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Mein FILMSTARTS
    2012
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    2012
    Von Carsten Baumgardt
    1991 versah der deutsche Verleih Fox seine Hit-Parodie Hot Shots mit dem passenden Untertitel „Die Mutter aller Filme“ - schließlich wurde hier alles durch den Kakao gezogen, was zur damaligen Zeit im Kino gerade populär war. Im Fall von Roland Emmerichs „2012“ drängt sich nun der abgewandelte Titel „Die Mutter aller Katastrophenfilme“ – womit The Day After Tomorrow dann die Oma wäre - geradezu auf, weil der Hollywood-Schwabe in seinem Weltuntergangsszenario so ziemlich jede denkbare Katastrophe verwurstet. Da Emmerich die Zerstörung der Erde zumindest handwerklich im Griff hat und einige bombastische Schauwerte bereithält, langweilt sein reißerischer Blockbuster zwar nicht, doch seine altbekannte Drehbuchschwäche bekommt der Regisseur und Autor auch diesmal nicht behoben. Die Dialoge sind derart lausig, dass der Film streckenweise unfreiwillig als seine eigene Parodie durchgehen könnte. Logiklöcher, Klischees, US-Patriotismus und politische Überkorrektheit… auch „2012“ hat wieder all die Emmerich-typischen Zutaten im Angebot.

    2009 entdeckt der Wissenschaftler Dr. Adrian Helmsley (Chiwetel Ejiofor), dass die Welt innerhalb von nur wenigen Jahren untergehen wird. Monströse Sonneneruptionen heizen den Erdkern derart auf, dass kein Stein mehr auf dem anderen bleiben wird und die Menschheit deshalb kurz vor der Ausrottung steht. Carl Anheuser (Oliver Platt), wissenschaftlicher Chefberater des US-Präsidenten Wilson (Danny Glover), organisiert derweil streng geheime Maßnahmen für die Zeit nach dem Ende der Welt. Sein Ziel ist es, den geistigen, politischen und monetären Eliten das Überleben zu sichern. Einen Ausgangspunkt für das bevorstehende Desaster hat Dr. Helmsley bereits ausgemacht: den Yellowstone Nationalpark. Dorthin macht sich auch der geschiedene Familienvater, Chauffeur und erfolglose Romanautor Jackson Curtis (John Cusack) auf, um mit seinen beiden Kindern Noah (Liam James) und Lilly (Morgan Lily) zu zelten. Doch er stolpert mit seinem Nachwuchs direkt in ein militärisches Sperrgebiet, in dem Helmsley und sein Team auf den Weltuntergang warten. Außerdem trifft Jackson auch noch auf den Verschwörungsspinner Charlie Frost (Woody Harrelson), der per Guerilla-Radio verbreitet, dass die Erde dem Untergang geweiht ist. Während Kalifornien mit Lavabrocken bombardiert wird und anschließend in den Fluten versinkt, schnappt sich Jackson die beiden Kinder, seine Ex-Frau Kate (Amanda Peet) und deren neuen Lover Gordon (Thomas McCarthy), organisiert ein Flugzeug und düst los…

    Was hat der gebürtige Stuttgarter Roland Emmerich nicht schon alles in Schutt und Asche gelegt? Er sprengte das Weiße Haus (Independence Day), ließ Godzilla New York niedertrampeln und die versammelten Vereinigten Staaten unter gewaltigen Schneemassen kollabieren („The Day After Tomorrow“). Der Regisseur ist eben ein Mann fürs Gewaltige. Zuletzt brachte er der Welt noch die Säbelzahntiger zurück und verhaspelte sich bei 10.000 BC in pompösem Ethno-Kitsch. Die Zeichen für „2012“ standen da schon besser, weil Emmerich immer dann am besten ist, wenn er die Mission: Weltuntergang in Angriff nimmt.

    Bildergalerie


    Der 21. Dezember 2012… an diesem Tag endet der Kalender der Maya. Etliche Autoren prophezeien in ihren Büchern und Abhandlungen zu diesem Datum bereits den Untergang der gesamten menschlichen Zivilisation. Sonnenaktivitäten, der Ausbruch eines Supervulkans oder Magnetpolveränderungen wären denkbare Auslöser des angekündigten Supergaus. An diesen Mythos koppelt sich Roland Emmerich mit seinem Katastrophen-Actioner „2012“ ungeniert an - allerdings ohne das Thema inhaltlich zu hinterfragen oder mit einem logischen Unterbau zu versehen. Er nutzt den Anlass schlicht als Aufhänger für seine Krawallorgie. Und der einzige, der den Durchblick hat, ist der gutherzige Superwissenschaftler Dr. Helmsley, von dessen Fähigkeiten und Voraussagen alles Weitere abhängt. Die hanebüchene Story aus der Feder von Roland Emmerich und seinem Haus-Komponisten Harald Kloser strotzt nur so vor Logiklöchern. Das ist nicht schön, aber unter Berücksichtigung des Genres noch zu tolerieren - selbst wenn die Geschichte nicht einmal innerhalb ihrer eigenen Prämisse durchweg stimmig ist. Ärgerlicher sind da schon die Dialoge. Zusammen mit der pathetischen Redenschwingerei, den üblen Klischees und der stereotypen Zeichnung ausnahmslos jedes Charakters wirken diese dermaßen verheerend, dass „2012“ immer wieder wie ein Parodie auf sich selbst anmutet. Wer diese Schwächen mit Ironie hinnimmt, hat dennoch gute Chancen, sich zu amüsieren.

