ein kurzer Dialog die leicht sadomasochistische Beziehung von Romeo und Julia weiter (Er: „Du passt richtig hier rein. Du Dreckloch." - Sie: „Fick Dich!").

    Der einmal angeschlagene Tonfall wird auch im weiteren Verlauf konsequent durchgehalten, Versatzstücke des Horror- und Gangsterfilms werden aufgegriffen und ins Absurde überzogen. Der dürftige Plot dient dabei lediglich zur losen Verbindung des wilden Geschehens, das nicht von Erwägungen zu Plausibilität oder Charakterentwicklung beeinträchtigt wird. Der Handlungsverlauf ist einzig durch den Willen zum Ekel bestimmt, den alle Beteiligten mit sichtbarer Freude zelebrieren. Dem verbuddelten Romeo wird auf den Kopf gepisst, Telefonsex führt zu einer geradezu vulkanartigen Ejakulation durchs halbe Zimmer und selbst eine Vergewaltigungsszene wird durch den gelangweilten Gesichtsausdruck des Opfers ins Lächerliche gezogen. Das Gezeigte ist entschieden geschmacklos und empfindliche Zuschauer dürften „Auf bösem Boden" kaum lange durchhalten. Es ist dabei allerdings offensichtlich, dass es sich um einen kalkulierten Tabubruch handelt. Die Perversität ist nicht eine Sekunde lang ernst gemeint, sondern sie soll komisch sein.

    Und genau an dieser Stelle, dem Humor, versagt das Trash-Feuerwerk viel zu häufig, denn die bewusste Steigerung ins Extreme bewirkt zumeist auch einen Umschlag des potenziell entlarvend Komischen ins nervtötend Alberne. Dies zeigt sich am deutlichsten im gnadenlos überzogenen Spiel der Darsteller – auch comichafte Figuren ohne Substanz können übertrieben gespielt werden. Offenkundig wird das besonders bei der selbst als Karikatur jedes Maß sprengenden Figur des schleimigen Maklers, aber auch bei den beiden dämlichen Polizisten oder wenn Julia plötzlich in Fröhlichkeit ausbricht. Der Hang zur Albernheit schmälert das Vergnügen nachhaltig, da nützt es auch wenig, wenn Koller die Tagline seines Films („Sergio Leone meets Tom & Jerry") wörtlich nimmt und den genannten Vorbildern einige Referenzen erweist: Man höre nur die typische Gitarrenmusik, die einige Schießereien untermalt und betrachte die Verfolgungsjagd mit Axt, die direkt einem Cartoon um die herzlich verfeindeten Kater und Maus entstammen könnte.

    Neben aller Kritik an der zügellosen Albernheit bleibt noch einmal zu betonen, dass „Auf bösem Boden" handwerklich tadellos gelungen ist – eine angesichts der materiellen Beschränkungen umso bemerkenswertere Leistung. Die Inszenierung von Spielfilm-Neuling Peter Koller zeichnet sich durch traumwandlerische Sicherheit aus, der Schnitt ist teilweise höchst originell und die Kameraarbeit dynamisch – insgesamt hat „Auf bösem Boden" einen professionellen Look, der das geringe Budget komplett vergessen macht. Form und Inhalt des trashigen Gangsterfilms klaffen also auf geradezu irritierende Weise auseinander. Koller und seine Mitstreiter spielen nicht ungeschickt, aber auch nicht gerade tiefschürfend mit dieser Diskrepanz und so mancher Zuschauer dürfte mit verstörtem Gesichtsausdruck von dem wahnwitzigen Ritt durch die Welt des „Bad Taste" zurückkehren.

    Fazit: „Auf bösem Boden" ist eine Groteske, die weit über ihr Ziel hinausschießt. In einer chaotischen Aneinanderreihung von absurden und ins Comichafte überdrehten Szenen lässt der Regisseur und Autor Peter Koller seine soziopathischen Protagonisten aufeinander los, bis selbst die letzte Grenze des guten Geschmacks fällt. Leider kippt das durchgeknallte Treiben dabei - besonders wegen wilden Chargierens - oft ins allzu Alberne. Das ist auf die Dauer ermüdend und strapaziert die Nerven. Da der österreichische Low-Budget-Film jedoch über eine beeindruckende handwerkliche Brillanz verfügt, empfehlen sich seine Macher definitiv für größere Aufgaben.
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