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    Resident Evil: Degeneration
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Resident Evil: Degeneration
    Von Jan Hamm
    Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist, kommen die Toten auf die Erde zurück. Wo George A. Romero diese Phantasie mit seinem Genre-Urknall Die Nacht der lebenden Toten noch als apokalyptischen Albtraum inszenierte, müssen wir uns heute um Zombie-Epidemien kaum mehr Sorgen machen. Dank Amazonen wie Alice (Milla Jovovich, Ultraviolet), deren Superkräfte selbst die X-Men blass aussehen lassen, ist die Schlacht mit der untoten Brut zur reinen Fleißarbeit geworden. In mittlerweile drei Resident Evil-Teilen prügelt und ballert sich die drahtige Heroine inzwischen durch den kannibalischen Wahnsinn. Zu den Kollateralschäden zählt leider auch der Verlust jeglicher Gruselatmosphäre. Dabei steht die Marke „Resident Evil“ eigentlich für das genaue Gegenteil. Als einer der erfolgreichsten Videospiel-Exporte Japans machte die Reihe den sogenannten Survival Horror salonfähig und bescherte Generationen von Konsolenfans schlaflose Nächte. Mit Alone In The Dark und Silent Hill sind bereits zwei weitere Genre-Vertreter auf der Leinwand verendet. Jetzt setzt Capcom, die traditionsreiche Firma hinter dem Franchise, der westlichen Umdeutung ihres Stoffes eine würdige Adaption entgegen. Makoto Kamiyas komplett am Rechner entworfener Horror-Actioner „Degeneration“ ist dank seiner Vorlagentreue eine der bislang besten Videospiel-Verfilmungen, krankt aber an der schwach animierten Mimik seiner Figuren. Emotional greifbar ist der Film daher nicht, wohl aber mal klaustrophobisches, mal aufgedrehtes Entertainment – sogar für Resident-Evil-Neueinsteiger.

    Sieben Jahre sind seit dem Ausbruch des T-Virus und der folgenden Zombieplage vergangen. Raccoon City, das Epizentrum der Seuche, ist ausradiert. Der verantwortliche Pharmakonzern Umbrella wurde aufgelöst. Dann aber geraten Terroristen in den Besitz des Erregers und entfesseln nach abgelaufenem Ultimatum erneut die Hölle auf Erden. Der betroffene Flughafen wird hermetisch abgeriegelt, die wenigen Überlebenden werden in letzter Sekunde von Special Agent Leon Kennedy evakuiert. Unter ihnen befindet sich auch der zwielichtige Senator Ron Davis, der mehr über den Anschlag zu wissen scheint, als er zugeben will. Gemeinsam mit der Raccoon-Überlebenden Claire Redfield und der Soldatin Angela Miller macht sich Leon auf die Suche nach den Drahtziehern. Ihre Nachforschungen führt das Trio bis ins WilPharma-Forschungszentrum, einer Anlage, in der fieberhaft an einem Impfstoff gearbeitet wird. Doch kaum im scheinbar sicheren Hightech-Areal angekommen, werden Leon, Claire und Angela einmal mehr zu Gejagten. Sie müssen realisieren, dass die Flughafen-Katastrophe nur der Anfang einer schrecklichen Intrige war...

    Anstatt an die drei Resident Evil-Realverfilmungen anzuknüpfen, orientiert sich Capcom am Modell von Final Fantasy VII – Advent Children, mit dem Square die hauseigene Rollenspiel-Reihe abseits der verwestlichten Final Fantasy-Adaption „Die Mächte in dir“ kongenial fortführte. Im Zentrum steht ein ebenso schlichtes, wie sinniges Konzept: Der Film erzählt, was nach der Handlung der Spiele passiert. Und wie bei „Advent Children“ sind es auch hier wieder die geistigen Eltern, die zumindest den Ton des japanischen Originals um Längen besser als ihre westlichen Kollegen treffen. Bedienten sich Paul W.S. Anderson und seine Nachfolger lediglich der Popularität der Marke, um ihr Genre-Patchwork erfolgreich durchzuziehen, fängt „Degeneration“ den Geist der Vorlage gekonnt ein. Hier gibt es keine wüst durch Kirchenfenster berstende Bikerbraut à la Milla Jovovich, hier ist die Zombie-Invasion noch bedrohlich. Die Flughafen-Episode meistern Leon und seine Begleiter mehr mit Glück als Geschick, die Atmosphäre einer verfallenden Weltordnung ist stets präsent. Auch im zweiten Drittel bleibt der Film integer. Die Jagd nach den Drahziehern des Anschlags gibt den Figuren Gelegenheit, sich zu entfalten. Schnörkellos und dramaturgisch nachvollziehbar wird auf das Finale hingearbeitet.

