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    Die Legende der Wächter
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Die Legende der Wächter
    Von Jan Hamm
    Zack Snyder hat es geschafft! Er darf „The Man Of Steel" inszenieren, den unter Christopher Nolans Ägide produzierten Versuch einer zeitgemäßen Interpretation der Comic-Ikone schlechthin: Superman. Damit steht er im Rampenlicht, und das dürfte ihm gelegen kommen. Denn anders als die Comic-Adaptionen „300" und „Watchmen" haben seine aktuellen Projekte keine Popkultur-Historie, er muss das Publikum diesmal anders gewinnen. Mit „Sucker Punch" wuchtet er sein erstes Originaldrehbuch auf die Leinwand. Sein visuelles Talent ist längst unbestritten, als großer Geschichtenerzähler hingegen muss er sich noch beweisen. Das Eulen-Abenteuer „Die Legende der Wächter" wäre eine solche Chance gewesen. Zwar hat der auf Kathryn Laskys „Guardians Of Ga'Hoole"-Reihe basierende Kinderfilm zahlreiche Qualitäten, von der grandiosen Animation bis hin zur gelungenen 3D-Umsetzung. Den richtigen Ton aber trifft Snyder nicht. Er will mit düsteren Aspekten herausfordern, mit einer Geschichte über die Entzauberung von Heldenbildern und die Verführungsgewalt radikaler Ideologie. Das funktioniert – bis ein überzuckerter Schlussakt all die Konfrontationsangebote zurückzieht und den Film in affirmativer Märchenhaftigkeit ertränkt. „Die Legende der Wächter" ist eine wahre Augenweide. Kluges Kinderkino sieht anders aus.

    Mit Feuereifer spielt Eulenjunge Soren sein Lieblingsmärchen vom heroischen Lyze und dessen Wächtern von Ga'Hoole nach; zum Unglück seiner kleinen Schwester Eglantine, die für die Rolle des gruseligen Widersachers Eisenschnabel herhalten muss. Doch bald wird aus Spiel bitterer Ernst, als Soren und sein Bruder Kludd entführt und in die Festung eines tyrannischen Eulenclans gebracht werden. Ein finsteres Gefieder hat die Herrschaft über die Schwachen ausgerufen und niemand kann ihm die Stirn bieten. Mit knapper Not entkommen Soren und die zierliche Gylfie aus der Sklaverei und begeben sich auf die Suche nach ihrer letzten Hoffnung, dem mythischen Ga'Hoole jenseits des großen Ozeans. Und tatsächlich, der legendäre Ort existiert. Doch mit seiner Hiobsbotschaft stößt Soren beim kriegsmüden Eulenrat auf taube Ohren. Währenddessen entflammt Kludd für die Lehren seines neuen Meisters, einer unheimlichen Erscheinung, auf deren Helm ein tödlicher Eisenschnabel prangt...

    Mit Dekonstruktionsarbeit kennt Snyder sich aus. Vielfach wurde ihm vorgeworfen, die eben noch zertrümmerten Heldenentwürfe mit seiner visuellen Ästhetik wieder aufzurichten. „Watchmen" hält stand: Die überstilisierte Knastprügelei etwa ist keine Reinstallation eines Mythos, sondern liest sich als bissig-ironische Zuspitzung des Balzrituals zwischen Nite Owl und Silk Spectre. Auf „Die Legende der Wächter" trifft der Vorwurf jedoch zu. Die Momente der Entmythifizierung fallen auch hier eindringlich aus, etwa wenn Soren im vernarbten Ezylryb sein Idol Lyze erkennen und sich von ihm belehren lassen muss: „Krieg kennt keine Helden." Die Pointe ist herausfordernd: Auch Märchenhelden sind Soldaten, auch im Namen der Freiheit wird Blut vergossen. Selbst dann, wenn es ein faschistisches System zu bezwingen gilt. Und Herr im Himmel, deutlicher hätte der pädagogische Querverweis auf die Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts nicht ausfallen können!

    Mit Eisenschnabels Vision von der reinrassigen Herrschaft einer weiß gefiederten Eulensippe wird einem jungen Publikum konkrete Auseinandersetzung abverlangt. Snyder hätte nicht zulassen dürfen, dass diese Aspekte zum Zeitpunkt der letzten Einstellung kaum mehr von Interesse sind. Denn schlussendlich fällt der Krieg doch rechtmäßig aus, der kindliche Soren darf den dunklen Herrscher bezwingen und die Kultur bedingungsloser Heldenverehrung erneuern. Im eindimensionalen Showdown wird all das abgefeiert, was zuvor hinterfragt wurde. Damit verspielt Snyder eine Chance, während die Animateure von Animal Logic („Happy Feet") die ihre nutzen. Wenn majestätische Eulen mit der Urkraft einer sturmgepeitschten See ringen oder eine gewaltige Baumstadt detailverliebt bebildert wird, darf auch in der Welt nach „Avatar" noch gestaunt werden.

    Zumal die 3D-Technologie mit Bedacht eingesetzt wird, ohne nervigen Projektilbeschuss in Richtung Publikum. Der Tiefeneffekt überzeugt als stimmige Erweiterung der Bilder, ähnlich wie bei den großen Animationswerken des Jahres, „Drachenzähmen leicht gemacht" und „Toy Story 3". Die narrative Qualität dieser Filme erreicht „Die Legende der Wächter" mit seinem unbeholfenen Rhythmus aber zu keinem Zeitpunkt. Slapstickeinlagen werden gestreckt, während wichtige Handlungsschritte wie die motivisch bedeutsame Suche nach dem sagenumwobenen Ga'Hoole seltsam kompakt durchgereicht werden. Dabei liegt mit den ersten drei Bänden der Vorlage eine Stoffmenge zugrunde, die nach effizienter Erzählzeit-Nutzung verlangt hätte.

    Es ist ein Irrtum, Kinder lediglich mit Gags und schicker Optik abzufertigen - relevant ist und bleibt die Geschichte dahinter. Und es wäre unfair, Snyder alleine für die Versäumnisse des Drehbuchteams John Orloff und John Collee zu belangen. Für eine ausgereifte Vision hat er allerdings auch nicht gekämpft, ganz anders als etwa Kinderbuch-Verfilmer wie Spike Jonze („Wo die wilden Kerle wohnen") oder Wes Anderson („Der fantastische Mr. Fox"). Bei der Revitalisierung Supermans kann und muss er jetzt Rückgrat zeigen. Gerüchten zufolge ging der Posten nämlich auch deswegen nicht an seinen Arthouse-Konkurrenten Darren Aronofsky, weil Warner eine unkomplizierte Zusammenarbeit wünsche. Nach dem auf hohem Niveau gescheiterten „Die Legende der Wächter" muss Snyder seine künstlerische Identität verteidigen und zeigen, dass er kein Erfüllungsgehilfe der Studios ist. Vor allem jetzt, da er endgültig im Rampenlicht steht.
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