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Gran Torino
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Gran Torino
Von Andreas Staben
Im Alter von 78 Jahren hat Clint Eastwood noch einen persönlichen Rekord aufgestellt. Mit einem Einspielergebnis von etwas weniger als 30 Millionen Dollar an den nordamerikanischen Kinokassen bescherte das Drama „Gran Torino“ dem alten Haudegen das erfolgreichste Eröffnungswochenende seiner langen Karriere. Und Eastwood wird sich darauf nicht ausruhen. Die Dreharbeiten für seine nächste Regiearbeit, die Nelson-Mandela-Biographie The Human Factor mit Morgan Freeman in der Hauptrolle, werden bereits vorbereitet. Der Regisseur Eastwood denkt also noch lange nicht an die Rente, aber der Schauspieler Eastwood gibt nach eigenem Bekunden in „Gran Torino“ seine Abschiedsvorstellung und kreiert dabei einen weiteren denkwürdigen Charakter: Walt Kowalski, diese ambivalente Figur eines wertkonservativen Rassisten und Patrioten, der sein Recht und seinen Besitz handfest verteidigt, trägt Echos von Dirty Harry, Bill Munny (Erbarmungslos) und weiteren Eastwood-Charakteren in sich. Der Star spielt sichtbar vergnügt mit seinem Image, während der Regisseur für ihn wichtige Themen wie das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft sowie die Rolle der Gewalt in Amerika aufgreift. Das manchmal simpel gestrickte, aber auch mit den Vorzügen unverblümter Klarheit versehene Drehbuch des Debütanten Nick Schenck erweist sich dabei als passende Vorlage für Eastwoods schnörkellosen Inszenierungsstil.

Der Koreakriegsveteran Walt Kowalski (Clint Eastwood) steht am Sarg seiner geliebten Frau und beobachtet mit strenger Miene die Beerdigungsfeier. Die oberflächliche Predigt von Vater Janovich (Christopher Carley, Von Löwen und Lämmern, Garden State) erregt ebenso sein Missfallen wie das Verhalten seiner Söhne (Brian Haley, Brian Howe) und die Kleidung seiner Enkelin (Dreama Walker). Einsam hält der polnischstämmige Grantler von nun an die Stellung in seinem Detroiter Vorortviertel, das die alten Kollegen aus der Ford-Fabrik längst verlassen haben. Die Gegend ist heruntergekommen, jugendliche Banden treiben ihr Unwesen. Walt begrüßt seine neuen Nachbarn, eine Familie, die einer asiatischen Minderheit angehört, mit unverhohlener Feindseligkeit. Seine rassistischen Vorurteile finden zunächst Bestätigung, als der Teenager von nebenan versucht, Walts ganzen Stolz, seinen 1972er Ford Gran Torino zu entwenden. Der Rentner kann den Diebstahl aber verhindern und als die Familie des Jungen darauf besteht, dass Thao (Bee Vang) seine Schuld abarbeitet, lernt nicht nur dieser etwas daraus. Doch dann kommt es zur Eskalation der Gewalt und der Gedanke an Rache erfüllt die ungleichen Freunde…

Clint Eastwood ist das eindeutige Zentrum von „Gran Torino“. Vier Jahre nach seinem Auftritt als unter den Phantomen der Vergangenheit leidender Boxtrainer in Million Dollar Baby spielt Eastwood wieder einen Charakter, der seine Zeit überlebt hat. Walts Wertvorstellungen haben sich seit den 50er Jahren nicht geändert, die Gegenwart erlebt er mit Verbitterung und Fremden tritt er mit Ablehnung gegenüber. Eastwood trägt den Widerwillen ständig im Gesicht, schmallippig und mit verkniffenem Blick signalisiert er, allein gelassen werden zu wollen. Oft spricht er gar nicht und tut seine Verachtung nur mit einem leichten Grunzen kund. Wenn er aber etwas sagt, dann wird es noch schlimmer: Mit immer wieder neuen despektierlichen Vokabeln überschüttet er seine asiatischen Nachbarn, auch gegenüber anderen Ethnien ist er nie um eine beleidigende Bezeichnung verlegen. Häufig sind diese Tiraden bei aller Fragwürdigkeit höchst originell und es ist geschickt, dass Walt seine Wortwahl kaum ändert, nachdem er die Familie von nebenan kennen und mögen gelernt hat. War es zunächst nur Desinteresse der fremden Sprache gegenüber, die Walt etwa Thao bevorzugt „toad“ (Kröte) nennen lässt, so klingt es am Ende fast wie ein vertrauter Spitzname.

