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    42 - Die wahre Geschichte einer Sportlegende
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    42 - Die wahre Geschichte einer Sportlegende
    Von Andreas Staben

    Für Abertausende Amerikaner ist Baseball auch heute noch der liebste Zeitvertreib, in Europa trifft die Begeisterung für curve balls, strikeouts und home runs dagegen seit jeher auf recht wenig Verständnis. Das gilt auch für die Filme, in denen dieser Sport und seine Helden im Mittelpunkt stehen. In den USA mögen Werke wie „Feld der Träume“ (mit Kevin Costner), „Eine Klasse für sich“ (mit Tom Hanks) oder zuletzt „Moneyball“ (mit Brad Pitt) Riesenhits gewesen sein, hierzulande gelang es nicht einmal den genannten Stars für annähernd vergleichbares Publikumsinteresse zu sorgen. Dabei sind diese sehr unterschiedlichen Filme jeweils auf eigene Art selbst für Baseball-Muffel sehenswert – und das gilt nun auch für den neuesten US-Überraschungshit zum Nationalsport. In „42 – Die wahre Geschichte einer Sportlegende“ erzählt Regisseur Brian Helgeland davon, wie der afroamerikanische Spieler Jackie Robinson 1947 die Rassenschranken in der Major League Baseball (MLB) durchbrochen hat. Dieses Ereignis ist nicht nur in die US-Sporthistorie, sondern auch in die Sozialgeschichte des Landes eingegangen und dem tragen die Filmemacher Rechnung: „42“ ist kein handelsübliches Sportler-Drama, sondern eine mit großer Klarheit und ohne falsche Töne erzählte Geschichte darüber, was Amerika ist und was es sein sollte, über Durchhaltevermögen und Akzeptanz, über die einigende Kraft von Mitgefühl und Menschlichkeit - und nicht zuletzt über die gemeinsame Liebe zum Spiel.  

    Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs setzt sich Branch Rickey (Harrison Ford), der General Manager des Baseball-Teams Brooklyn Dodgers, in den Kopf gegen das ungeschriebene Gesetz der Rassentrennung in seinem Sport zu verstoßen: Er will den ersten schwarzen Spieler in der Profiliga MLB unter Vertrag nehmen. Seine Wahl fällt auf Jackie Robinson (Chadwick Boseman), der im Krieg gekämpft hat und zuvor bereits in gemischten College-Teams gespielt hat. Rickey lässt den willensstarken 27-Jährigen, dem er zutraut, den zu erwartenden Anfeindungen widerstehen zu können, zunächst in einem unterklassigen Farmteam in Montreal testen, aber am 15. April 1947 ist es soweit: Robinson läuft als erster afroamerikanischer Spieler seit 1888 in einem Spiel der MLB auf – sehr zum Missfallen nicht nur großer Teile des Publikums, sondern auch gegen den Willen einiger Mitspieler, die erfolglos eine vereinsinterne Petition gegen das neue Teammitglied einbrachten. Der Spieler mit der Nummer 42 bewährt sich sportlich recht schnell, aber er sieht sich einer regelrechten Lawine von Demütigungen, Beleidigungen und Drohungen gegenüber. Mit der Unterstützung seiner Frau Rachel (Nicole Beharie) und des schwarzen Sportjournalisten Wendell Smith (Andre Holland) sowie dem Rückhalt von Rickey hält Robinson dem Druck stand – bis ihn der gegnerische Trainer Ben Chapman (Alan Tudyk) beim Auswärtsspiel in Philadelphia mit einer schier endlosen rassistischen Tirade bombardiert…

    Die Nummer 42 wird in der MLB seit 1997 nicht mehr vergeben, dafür laufen am 15. April, dem Jackie-Robinson-Tag, jeweils sämtliche Spieler mit ihr auf. Diese Art der Ehrung und der Erinnerung zeigt die Symbolkraft, die Robinsons historische Pionierleistung besitzt. Es ist kein Zufall, dass Brian Helgelands Film die Nummer 42 im Titel trägt, denn der Regisseur und Autor, der für seine Mitarbeit am Drehbuch von „L.A. Confidential“ einen Oscar gewann, bringt  genau jene Symbolkraft zum Ausdruck. Er macht mit feinem Gespür für die historischen Umstände die tiefgreifende soziale und nationale Bedeutung des Geschehens genauso deutlich wie seine moralische und menschliche Dimension. Branch Rickeys Entschlossenheit, der als guter Geschäftsmann auch den langfristigen wirtschaftlichen Vorteil einer rassenintegrierten Liga erkennt  (so sagt er einmal, dass es ihm nicht um schwarz oder weiß gehe, sondern um grüne Dollarscheine) und Robinsons Entschlossenheit, der in erster Linie durch persönlichen sportlichen Ehrgeiz angetrieben wird, sind der gemeinsame Motor der Erzählung – in ihrem Zusammenspiel bekommt die Saga erst ihren versöhnlichen und beispielhaften Charakter. Der ist für Helgeland hier wichtiger als die biografisch umfassende, individuelle Figurenzeichnung. Auch die Beschränkung auf nur etwa drei Jahre Handlungszeit (unter Ausklammerung von Robinsons größtem sportlichen Erfolg) erweist sich in diesem Sinne als konsequent und wirkungsvoll.

