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Diese Nacht
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Diese Nacht
Von Sascha Westphal
Wahrhaftigkeit. Nichts ist wichtiger für den exzentrischen, immer das Extreme suchenden Künstler Werner Schroeter. All seine Filme wie auch all seine Theater- und Operninszenierungen prägt eben dieses künstlerische Streben nach absoluter Wahrhaftigkeit, nach einem alles andere auslöschenden Eindruck von grenzenloser Offenheit und zugleich bedingungsloser Aufrichtigkeit. Nach dem Tod von Maria Callas hat er in einem im „Spiegel“ veröffentlichten Nachruf ihren „Ehrgeiz“ beschrieben, „die wenigen grundsätzlichen menschlichen Ausdrucksmomente bis in den musikalischen und gestischen Exzess auszuleben – diese wenigen total vertretbaren Gefühle: Leben, Liebe, Freude, Hass, Eifersucht, und Todesangst in ihrer Totalität und ohne psychologische Analyse vorzutragen.“ Und genau dieser Ehrgeiz treibt auch Werner Schroeter seit mehr als 40 Jahren an. Für Psychologie ist in seinen Filmen kein Platz. Den üblichen simplen psychologischen Kausalketten, denen ein Großteil aller Kino- und Fernsehproduktionen folgt, verweigert er sich konsequent. An ihre Stelle treten Reihungen von Szenen und Sequenzen, in denen Leben und Liebe, Freude und Hass, Eifersucht und Todesangst ganz ungeschminkt zum Ausdruck kommen. Das menschliche Leben ist in Schroeters Schaffen nichts als ein permanenter Ausnahme- und Belagerungszustand. Noch nie war dies so deutlich wie in dem endzeitlichen Film Noir „Diese Nacht“, seiner Verfilmung von Juan Carlos Onettis existentialistischem Roman „Für diese Nacht“. In grandiosen Tableaus entwirft Schroeter ein überwältigendes Panorama einer in der Auflösung begriffenen Welt, in der jede ihrer Bewegungen und Entscheidungen die Menschen dem Tod nur einen weiteren Schritt näher bringt.

Der Bürgerkrieg ist fast vorbei. Die progressiven Kräfte haben verloren. Der Widerstand, der so lange in den Bergen ausgehalten hatte, ist nahezu zerschlagen. Die Hafenstadt Santa María, in der noch verschiedene Gruppierungen um die Macht ringen, ist von den Truppen des Militärs umstellt und wird wohl in dieser Nacht endgültig fallen. Auf ihren Straßen herrschen Chaos und Krankheit. Niemand ist sicher vor der Geheimpolizei, die willkürlich Verhaftungen vornimmt und mordet. Am nächsten Morgen soll das letzte Schiff die dem Untergang geweihte Stadt verlassen. Vor den Toren des Hafens drängen sich die Verzweifelten. Nur hat niemand ein Ticket. Luís Ossorio Vignale (Pascal Greggory) ist es gerade noch gelungen, per Zug in die Stadt zu kommen. Als Offizier der Widerstandsbewegung hat er lange gegen das Militär gekämpft. Nun will er zu seiner früheren Geliebten Clara, um mit ihr Santa María zu verlassen. Doch als er endlich in ihrer Wohnung ankommt, ist sie verschwunden. Damit beginnt für ihn eine nächtliche Odyssee, in deren Verlauf er neben seinem alten Freund Kommandant Martins (Jean-François Stévenin) auch dem Oppositionsführer Barcala (Sami Frey) und Morasan (Bruno Todeschini), dem brutalen Chef der Geheimpolizei, begegnet.

