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    Away We Go - Auf nach Irgendwo
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Away We Go - Auf nach Irgendwo
    Von Björn Becher
    Sam Mendes' bisherige Regiekarriere schien einem festen Zeitschema zu folgen. Seit seinem Debüt American Beauty im Jahre 1999 kamen seine Filme im Drei-Jahres-Rhythmus in die Kinos: Road To Perdition 2002, Jarhead 2005 und schließlich Zeiten des Aufruhrs 2008. Doch nun folgt mit weniger als einem Jahr Abstand schon sein neuestes Werk „Away We Go“. Mendes hat seine übliche Arbeitsweise, die den kompletten Abschluss eines Projekts und dann die ausgiebige Vorbereitung auf das nächste beinhaltet, dieses Mal über den Haufen geworfen. Der Grund: Noch während der Post-Produktion von „Zeiten des Aufruhrs“ fiel ihm ein Drehbuch des Ehepaares Dave Eggers und Vendela Vida in die Hände. Mendes war so begeistert, dass er sofort drehen wollte und nahm das Projekt daher schneller als gewohnt in Angriff. Ein Schnellschuss ist es trotzdem nicht geworden. Stattdessen ist „Away We Go“ eine wunderbar optimistische, sehr unterhaltsame und schräge Komödie, die beweist, dass Mendes auch im Fahrwasser von Indie-Perlen à la Garden State eigene Akzente zu setzen versteht.

    Burt Farlander (John Krasinski) und Verona De Tessant (Maya Rudolph), beide Anfang Dreißig, sind – auch wenn sie ihn partout nicht heiraten will - ein glückliches Paar, das sich auf sein erstes Kind freut. Noch rund drei Monate sind es bis zur Geburt, da verkünden Burts Eltern Gloria (Catherine O'Hara) und Jerry (Jeff Daniels) überraschend, in einigen Wochen nach Belgien auswandern zu wollen. Burt und Verona, die ihr eigenes Leben nicht immer ganz auf die Reihe bekommen, hatten sich eigentlich auf die Unterstützung der exzentrischen Farlanders verlassen. Doch was nun? Die beiden beschließen, ihr heruntergekommenes Heim im verschneiten Colorado hinter sich zu lassen und auf einer Reise alte Freunde und Bekannte abzuklappern, um einen neuen Ort zum Leben zu finden. So landen sie in Phoenix, wo Veronas einstige Chefin Lily (Allison Janney) mit Ehemann Lowell (Jim Gaffigan) lebt, in Tuscon bei Veronas Schwester Grace (Carmen Ejogo), im verrückten Heim von Burts „Cousine“, der „Love Nurse“ Ellen (Maggie Gyllenhaal), und ihres Lebensgefährten Roderick (Josh Hamilton) in Madison, im kanadischen Montreal bei Veronas einstigen Studienfreunden Tom (Chris Messina) und Munch (Melanie Lynskey) sowie ganz außerplanmäßig bei Burts Bruder Courtney (Paul Schneider) in Miami. Doch fast alle Begegnungen fallen völlig anders aus als erwartet und der Platz zum Leben ist gar nicht so leicht zu finden…

    „Auf nach Irgendwo“ ist der deutsche Untertitel von „Away We Go“ und so überflüssig und schlecht diese deutschen Zusatztitel sonst meist sind, hier passt er ausnahmsweise mal. Denn gemeinsam mit dem Originaltitel offenbart er das eigentliche Motiv des ganzen Trips. Burt und Verona wollen nur weg von ihrem jetzigen Heim ohne Heizung und mit dem Dach aus Pappe, in dem sie wie Versager leben. Wo sie landen, ist ihnen egal, nur irgendwo bei Freunden sollte es schon sein. Doch die Entscheidung fällt alles andere als leicht. Denn jeder, auf den sie treffen, hat sich verändert, manche sehr zum Schlechten. Die Begegnungen mit alten Bekannten, mit Freunden und Familienangehörigen erweisen sich als Kette immer skurrilerer Aufeinandertreffen.

    Der erfolgreiche Buchautor Dave Eggers kam eher zufällig zum Film: Er wurde von Regisseur Spike Jonze als Verstärkung für die Adaption von Wo die wilden Kerle wohnen angefordert. Die neue Arbeit machte Eggers so viel Spaß, dass er gleich ein weiteres Drehbuch schreiben wollte. Seine ebenfalls erfolgreich schriftstellernde Ehefrau Vendela Vida und er verfielen auf die Idee, eine Geschichte über ein junges Paar zu schreiben, das den ersten Nachwuchs erwartet. Heraus kam das Skript zu „Away We Go“, bei dem die Autoren, die selber junge Eltern sind, Anleihen bei ihrem eigenen Leben ausdrücklich verneinen, was bei vielen der äußerst skurrilen Charaktere auch nur zu hoffen ist. Denn die Figuren in „Away We Go“ sind nicht die typischen Nachbarn von Nebenan, sondern sie sind deren überzogene Karikaturen. Auch wenn Eggers, Vida und Regisseur Mendes hier teilweise richtig dick auftragen, funktioniert diese Überzeichnung dank eines einfachen Kniffs: Schließlich sehen wir das Panorama des Sonderbaren weitgehend durch die Augen von Burt und Verona, die mit den Hoffnungen und Ängsten der werdende Eltern einen besonders empfindsamen Blick für das Geschehen in den Familien haben. So werden absolut gegensätzliche Erziehungsmodelle gleichermaßen gnadenlos überspitzt dargestellt. Von streng autoritär bis zu militant anti-autoritär, von obsessiv umsorgend bis zu gleichgültig ignorierend. Die Extreme wechseln sich teilweise sogar in einer Figur ab.