    Wenn die Welt dann zusammenbricht, treten die Mängel immer weiter in den Hintergrund, weil das Tempo anzieht und die Schauwerte endgültig das Geschehen dominieren. Jedoch überzeugen nicht alle Katastrophen-Tableaus. Gerade das Kollabieren des US-Bundesstaates Kalifornien kommt arg CGI-lastig daher und die Krieg der Welten-reife Autoflucht, bei der es bis auf die Protagonisten alle erwischt und Jackson seinen Anhang in einer Stretch-Limousine aus Los Angeles heraus kutschiert, mangelt es aufgrund der Künstlichkeit der Bilder an Dynamik. Hier wird dem Zuschauer der Eindruck vermittelt, er säße in der Attraktion eines Vergnügungsparks und nicht in einem Kinosaal. Doch das ist nur der Auftakt, im weiteren Verlauf legt der Reißer noch deutlich zu. „2012“ wächst zu einem einzigartigen Katastrophenfilm-Best-Of heran, das eine enorme Bandbreite an denkbaren Desastern abdeckt: Erdbeben, Feuerinfernos, Schiffskatastrophen, Tsunamis, Flugzeugabstürze, Erdplattenverschiebungen... Und jedes Mal befindet sich Jackson Curtis und seine Gang mitten im Epizentrum! Am überzeugendsten ist „2012“ immer dann, wenn Emmerich Wasser ins Spiel bringt. Dieses Element hat er spektakulär gut im Griff. Überhaupt erreicht der Film nicht nur seinen dramatischen, sondern auch seinen qualitativen Höhepunkt im letzten Drittel, wenn störender Ballast wie Dialoge und Moralpredigten über Bord geworfen wird und schließlich nur noch das Inferno die Leinwand erfüllt.

    Auch wenn die Autoren ihr mit viel Naivität begegnen, ist die Idee, mit der die US-Regierung der Menschheit das Überleben ermöglichen will, doch faszinierend und theoretisch durchaus vorstellbar. Hieraus erwächst auch die einzige inhaltliche Spannung des Films. Was aus den Protagonisten wird, interessiert einen bestenfalls noch nebenbei. Die Schauspieler sind trotz dezentem Overacting durchweg unterfordert. Keiner kann sich in die Herzen der Zuschauer spielen und diese so zum Mitfiebern animieren. Die mimische Klasse eines John Cusack (Das Urteil, Identität), einer Amanda Peet (Igby, Keine halben Sachen) oder eines Chiwetel Ejiofor (Melinda And Melinda, Vier Brüder) bleiben sträflich ungenutzt, weil ihre limitierten Rollen ihnen enge Grenzen setzen. Der einzige, der wenigstens in einigen Szenen überzeugt, ist Oliver Platt (Einsame Entscheidung, Frost/Nixon) als konsequenter Pragmatiker, der die Menschheit ohne jede Rücksicht auf die Menschlichkeit vor der Ausrottung bewahren will. Negativ fällt hingegen ein überdrehter Woody Harrelson (Wag The Dog, Der schmale Grat) auf, der als hyperaktiver Weirdo die Geduld des Betrachters auf eine harte Probe stellt.

    In Sachen Moral transportiert der Actioner vornehmlich erzkonservative Anschauungen, die einem gesunden Maß an Realismus immer wieder entgegentreten. Familiäre und humanistische Werte stehen über allem. Und die (End-)Lösung, die „2012“ für den zweiten Ehemann von Jacksons Ex-Frau bereit hält, lässt ebenfalls tief blicken. Und dass das Autoren-Duo Emmerich/Kloser die Handlung bierernst nimmt und soweit als möglich von jedweder Ironie befreit, erhöht das Nervpotenzial der klischeehaften Charaktere noch weiter.

    Fazit: Politisch superkorrekt und kindlich naiv zelebriert Roland Emmerich aufs Neue den Untergang und die Wiedergeburt der menschlichen Zivilisation. „2012“ ist ein recht unterhaltsames, mit gut zweieinhalb Stunden Spielzeit aber überlanges Katastrophenfilm-Konzentrat, das mit bombastischen Settings besticht, aber sich mit einer 08/15-Dramaturgie und uninteressanten Charakteren selbst ausbremst. Somit bleibt „2012“ zwar hinter dem vergleichbaren „The Day After Tomorrow“ zurück, enttäuscht aber nicht derart wie der Rohrkrepierer „10.000 BC“.
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