    Und der Aufbau lohnt sich. Denn sind die Figurenkonstellationen einmal geklärt, brennt der Film ein wahres Action-Feuerwerk ab. Ganz der Serie entsprechend, deren Endgegner die vorherige Zombie-Armada regelmäßig mit furchteinflößendem Monsterdesign in den Schatten stellen, tritt den Protagonisten auch in „Degeneration“ eine groteske Bestie entgegen. Im mehrstufigen Kampf gegen den Mutanten nutzt Kamiya sein CGI-Medium voll aus. Die Physis des Finales, die Kamerafahrten und Stunts, wären mit echten Darstellern auch heute noch unvorstellbar. In Verbindung mit konventionellen Dramatisierungstechniken (etwa Slow Motion) und einem sehr rhythmischen Schnitt gewinnt der letzte Akt eine inszenatorische Dichte, die sich vor Hollywood-Produktionen nicht verstecken muss. Zwar wird hier nicht die Virtuosität von „Advent Children“ erreicht, Schauwerte gibt es dennoch zur Genüge. Und das nicht nur im Finale. Zeigt Kamiya seine Figuren beim hektischen Durchkämmen der durchweg düsteren Schauplätze, erreicht „Degeneration“ beinahe fotorealistische Dimensionen.

    Leider schwächelt der Film immer dann, wenn Gesichter mit Close Ups eingefangen werden. Hier macht sich ein generelles Problem komplett animierter Charaktere bemerkbar, an dem auch deutlich höher budgetierte Produktionen wie Beowulf kranken. Bereits 1970 veröffentlichte der Japaner Masahiro Mori im Bezug auf Roboter, die Menschen optisch möglichst präzise imitieren sollten, ein Essay. Seine The Uncanny Valley genannte These besagt, dass kurz vor der exakten Replikation menschlicher Mimik ein massiver Abfall der Glaubwürdigkeit der dargestellten Emotionen stattfindet. Anders ausgedrückt: Moderne Animation erlaubt eine erstaunliche Annäherung an realistische Mimik, doch die Künstlichkeit wird uns dadurch nur noch stärker gewahr - Empathie für die Figuren wird damit zum Glückspiel. „Advent Children“ hat das Problem geschickt umgangen, indem ganz bewusst auf einen Anime-lastigen Stil gesetzt wurde.

    Trotz dieser Schwäche gelingt „Degeneration“ die zumindest rudimentäre und im Horror-Genre keineswegs selbstverständliche Figurenzeichnung. Dem Erzählduktus westlicher Videospiele haben die Japaner ohnehin einiges voraus. So ist der Film auch bis in den Ausklang stimmig, etwa bei der Andeutung einer Lovestory zwischen Leon und Angela, die nie kitschig wird, sondern stattdessen ihren Zusammenhalt in den zahlreichen Extremsituationen erdet. Für alle, die sich auf die gewöhnungsbedürftige CGI-Optik einlassen, bietet „Degeneration“ visuelle und atmosphärische Qualitäten, die vielen Realfilm-Genreproduktionen abgehen. Fans der Spiele werden mit Werktreue, liebgewonnenen Charakteren und Anspielungen bedient, etwa wenn Claire einen zur Waffe umfunktionierten Regenschirm in Anlehnung an den üblen Umbrella-Konzern mit einem trockenen „I never saw that coming“ kommentiert.
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