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    Mother
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Mother
    Von Björn Becher
    Kaum ein Regisseur verbindet Genrekino so formidabel mit einer politischen und gesellschaftskritischen Aussage wie Bong Joon-ho: „The Host" etwa, die bis heute erfolgreichste koreanische Produktion aller Zeiten, ist nicht nur ein Monsterfilm, sondern vor allem auch eine politische Satire, mit der Bong allegorisch offenlegt, was faul ist im post-diktatorischen Südkorea. Und „Memories Of Murder" ist weit mehr als bloß ein hochspannender Thriller, mit seinem präzisen Blick auf die staatlichen Repressionen während der Militärdiktatur in den Achtzigern schlägt der Regisseur auch hier die Brücke zu den gesellschaftlichen Missständen der Gegenwart. Besonders nachhaltig bleibt das Schlussbild des erfolglos in einem Serienkillerfall ermittelnden Polizisten in Erinnerung, der an einen der Tatorte zurückkehrt. In seinem Gesicht ist all die Schuld abzulesen, die er durch die Anwendung von Folter und anderen Druckmitteln sowie durch die Manipulation von Beweisen auf sich geladen hat. An diese Einstellung knüpft Bong Jong-ho zu Beginn seines neuesten Werks „Mother" nahtlos an: Auch hier ist die Hauptfigur in einem weiten Feld zu sehen, auch ihre Züge wirken schuldbeladen, ehe die Stimmung unvermittelt kippt: Die Frau fängt einen wilden Tanz an und lacht verquer. Mit dieser surrealen Pre-Credit-Sequenz beginnt ein erneut höchst spannender Thriller, der einmal mehr deutlich vielschichtiger ist als die Genre-Einheitskost. „Mother" ist ein bedrückender, teilweise aber auch ein urkomischer Film und stets fesselnd in Szene gesetzt, kurz: eines der ganz großen Kinohighlights des Jahres.

    Obwohl er schon über 20 ist, lebt Yoon Do-joon (Won Bin) noch bei seiner Mutter (Kim Hye-Ja). Das ist auch nötig, denn er ist geistig nicht ganz auf der Höhe. Er vergisst immer schnell, was gerade passiert ist, und lässt sich vor allem von seinem nichtsnutzigen Kumpel Jin-tae (Jin Ku) allerhand Unsinn einreden. Als Yoon Do-joon eines Abends betrunken aus einer Bar kommt und ein schönes Schulmädchen sieht, verfolgt er es für ein paar Meter – mit fatalen Folgen. Genau jenes Mädchen wird nämlich ermordet aufgefunden und die lokale Kleinstadtpolizei, die schon seit Jahren keinen Mordfall mehr bearbeitet hat, kommt aufgrund einiger Indizien sofort auf Yoon Do-joon als einzigen für sie denkbaren möglichen Täter. Unter Gewaltandrohung und mit weiteren Einschüchterungstaktiken wird der junge Mann, der sich an nichts mehr erinnern kann, dazu genötigt, ein Geständnis zu unterschreiben. Während für die Öffentlichkeit der Fall klar ist, glaubt Yong Do-Joons Mutter fest, dass ihr naiver, tollpatschiger und friedfertiger Sohn keinen Mord begangen haben kann. Sie ermittelt auf eigene Faust, was nach und nach dunkle Geheimnisse im Leben der Toten zu Tage fördert.

