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Radio Rock Revolution
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Radio Rock Revolution
Von Carsten Baumgardt
Der Sprung vom Top-Drehbuchautor zum Top-Regisseur ist oftmals schwerer, als es sich in der Theorie vielleicht anhört. Der gebürtige Neuseeländer Richard Curtis meisterte diesen Karriereschritt allerdings mühelos. Mit seinen Drehbüchern zu den britischen Hit-Komödien Vier Hochzeiten und ein Todesfall, Bridget Jones und Notting Hill verschaffte sich Curtis das Anrecht, bei Tatsächlich Liebe selbst auf dem Regiestuhl Platz zu nehmen. Und weil die weihnachtliche Episoden-RomCom zum weltweiten Erfolg avancierte, darf er nun mit „Radio Rock Revolution“ einen Nachfolger präsentieren. Die ausgelassene Komödie verbreitet ungemein gute Laune und glänzt mit spielfreudigen Darstellern. Da fällt es kaum ins Gewicht, dass sich Curtis beim Vertiefen einiger Charaktere verstrickt.

1966: England ist so wild wie nie zuvor, doch die staatlichen Radiostationen bleiben hart. Während die Hysterie der jungen Menschen ständig steigt, jagen die Sender täglich nur maximal zwei Stunden Rock und Pop über den Äther. Doch selbst das ist dem zuständigen stockkonservativen Minister Dormandy (Kenneth Branagh) ein Dorn im Auge. Noch mehr ärgert ihn jedoch der kultige Piratensender „Radio Rock“, der sein Programm von einem Boot in der Nordsee aus sendet – völlig legal übrigens. Mit allem Mitteln will Dormandy diese Gesetzeslücke schließen. „Radio Rock“-Boss Quentin (Bill Nighy) hat eine illustre Truppe von durchgedrehten Top-DJs um sich versammelt, deren Fachwissen nur noch von ihren Egos übertroffen wird. Der Star des Boots ist der Amerikaner The Count (Philip Seymour Hoffman), der in der Rückkehr von DJ-Gott Gavin (Rhys Ifans) eine Bedrohung seiner Ausnahmestellung sieht. Der 18-jährige Carl (Tom Sturridge) ist von seiner Mutter Charlotte (Emma Thompson) eigentlich zu Erziehungszwecken auf den rostigen Kahn seines Onkels Quentin geschickt worden, doch auf dem „Lehrplan“ stehen eher die praktischen Dinge des Lebens: Sex, Drugs & Rock ‘N‘ Roll...

„Jeder aus meiner Generation hat dieselben Erinnerungen. Du gingst abends ins Bett und hattest das Transistorradio unter deinem Kopfkissen, um der fantastischen Musik, die du nirgendwo anders hören konntest, zu lauschen. Deine Eltern riefen von unten: ‚Geh ins Bett! Mach das Licht aus und schlafe!‘ Dies war eines der Gründe, warum ich die Popmusik liebte, denn es war eigentlich illegal und verboten.“ - Richard Curtis

Diese Kindheitserinnerungen waren einer der Gründe, warum sich Richard Curtis, Jahrgang 1956, für „Radio Rock Revolution“ als neues Projekt entschied. Aber auch wenn sein Film wahren Begebenheiten nacheifert, war es nie Curtis‘ Absicht, ein genaues Zeitdokument abzuliefern. Diese Herangehensweise ist nun Stärke und Schwäche gleichermaßen: Stärke - weil das wie entfesselt aufspielende Ensemble losgelöst von übertriebenem Realismus ungeheuer viel Sympathie und Spaß verbreitet. Schwäche - weil 135 Minuten doch reichlich lang sind, wenn außer Schabernack nicht viel geboten wird. Mit den kleinen Anekdoten, die Curtis seinem Personal nach rastlos-flottem Beginn ans Bein bindet, beschert er seiner Komödie unnötige Durchhänger. Dramaturgisch sind diese Ausflüge weg von der permanenten Bootparty hinderlich, weil der Grundton des Films eigentlich nicht ernsthaft genug dafür ist. Exemplarisch dafür steht Carls Suche nach seinem ihm unbekannten Vater, der sich auch auf dem Boot befinden soll. So ist „Radio Rock Revolution“ dem Thomas-Gottschalk/Mike-Krüger-Ulk Piratensender Powerplay deutlich näher als Almost Famous, dem meisterhaften musikalischen Zeitporträt von Cameron Crowe.

Der Film funktioniert immer dann am besten, wenn Curtis seine Schauspieler durch Sketch-ähnliche Situationen jagt – unterstützt von einem phantastischen Soundtrack, der mit Songs von den Rolling Stones, Kinks, Supremes, Beach Boys, Cat Stevens oder Jimi Hendrix aufwartet. Wie auch der Vorgänger „Tatsächlich Liebe“ ist „Radio Rock Revolution“ ein lupenreiner Ensemblefilm, in dem jeder seine Leinwandzeit bekommt, um zu glänzen, sich aber niemand dauerhaft in den Vordergrund spielt – nicht einmal der wie immer großartige Philip Seymour Hoffman (Magnolia, Capote, Glaubensfrage). Auch der Hollywoodstar tritt nach furiosem Beginn mal beiseite, um seinen Kollegen genügend Platz zu lassen. Ähnlich überzeugend wie Hoffman sind Rhys Ifans (Notting Hill, Human Nature, The Informers) als eingebildeter DJ mit eingebautem Gottkomplex und Nick Frost (Hot Fuss, Wild Child, Grindhouse) als schwergewichtiger Frauenheld. Köstlich ist der Auftritt von Shakespeare-Schauspieler Kenneth Branagh (Schatten der Vergangenheit, Operation Walküre, Harry Potter und die Kammer des Schreckens), der als miesepetriger Minister die Rockgemeinde als Staatsfeind Nummer eins ausmacht. Branagh überzieht den kleingeistigen Super-Bürohengst bis zum Geht-nicht-mehr und entwirft so eine zum Brüllen komische Beamten-Karikatur. Bill Nighy (Fluch der Karibik, Underworld) verleiht dem abgedreht-albernen Treiben britische Würde, während Emma Thompson (Was vom Tage übrig blieb, Sinn und Sinnlichkeit) bei ihrem Gastauftritt ungewohnt derb vom Leder zieht. Als Eye Candy serviert Richard Curtis Bond-Girl Gemma Arterton (James Bond – Ein Quantum Trost) und January Jones (American Pie 3, Tatsächlich Liebe). Newcomer Tom Sturridge, der als Jüngling Carl die heimliche Hauptfigur des Films mimt, hat es nicht leicht, sich gegen die Schwergewichte an seiner Seite durchzusetzen, weil er vorwiegend bei den tragikomischen Szenen des Films im Mittelpunkt steht.

Fazit: Richard Curtis knüpft mit seiner nostalgischen Feel-Good-Komödie an das Erfolgskonzept von „Tatsächlich Liebe“ an. Seine schräge Gagparade verströmt den Charme der späten Sechziger aus jeder Pore. Bei all der guten Laune und den ausgeflippt sympathischen Figuren vergisst Curtis leider das Geschichten-Erzählen, das er lieber gleich ganz hätte bleiben lassen. Stattdessen wäre der Regisseur besser seinem Collagestil durchgängig treu geblieben.
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