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    The Good, The Bad, The Weird
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    The Good, The Bad, The Weird
    Von Björn Becher
    Der südkoreanische Regisseur Ji-woon Kim hat sich bereits in den verschiedensten Genres probiert und dabei immer wieder nach neuen Herausforderungen gesucht: Ob mit dem abgedrehten Horror-Musical The Quiet Family, der Wrestling-Komödie „The Foul King“, der doppelbödigen J-Horror-Variation A Tale Of Two Sisters oder dem stylishen Rache-Actioner A Bittersweet Life - jedes Mal hat Ji-woon Kim dem gewidmeten Genre neue Facetten abgewonnen. Da blieb eigentlich nur die Frage, welchem Sujet sich der Regie-Tausendsassa als nächstes widmen würde. Die überraschende Antwort: dem Western. Also nicht gerade das, was man von einem asiatischen Regisseur im ersten Augenblick erwarten würde. Dabei hat bereits sein japanischer Kollege Takashi Miike mit „Sukiyaki Western Django“ jüngst seine Vorliebe zum Italo-Western bewiesen. Ji-woon Kim knüpft daran an und sich gleich einen ganz Großen vor: Immerhin standen für „The Good, The Bad, The Weird“, wie schon der Titel zeigt, niemand Geringeres als Sergio Leone und sein Meisterwerk Zwei glorreiche Halunken (internationaler Titel: „The Good, The Bad And The Ugly“) Pate. An dessen Qualität reicht Ji-woon Kims Huldigung zwar erwartungsgemäß nicht heran, vor allem weil sich der südkoreanische Regisseur dieses Mal aufs bloße Zitieren beschränkt - aber in höchstem Maße unterhaltsam ist der wilde Westernmix trotzdem.

    Die Mandschurei in den 1930er Jahren: Eine mysteriöse Schatzkarte führt drei sehr unterschiedliche Revolverhelden zusammen. Der Bandit Chang-yi (Byung-hun Lee), „The Bad“, überfällt mit seiner Bande einen Zug, um besagte Karte von einem japanischen Bankier zu erbeuten. Doch der durchgeknallte Kleinganove Tae-goo (Kang-ho Song), „The Weird“, kommt ihm zuvor. An Bord des überfallenen Zuges befindet sich auch der Kopfgeldjäger Do-won (Woo-sung Jung), „The Good“. Obwohl er eigentlich hinter Chang-yi her ist, nimmt er zunächst einmal die Verfolgung von Tae-goo auf. Von da an startet eine wilde Hatz nach der Karte, die mehrfach den Besitzer wechselt, quer durch die Mandschurei. Bald sind nicht mehr nur die drei Revolverhelden hinter dem Schatz her - sondern auch die berüchtigte Dreiländer-Bande, die japanische Armee und die Banditen vom Geistermarkt. Doch was genau auf der Karte verzeichnet ist, weiß eigentlich keiner von ihnen so genau…

    Ji-woon Kims bisherige Spezialität ist es, altbekannte Versatzstücke zu nehmen und daraus etwas vollkommen Neues zu formen. Mit seinen jüngsten Filmen „A Tale Of Two Sisters“ und „A Bittersweet Life“ gelang es ihm, dem eigentlich schon totgesagten J-Horror genauso wie der seit John Woos Abschied aus Hongkong mehr oder weniger langweilig gewordenen Heroic-Bloodshed-Action noch einmal völlig neues Blut einzuflößen. Wer nun darauf hofft, dass der wandelbare Regisseur ähnlich an das Western-Genre herangeht, wird enttäuscht. Dieses Mal will Kim offensichtlich nicht viel mehr als Zitieren, zieht seinen Film deshalb als einzige große Leone-Hommage auf und folgt dem Vorbild nicht nur inhaltlich: „The Good, The Bad, The Weird“ ist ein rasantes Konglomerat aus Zwei glorreiche Halunken und dessen Vorgänger Für ein paar Dollar mehr.

    Auf den ersten Blick unterscheidet die südkoreanische Neuauflage vom Original neben dem erhöhten Erzähltempo nur der Ortswechsel - weg aus Amerikas Westen hin in den tiefsten Osten, nämlich die triste Einöde der Mandschurei mit ihrer immensen Weite. Alles hat sein Gegenstück: Streiten sich in „The Good, The Bad, The Weard“ die Südkoreaner mit den Japanern, spielt Leones „Zwei glorreiche Halunken“ vor dem Hintergrund des Bürgerkrieges. Verkörperte Colonel Douglas Mortimer (Lee Van Cleef) in „Für eine Handvoll Dollar mehr“ mit seinen modernen Waffen die fortschreitende Technisierung, ist es hier der verrückte Tae-goo, der ein Motorrad statt eines Pferdes benutzt. Natürlich dürfen auch die erinnerungswürdigsten Szenen aus Leones Meisterwerken, wenn auch in variierter Form, nicht fehlen: Das berühmte „Hut-Weiterschießen“ taucht an völlig anderer Stelle wieder auf und das kultige Buddel-Zitat („Auf dieser Welt gibt es zwei Arten von Menschen. Die einen haben einen geladenen Revolver... und die anderen buddeln!") wird angedeutet, dann aber – als Spiel mit den Erwartungen des Zuschauers – doch wieder fallengelassen.

