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Das große Krabbeln
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Das große Krabbeln
Von Ulf Lepelmeier
Nachdem Pixar mit seiner Toy Story (1995) die Ära der abendfüllenden Computeranimationsfilme erfolgreich eingeleitet hatte, folgte drei Jahre später mit „Das große Krabbeln“ der zweite Streich von Regisseur John Lasseter (Cars). Auch wenn der quirlige Ameisenfilm sicherlich nicht das Glanzstück in der Pixar-Kollektion darstellt, enteilte „Das große Krabbeln“ zumindest vom Einspielergebnis her dem wenige Monate zuvor gestarteten DreamWorks-Projekt Antz und garantiert insbesondere dank seiner herrlich überdrehten Nebenfiguren auch heute noch nett-krabbelige Familienunterhaltung.

Ameisentüftler Flik beschäftigt sich lieber mit der Entwicklung von zumeist unnützen Erfindungen, als fleißig Nahrung für die tyrannischen Heuschrecken zu sammeln, die jedes Jahr ihr Naturalienopfer erwarten. Mit einer neuartigen Erntemaschine bringt der Tollpatsch kurz vor der Ankunft der hungrigen Horde den Opferstein so ins Wanken, dass das gesamte, sorgsam für die Heuschrecken angehäufte Futter in den See rutscht. Heuschreckenanführer Hopper und seine finsteren Gesellen sind über den ausfallenden Tribut zutiefst erzürnt und stellen der alten Ameisenkönigin ein Ultimatum. Sollte vor dem Fallen des letzten Blattes der Saison nicht die doppelte Menge an Nahrung für sie bereitstehen, sollen die Ameisen ihren Zorn zu spüren bekommen. Doch wie soll das Ameisenvolk in so kurzer Zeit einen solchen Berg an Futter anhäufen? Schuldbewusst bricht Flik auf, um Hilfe für das geplagte Millionenvolk herbeizuholen. Schon bald kehrt er mit einer vermeintlichen Kampfinsektengruppe auf die Ameiseninsel zurück, unwissend, dass er eigentlich nur einen bunt gemischten Haufen von erfolglosen Zirkusinsekten angeheuert hat…

Die Insektenwelt ist äußerst bunt gestaltet und - mit Ausnahme der bösen Schrecken - von durchweg niedlichem Krabbelgetier bevölkert. Um die Ameisen noch freundlicher erscheinen zu lassen, wurden ihnen statt sechs nur vier Gliedmaßen zugebilligt. Animationstechnisch damals auf der Höhe der Zeit, präsentiert sich der mit natürlich wirkenden Bewegungsabläufen und Beleuchtungseffekten aufwartende, lichtdurchflutete Film als fröhlich-leichtes und kindgerechteres Pendant zu dem in Erdtönen gehaltenen Konkurrenzprodukt „Antz“. Hier wie da geht es um eine träumerische, glücklose Ameise, die mit ihren merkwürdigen Ideen zunächst nicht in das kollektive Krabbelvolk passt, schließlich dank ihres Einfallsreichtums aber doch noch zum gefeierten Helden wird.

Grips und individuelles Denken sind in beiden Ameisenkolonien am Ende Trumpf, doch abgesehen vom Storygerüst erweisen sich „Das große Krabbeln“ und „Antz“ als sich sehr unähnliche Animationsfilmbrüder, die verschiedene Zielgruppen ansprechen. Während „Antz“ mit seinem subtilen Dialogwitz und seinem melancholisch-neurotischen Helden Z, der bei seinem Psychiater über Individuum, Gesellschaft und Selbstbestimmung räsoniert, auf ein erwachsenes Publikum zugeschnitten ist, erweist sich das einfacher gestrickte „Große Krabbeln“ als familienkompatibler, rasant inszenierter Spaß mit schrägen Nebenfiguren.

Lasseters zweite Regiearbeit ist gelungen, lässt aber etwas von dem sprühenden Charisma anderer Werke der Pixar-Schmiede vermissen und hinterlässt – genau wie „Cars“ - eher kleine Insektenspuren im Animationsfilmkanon. In den 91 Minuten kommt zwar keine Langeweile auf, doch die Ameisenstory ist eher selten wirklich fesselnd - trotz der frischen Präsentation und der Anlehnung an Akira Kurosawas Klassiker Die sieben Samurai. Der Protagonist und seine angehimmelte Prinzessin bleiben einfach etwas zu blass. Erst mit dem Auftreten der erfolglosen Zirkustruppe, die allerlei schrullige Gestalten aufzuweisen hat, kommt der nötige Schwung ins Geschehen. Typisch für Pixar stechen immer wieder nette Ideen heraus, die das bunte und artenreiche Insektenuniversum erst interessant machen. So muss ein Ameisenveteran zum Beispiel Problemlösungsmanagement betreiben, als unter den Arbeitern aufgrund eines die Ameisenstraße blockierenden Blattes Panik auszubrechen droht. Außerdem hält die Königin eine Blattlaus als Schoßhündchen und eine Mücke ordert Bloody-Mary-0-positiv.

Einige Verfolgungsjagden gibt es auch. Diese erhöhen zwar das Tempo und sind auch abwechslungsreicher als die sich wiederholenden Asphaltrennen in „Cars“, beschneiden aber die Zeit, die man besser noch in den Hauptcharakter hätte investieren sollen. Dieser ist im Gegensatz zu DreamWorks‘ polemisch-sarkastischem Ameisenprotagonisten Z einfach nur ein netter Tollpatsch, der etwas für das schusselige Nervenbündel Atta übrig hat. Doch ohnehin stiehlt die bunt gemischte Zirkusinsektenschar mit ihren munteren Manierismen allen die Show und bietet teils köstliche Situationskomik. Die quirlige Lebendigkeit der vielen Nebenfiguren des stark vermenschlichten Mikrokosmos wird dann im Abspann noch durch die – ansonsten vor allem aus Jackie-Chan-Filmen bekannten - Outtakes unterstrichen.

Fazit: „Das große Krabbeln“ ist ein kurzweiliger Krabbelspaß insbesondere für jüngere Ameisenliebhaber. Auch wenn der farbenfrohe Familienfilm für Insektenforscher älteren Semesters ein paar nette Anspielungen und witzige Figuren bereithält, sei erwachsenen Zuschauern trotzdem eher der ausgeklügeltere Ameisenfilm „Antz“ empfohlen, der bei einer ähnlich gelagerten Geschichte viel mehr Biss und einen hintergründigeren Humor aufbietet.
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