Auch wenn Walt seine Kumpel besucht, den italienischen Friseur (John Carroll Lynch) oder den irischen Vorarbeiter (William Hill), bedient er sich der gleichen zu Beleidigungen verdichteten Vorurteile und Klischees. Nur zahlen diese es dem Polen Walt mit gleicher Münze heim. Dies ist die Art der Männer des alten Schlages, Zuneigung auszudrücken. Der Versuch, den schüchternen Thao in dieses Ritual einzuweihen, sorgt für einige komische Höhepunkte. Auf etwas schematische, aber überaus lebendig gespielte und unterhaltsame Weise erhält der Charakter des scheinbar lupenreinen Rassisten so eine gewisse Komplexität. Mit einem Augenzwinkern inszeniert sich Eastwood auch in der typischen Pose des einzelgängerischen Action-Helden. Untersicht und Trommelwirbel begleiten den Griff zum Gewehr und weisen auf den mythischen Gehalt der Geste hin, die so nur noch als Zitat erscheint. Aber es geht Eastwood nicht um die Dekonstruktion seiner zur Ikone gewordenen Persona. Seine Ankündigung einem Eindringling gegenüber, diesem den Kopf wegzupusten und danach wie ein Baby zu schlafen, ist beispielsweise absolut ernst gemeint. Bei allem Humor bleibt Walt ein gefährlicher Charakter und die Konfliktlösung durch Gewalt erscheint in „Gran Torino“ fragwürdiger als in kaum einem anderen Werk in Eastwoods Filmographie. In einer konsequenten Schlusswendung bringt der Filmemacher seine eigene Leinwandbiographie, die er einst als Mann ohne Namen begann, zu einem einleuchtenden Ende.

„Gran Torino“ überzeugt vor allem als ein persönliches Werk seines Stars und Regisseurs. Ständig lassen sich Zusammenhänge herstellen und Motive wiedererkennen, von der Suche nach Erlösung über das ironische Spiel mit dem eigenen Alter, das schon in Blood Work und Space Cowboys Vergnügen bereitete, bis zum immer wieder variierten Motiv der Einsamkeit. Letzteres wurde bereits in seinen Western, aber auch in „Die Brücken am Fluss“ nachdrücklich gestaltet. Der Jazzliebhaber Eastwood hat mit „Gran Torino“ so etwas wie eine freie Variation der eigenen Themen vorgelegt, passenderweise intoniert er am Ende des Films auch die ersten Takte des von ihm mitkomponierten, melancholischen Titelsongs selbst. Gegenüber dem erst kürzlich gestarteten Der fremde Sohn und den anderen rein ernsten Filmen der vergangenen Jahre wie Mystic River, Million Dollar Baby und den beiden Iwo-Jima-Filmen ist „Gran Torino“ weniger rigide inszeniert. Zwar führt die fast zum Markenzeichen gewordene gemeinsame Vorliebe von Eastwood und seinem Stammkameramann Tom Stern für Chiaroscuro-Kompositionen auch hier zu einigen kunstvollen Einstellungen, aber insgesamt kommt „Gran Torino“ etwas ungezwungener daher.

Eastwood schert sich wenig um politische Korrektheit, seine Hauptfigur ist ebenso problematisch wie schillernd. Die Grenze zwischen Rassismus-Reflektion und dem schlichten Ausdruck von Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz ist nicht immer klar zu bestimmen. Aber mag im Einzelnen auch gelegentlich ein gewisses Feingefühl fehlen, so ist „Gran Torino“ für Eastwood-Fans dennoch ein absolutes Muss und als Genrefilm bietet er hervorragende Unterhaltung.
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