    Im Übrigen bastelt Ji-woon Kim aus der bekannten Story eine wilde Tour-de-Force, die sich als großer kinematographischer Wahnsinn präsentiert. Die zahlreichen Actionszenen sind alles andere als alltäglich und vor allem handgemacht, was man ihnen durchaus positiv anmerkt. Gerade der Zugüberfall zu Beginn ist ein Highlight für sich. Ein cineastischer Leckerbissen ist zudem die finale Konfrontation aller Beteiligten. Unterlegt mit einer Akustikversion von Santa Esmeraldas coolem Disco-Klassiker „Don’t Le Me Be Missunderstood“, gipfelt diese in einer phänomenalen Verfolgungsjagd. In bester Wild-West-Manier wimmeln die Szenen von Statisten und Stuntmen, die einen spektakulären Leinwandtod nach dem anderen sterben. Der Bodycount von „The Good, The Bad, The Weird“ bewegt sich locker im dreistelligen Bereich. Auch die drei Stars in den Hauptrollen haben auf Stuntdoubles verzichtet und jagen nun höchstpersönlich per Pferd, Pedes oder Motorrad über die Leinwand. Derart verrückt ist nur die asiatische Filmindustrie - was auch thailändischen Knochenbrecherexzesse wie Ong-Bak oder Chocolate eindrucksvoll belegen. Die gelegentlichen Rückgriffe auf Computerunterstützung fallen da sofort negativ ins Auge, kommen aber weniger in den Actionszenen als vielmehr bei einigen Panoramaaufnahmen (etwa für computeranimierte Vögel) zum Einsatz.

    Der actiongeladene Orientwestern bekommt immer dann Probleme, wenn die eigentliche Handlung in ruhigen Zwischensequenzen vorangetrieben wird. Dann schleichen sich schnell Längen ein, weil die drei Hauptcharaktere und die zahlreichen Nebenfiguren nicht viel mehr als ein Motor für die actionreichen Verwicklungen sind. Versuche, den Figuren mehr Profil zu leihen, sind deshalb von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Zum Glück sind diese Überbrückungsmomente aber klar in der Unterzahl. Sofort kommt die nächste Schießerei oder Kim spielt seinen derben Humor aus. Da bekommt etwa ein schwuler Opiumhändler (Byung-ho Son, The Guard Post) ein Messer in den Arsch gerammt, was dem Sterbenden beinahe noch einen analen Orgasmus verschafft. Immer dann, wenn „The Good, The Bad, The Weird“ total ausflippt und ohne Rücksicht auf Verluste über die Stränge schlägt, macht er am meisten Spaß.

    Ein Prunkstück ist die Besetzung. Gleich drei der heißesten Stars Hongkongs liefern sich ein wildes Duell. Vor allem Byung-Hun Lee (Joint Security Area, I Come With The Rain, G.I. Joe - Geheimauftrag Cobra) als leicht-psychopathischer Killer „The Bad“ sowie Kang-Ho Song (The Host, Secret Sunshine, Thirst) als Weirdo, der mit mehr Glück als Verstand selbst die wildesten Gefahren überlebt, stechen heraus. Sie überzeichnen ihre Figuren gnadenlos. „The Good“ Woo-sung Jung (Musa, The Restless, The Triangle) bleibt hingegen eine undankbare Rolle: Sein Charakter ist der normalste, weshalb sich dem Darsteller leider kaum Gelegenheit zum Brillieren bietet.

    Fazit: Das erhoffte und vielfach prognostizierte Spaß-Meisterwerk ist „The Good, The Bad, The Weird“ nicht geworden. Dafür verrennt sich das über zwei Stunden lange Werk zu sehr in seiner Zitierwut und offenbart etwas zu viel Leerlauf. Richtig Laune verbreitet der asiatische Western dennoch und Ji-woon Kim beweist erneut, dass er auf einer Stufe mit seinen Landsmännern Chan-wook Park (Oldboy) und Joon-ho Bong (The Host) zum besten gehört, was das asiatische Kino aktuell zu bieten hat. Es bleibt also spannend, welches Genre der umtriebige Regisseur wohl als nächstes anpackt.
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