    In „Away We Go“ finden sich zwar klare, nicht immer sehr beruhigende Aussagen zum Thema „Kinder-Großziehen im Amerika der heutigen Zeit“, der Film ist aber in erster Linie eine leicht-beschwingte Komödie. Mit leichter Hand schüttelt Sam Mendes hier mal eben eine kleine Genre-Perle aus dem Ärmel, die frei ist von der Schwere der Ambitionen, die seine sonstigen Werke umgibt, bei denen er immer mit einem Auge auf mögliche Auszeichnungen zu schielen scheint. „Away We Go“ kommt unprätentiös daher, das Publikum soll sich an guter Unterhaltung erfreuen und den Kinosaal hinterher optimistisch gestimmt verlassen. Mendes setzt dazu gleichermaßen auf krachenden Humor und auf leise Töne. Da beschimpft Burt seine Freundin immer wieder auf das Übelste, weil er glaubt, so die zu niedrige Frequenz des Herzschlags des Babys erhöhen zu können und Maggie Gyllenhaal (The Dark Knight, Schräger als Fiktion) gibt die völlig abgedrehte New-Age-Tante, die darüber referiert, warum Kinderwagen schädlich sind. Der Film wird auch gleich in diesem Stil eröffnet, von einer Sexszene, in der sich Burt über die vaginale Geschmacksveränderung seiner Freundin beschwert. Neben solchen gröberen Elementen findet sich aber immer wieder auch sehr subtiler Humor. Vor allem der großartige Stand-Up-Comedian Jim Gaffigan (30 über Nacht, Liebe ist Nervensache) zeigt mal wieder, dass er sowohl laute als auch leise Komik beherrscht. So wird in „Away We Go“ durchgängig ein hohes Spaßlevel gehalten. Die wahre Kunst von Mendes als Regisseur zeigt sich aber darin, dass kurze tragische Einschübe keineswegs Fremdkörper sind und die Stimmungswechsel nicht verstörend wirken. Besonders eine Szene in einem Tanzkaraokeclub in Montreal ist dafür ein hervorragendes Beispiel.

    „Away We Go“ gehört zu jenen Filmen, bei denen die Musik eine entscheidende Rolle spielt. Sam Mendes engagierte den Singer/Songwriter Alexi Murdoch, der mit Liedern von seinem starken Debütalbum „Time Without Consequence“ sowie einigen neuen Titeln weite Strecken des Films untermalt. Ähnlich wie in Hal Ashbys Klassiker Harold & Maude ist die Musik fast ein weiterer Hauptdarsteller, auch wenn Murdochs sanfte Stimme und seine Gitarre oftmals nur leise im Hintergrund eingesetzt werden. Die Musik ist stets genau auf die jeweilige Szene abgestimmt und prägt die locker-gefühlvolle Stimmung des Films nachhaltig. Dazu trägt auch die Kameraarbeit von Ellen Kuras bei, mit der Mendes hier erstmals zusammenarbeitet. Sie hat als regelmäßige Mitarbeiterin von Michel Gondry (Vergiss mein nicht, Abgedreht) und hinter der Kamera von Musikdokumentationen wie Neil Young: Heart Of Gold und Lou Reed’s Berlin schon oft ihr großes Gespür für das Zusammenspiel von Bild und Soundtrack bewiesen. Murdochs Song „Orange Sky“, der hier im Abspann zu hören ist, wurde im Übrigen bereits im famosen Soundtrack von Zach Braffs Indie-Hit Garden State eingesetzt, der nicht nur im Tonfall und Erzählstil einige Ähnlichkeit mit „Away We Go“ hat.

    Mit der Besetzung des hierzulande eher unbekannten Hauptdarstellerduos ist der Casting-Abteilung ein Glücksgriff gelungen. Zwischen „The Office“-Star John Krasinski (Ein verlockendes Spiel, Lizenz zum Heiraten) und „Saturday Night Live“-Comedian (großartig ihre Parodien von Michelle Obama und Oprah Winfrey) Maya Rudolph stimmt die Chemie von der ersten Minute an. Die unverbrauchten Gesichter bestechen durch die glaubwürdige Darstellung des jungen Paares auf Sinn- und Platzsuche. Sie sorgen zudem für die Bodenhaftung angesichts der chaotischen Reiseeindrücke und halten den Film als Identifikationsfiguren zusammen, sie geben „Away We Go“ bei aller Leichtigkeit eine Seele.
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