Von „Diese Nacht“ geht eine ganz eigene, zutiefst verstörende Magie aus. Kompromisse sind Werner Schroeter („Palermo oder Wolfsburg“, „Malina“, „Abfallprodukte der Liebe“) genauso wie Zugeständnisse an vorherrschende Sehgewohnheiten gänzlich fremd. Er lässt sich alleine von seinen Visionen und Überzeugungen leiten, was ihn selbst in der an sich schon nicht sehr homogenen Gruppe der letzten großen europäischen Autorenfilmer zu einem Sonderling macht. Dieser grausige Totentanz durch eine längst in der Unterwelt versunkene Stadt ist in seinem Innersten eine geradezu hymnische Feier des Lebens. In Ausnahmesituationen, in Zeiten von Krankheit oder Krieg, in denen sich der Tod weder verleugnen noch verdrängen lässt, erstrahlt zugleich auch das Leben in seinem ganzen kostbarsten Glanz. Die Welt des Films wird zwar nahezu ausschließlich von Gewalt und Verrat, Furcht und Paranoia beherrscht. Aber Schroeters Bilder erfüllt eine geradezu berauschende Schönheit. Dieses ewige Nebeneinander von Widersprüchen und Gegensätzen wird hier zum zentralen künstlerischen Prinzip.

In Ossorios Suche nach Clara variieren Werner Schroeter und sein Co-Drehbuchautor Gilles Taurand den Mythos von Orpheus und Eurydike. Der Widerständler und Offizier, der einst, in friedlicheren Zeiten, ein brillanter Chirurg war, dringt immer tiefer in das Chaos und Dunkel der Stadt ein, um seine frühere Liebe dem Tod zu entreißen. Nur kann er sie anders als der große Sänger nicht einmal finden, und die Zeiten, in denen Menschen noch einen Handel mit den Göttern machen konnten, liegen auch schon unendlich lange zurück. Aber dafür trifft er während seiner Irrfahrten durch die zum Totenreich gewordene Stadt auf Victoria (Laura Martin), Barcalas minderjährige Tochter, derer er sich zunächst noch etwas widerstrebend annimmt.

In den von einer leisen, weitgehend unterdrückten Zärtlichkeit geprägten Szenen mit der jungen, ungemein verletzlich und doch auch sehr stark wirkenden Laura Martin entwickelt das eher introvertierte Spiel von Pascal Greggory (La Vie en rose, Gabrielle, Geliebte Clara) seine größte Intensität. Die Sehnsucht, die Ossorio antreibt, die ihn von einer Station des Schreckens zur nächsten eilen lässt, schwelt immer ganz knapp unter der Oberfläche. Sie ist ohne Frage da, aber Greggory deutet sie nur an. Seine Zurückhaltung schafft einen reizvollen Kontrast zum extrovertierten Auftreten nahezu aller anderen Darsteller. Nathalie Delon (Der eiskalte Engel) und Jean-François Stévenin (Der Pakt der Wölfe, „Zu verkaufen), Bruno Todeschini (Sein Bruder, „Code: Unbekannt“, „Va savoir“) und Amira Casar (Malen oder Lieben, Die letzte Mätresse), Sami Frey (Anthony Zimmer, „Die Außenseiterbande“, „Ceasar und Rosalie“) und Bulle Ogier („Der diskrete Charme der Bourgeoisie“, „Die Viererbande“, „Irma Vep“) kehren in jeder ihrer Szenen das Innerste ihrer Figuren nach außen und nehmen ihnen damit sämtliche psychologischen Nuancen. Ihr extrem expressionistisches Spiel entspricht ganz dem entfesselten Treiben in Santa María und verleiht Schroeters Film genau die theatralische Dimension, nach der dieser Totentanz auch verlangt. Sie fügen sich also ganz bewusst in barocke Kunsttraditionen ein, die im Kontext unserer heutigen (Pop-)Kultur natürlich ziemlich bizarr anmuten, aber gerade dadurch eine umso größere Wirkung entfalten können.

Die einzelnen Stationen von Ossorios Reise ans Ende der Nacht inszeniert Schroeter konsequent als extravagante Bühnentableaus, die immer wieder Erinnerungen an Rainer Werner Fassbinders letztes Meisterwerk „Querelle“ wecken. Wie dessen Genet-Verfilmung wird auch Schroeters Annäherung an die kafkaeske Phantasie Juan Carlos Onettis von einer durch und durch dekadenten Künstlichkeit geprägt. Nur so kann sich das Kino der Kunstform der Oper annähern, in der emotionale Exzesse eine Selbstverständlichkeit sind. Gerade aus der bewussten Entscheidung für das Artifizielle erwächst die tiefe Wahrhaftigkeit, nach der Schroeter sich so brennend sehnt.
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