    In „Memories of Murder" porträtierte Bong Jong-ho staatliche Ordnungskräfte, die unfähig waren, einen Mörder dingfest zu machen und daher zu immer radikaleren Methoden griffen. Hier wechselt er nun den Fokus. Der Sündenbock ist schnell gefunden und die offiziellen Ermittlungen werden eilfertig eingestellt. Nur eine Einzelperson versucht verzweifelt, den wahren Täter aufzuspüren, um den eigenen Sohn vor dem Gefängnis zu bewahren. Trotz dieser Akzentverschiebung tun sich in „Mother" ähnliche Abgründe auf wie in dem Vorgänger. Schließlich verlässt auch die Mutter zunehmend die Pfade der Legalität. Versucht sie es anfangs noch mit einem teuren Anwalt, nimmt sie die Ermittlungen schnell selbst in die Hand und wendet dabei immer radikalere Methoden an: Einbruch, Einschüchterung, Körperverletzung,... Irgendwann steht gar nicht mehr die Suche nach der Wahrheit im Vordergrund, auch ein anderer Sündenbock als der eigene Sohn erscheint ihr nach einiger Zeit akzeptabel. Dieser düsteren Bestandsaufnahme von sozialen Verhältnissen und Verhaltensweisen passt Bong Jong-Ho den Tonfall des Films an. Er mixt gewohnt munter die Genres, verbindet Thriller, Krimi, Horror, schwarze Komödie und Psychodrama, aus der sarkastisch bösen Grundhaltung des Anfangs erwächst am Ende eine große menschliche Tragödie.

    Als Meister seines Faches lässt Bong Jong-Ho zumeist Bilder sprechen und weniger die Worte. Mit rein visuellen Mitteln kreuzt er verschiedene zeitliche Ebenen, so schreitet die Mutter der Handlungsgegenwart gleichsam durch die Erinnerungen, die buchstäblich zutage gewühlt werden. Immer wieder ist die Kamera ein versteckter Beobachter, Bong zeigt uns die Perspektive einer bestimmten Person, nur um genau diese Figur kurz darauf ins Bild, quasi ins eigene Blickfeld gehen zu lassen. Schön früh verdeutlicht er auf diese Weise, wie sehr Bilder und Erinnerungen trügen und lügen können. Das was gezeigt und gesagt wird, ist oft gar nicht wichtig. Entscheidend ist vielmehr das Weggelassene und Verschwiegene. Die Ermittlungen der Mutter bringen entsprechend keine erlösenden Wahrheiten ans Licht, sondern es offenbaren sich im Gegenteil immer tiefere Abgründe.

    Mit der flexibel variierten Erzählperspektive hält Bong Jong-ho der koreanischen Gesellschaft böse den Spiegel vor. Die Polizisten, die scheinbar keine Ahnung haben, was sie bei der Tatortsicherung eigentlich genau machen müssen, haben ihre wenigen Kenntnisse aus der amerikanischen Fernsehserie „C.S.I."; der teuer beauftragte Anwalt sieht seinen Job darin, bei viel Alkohol und Nutten mit dem Staatsanwalt und dem Leiter einer psychiatrischen Einrichtung einen zweifelhaften Deal auszuhandeln, der die Interessen seiner Mandantin eklatant missachtet; Yoon Do-joon und sein Kumpel Jin-tae wollen sich an ein paar rücksichtslosen reichen Schnöseln rächen, was in einer wüsten Schlägerei auf einem Golfplatz und einem anschließenden gemeinsamen Aufenthalt auf der Polizeistation gipfelt. Diese Szenen brechen aus der Grundstimmung des Films aus, stecken voller urkomischem schwarzen Humor und fügen sich trotzdem stimmig in das Gesamtwerk ein.

    Fazit: Bong Jong-ho stellt mit „Mother" erneut unter Beweis, dass er zu den Regie-Größen gehört. Der Filmemacher ist ein versierter Erzähler, er treibt seine Geschichte mit cleveren, nie unglaubwürdigen Wendungen in immer neue Richtungen, wobei die visuelle Umsetzung fast noch eindrucksvoller gerät. Bong zeigt nebenbei auch, dass spannendes Genrekino auch sehr viel thematische Substanz haben kann und dass vielschichtiges Arthousekino nicht zwangsläufig in drögen Dramen daherkommen muss. Unterstützt von der formidablen, bisher fast nur in TV-Serien tätigen Hauptdarstellerin Kim Hye-Ja gelingt ihm ein Kino-Meisterstück.
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