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    Love, Peace & Beatbox
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Love, Peace & Beatbox
    Von Christian Schön

    Es lebe der Sport. Jüngst hat Olympia wieder den Gedanken des fairen Wettkampfes, bei dem sich die Nationen ohne Blutvergießen messen können, ins Bewusstsein gerufen. In diesem Sinne ist auch der Sport die Fortsetzung des Kriegs mit anderen Mitteln. Dass nun im Bereich der Musik ebenfalls solche kultivierten Wettkämpfe stattfinden, mag auf den ersten Blick verwundern, da man mit Musik eigentlich eher einen friedlichen Zeitvertreib assoziiert. Doch dieser Eindruck täuscht. Wirft man einen Blick in die Geschichte der Musik, lässt sich feststellen, dass das, was heute als Konzert bekannt ist, an seinem Ursprung ebenfalls in ein Wettkampfszenario eingebettet war. Beim Konzertieren traten Musiker, die ihre Fähigkeit unter Beweis stellen mussten, gegeneinander an. Insofern ist das, was sich in der Hip-Hop-Szene seit den 1970er Jahren entwickelt hat, nichts grundsätzlich Neues, obwohl die Musikrichtungen ohne Vergleich nebeneinander stehen. In der Dokumentation „Love, Peace & Beatbox“ ermöglicht Volker Meyer-Darbisch einen Einblick die Berliner Beatbox-Szene.

    Berlin, Friedrichshain im Jahr 2007. Auf einer freien Wiese zwischen Hochhäusern sitzen Beatboxer Wetlipz und Freestyle-Rapper Private MC. Die beiden erklären in groben Zügen, wie sie selbst zum Beatboxen gekommen sind, und wie sich die Szene in Berlin in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Zwischendurch wird spontan gemeinsam musiziert. Wetlipz ist zudem Mitglied im Team von 4XSample: einer Crew von drei Leuten, die die amtierenden Deutschen Meister und Vize-Weltmeister im Teambeatboxen sind. Chlorophil, ebenfalls Mitglied von 4XSample, betreibt in seiner Freizeit Frühforderung von Kindern. Diese besucht er im Kindergarten, um ihnen bereits früh die Grundlagen der Mund-Percussion beizubringen. Szenenwechsel nach Berlin, Köpenick: Hier unterrichtet DJ Mesia eine Gruppe von Jugendlichen im Jugendzentrum von Köpenick, dem „All“. Auch DJ Mesia blickt auf die Zeit der Anfänge von Beatboxing in Berlin zurück und hat einige Anekdoten im Gepäck. Doch einer bringt sie alle auf einer Bühne zusammen: Beatbox-Legende Bee Low. Er ist das Urgestein der Berliner Szene, der die Beatbox-Battles, die es inzwischen weltweit gibt und die er moderiert, ins Leben gerufen hat. Beim Kampf um das Goldene Mikro ist jeder auf sich allein gestellt…

    Wer nach Luc Bessons Das fünfte Element glaubte zu wissen, was genau eben dies ist, wird in diesem Film eines Besseren belehrt. Das Beatboxen wird in der Szene nämlich gern als das fünfte Element des HipHops bezeichnet. Die ursprünglichen Bestandteile des HipHops sind der Rap, das DJing, das B-Boying (auch bekannt als Breakdance) und das so genannte Writing (Graffiti). Beatboxen wird inzwischen jedoch als fünfte Säule, oder eben als fünftes Element des HipHops gleichrangig neben den vier erwähnten angesehen. Letztlich macht man dabei Musik mit dem Mund. Diejenigen, die jetzt fragen, womit denn auch sonst, werden von den Protagonisten von „Peace, Love and Beatbox“ und ihren Fähigkeiten enorm erstaunt sein. Es ist fast unglaublich, welche Geräuschvielfalt hier entstehen kann. Alles ist erlaubt. Die am häufigsten genannten Fachtermini dafür sind Kicks, Hihats, Scratches, Cuts oder Snares. Bisweilen gebrauchen die erklärungswilligen Jugendlichen im Film noch viele weitere, zumeist aus dem Englischen entlehnte Bezeichnungen, dass einem manchmal der Kopf schwirrt, und man aus den Augen verliert, was eigentlich gemeint ist.

    Sehr unterhaltsam sind dagegen die Erklärungen, die Wetlipz und Tobi, das Gespann auf der Wiese, immer wieder bereit haben, um ihre Welt zu erläutern. Diese beiden Charaktere begleiten den Zuschauer durch den ganzen Film. Auch die Beiträge von DJ Mesia und Bee Low, die inzwischen fast ausschließlich mit der Aufklärungs- und Jugendarbeit beschäftigt sind, ermöglichen einen überaus authentischen Blick ins Innere der Subkultur. Deren wichtigste Botschaft, die sie Gebetsmühlenhaft wiederholen, ist die Gewaltfreiheit, die sie von den klischeehaften Bösewichten des kommerziellen HipHops unterscheidet.

    Der episodenhafte Aufbau der Dokumentation, der die Kommentare den Protagonisten des Film überlässt, also auf die genretypischen Erklärungen aus dem Off verzichtet, ist eine der vielen Stärken, die hinter dem Konzept von „Love, Peace & Beatbox“ stecken. In seiner Machart passt sich der Film gewissermaßen seinem Sujet an. Wie der Beatboxer ad hoc ohne große technische Unterstützung seine Kunst aufführen kann, benötigt der Filmemacher Meyer-Darbisch nicht viel mehr als eine Digicam, das Gespür für die Szene und Geschick am Schneidetisch. Fast unmerklich steigert sich die „Handlung“, um auf den Höhepunkt, die Beatboxmeisterschaft, zu zusteuern.

    Die bisweilen amateurhaft wirkenden Bilder, die das handliche Equipment mit sich bringt, sind nach kurzer Zeit, sogar auf der großen Leinwand, vergessen. Die markanten Charaktere, die für den Film gewonnen werden konnten, machen mit ihrer direkten, offenen und vor allem unterhaltsamen Art viel davon wieder wett. Deren Begeisterung und der große Raum, der für die Musik in „Love, Peace & Beatbox“ eingeräumt wurde, ermöglichen es dem Zuschauer, einzutauchen und unmittelbar mitzuerleben, was den großen Reiz am Beatboxen ausmacht. Auch bei den dargebotenen akustischen Vergnügungen wünschte man sich manchmal etwas sattere Tonaufnahmen, um noch mehr im Mittendrin-Gefühl schwelgen zu können, was in diesem Fall besonders schade ist, da ja die Musik im Zentrum des Films steht.

    Fazit: Mit „Love, Peace & Beatbox“ kommt ein mitreißendes Szeneporträt in die Kinos. Die unaufdringliche, jedoch gut durchdachte Dramaturgie macht aus der Dokumentation einen kleinen Spielfilm. Das unkonventionelle Personal, das ohnehin im weitesten Sinne in der Unterhaltungsbranche tätig ist, hätte kaum besser besetzt werden können.

    Kleiner Tipp für den Kinobesuch: Zu Beginn und zum Schluss des Films gibt es eine kleine „interaktive“ Lektion für die Kinobesucher von DJ Mesia. Man sollte sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen, seine eigenen Fähigkeiten im Beatboxing unter Beweis zu stellen!

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