    Helgeland versetzt uns geschickt in die konkrete historische Situation der unmittelbaren Nachkriegszeit und schafft es mit sehr genau gezeichneten Szenen und einer bis in kleinste Rollen perfekten Besetzung, die Stimmung jener Jahre in vielen Nuancen lebendig werden zu lassen. Obwohl Kameramann Don Burgess („Forrest Gump“) den Film in ein geradezu zauberhaftes Licht voller Wärme taucht und auch die adretten historischen Frisuren und Kulissen, die offenkundig frischgenähten Kostüme sowie die stets sauberen Oldtimer ihm einen glamourösen Look verleihen, ist „42“ dabei weit von der verklärenden Nostalgie für die „guten alten Zeiten“ entfernt, die viele andere Historienfilme prägt, denn Helgeland porträtiert den herrschenden Rassismus im Nachkriegsamerika erstaunlich schonungslos: Der Film mag alles in allem positiv und optimistisch sein, aber blauäugig ist er nicht.

    Dass Robinson um letztlich akzeptiert zu werden, immer wieder Ungerechtigkeiten hinnehmen musste (in Rickeys Worten: „Ich brauche einen Spieler, der den Mut hat, nicht zurückzuschlagen“), macht Helgeland geradezu schmerzlich deutlich. Das gilt nicht nur für die schwer erträgliche mehrminütige Beleidigungs- und Provokationsorgie, die der Coach der Philadelphia Phillies gegen Robinson loslässt (und in der das berüchtigte N-Wort mit noch höherer Frequenz als in Tarantinos „Django Unchained“ verwendet wird) - diese ist nur der Gipfel des Hasses, der Demütigungen und der Einschüchterungen: Da wird Robinson und seiner Frau der Zugang zu Toiletten verweigert, er wird getrennt von der restlichen Mannschaft untergebracht oder dem ganzen Team wird wegen ihm die Unterbringung in einem Hotel verweigert. Helgeland etabliert die Atmosphäre des ständigen Misstrauens, der Angst und der Wut, in der Robinson leben musste, auf so wirkungsvolle Weise, dass sie sich auf den Zuschauer überträgt: Als ein weißer Mann in Florida auf der Straße mit raschen Schritten auf den schwarzen Sportler zukommt, lässt sich das Schlimmste befürchten. Und wenn der Fremde Robinson dann schließlich seine Sympathie und Bewunderung bekundet, dann werden die ganzen festgefahrenen Meinungen und Vorurteile direkt auf uns zurückgeworfen.

    Durch die sorgfältige und schonungslose Schilderung der Widerstände und der Feindseligkeit (der bitterste Moment ist es, wenn ein kleiner weißer Junge auf der Tribüne regelrecht vom Rassismus seines Vaters angesteckt wird), bekommen die mühsamen Schritte der Annäherung und der Solidarisierung eine umso stärkere Wirkung. Der emotionale Höhepunkt ist die Umarmung zwischen Robinson und seinem Mitspieler Pee Wee Reese vor aller Augen. Das Zögern, die Verlegenheit, die folgende Erleichterung und der leise Stolz, die Lucas Black („The Fast And The Furious: Tokyo Drift“) hier zum Ausdruck bringt, stehen für die komplizierte emotionale Gemengelage in „42“. Als Herz und Zentrum des Films glänzt indes die charismatische Neuentdeckung Chadwick Boseman: Dieser Jackie Robinson hat Leidenschaft und Intelligenz, dazu blitzen lang aufgestaute Wut und Resignation auf. Auf dem Spielfeld glänzt Boseman mit Eleganz und einer Prise Aggressivität - die mitreißenden und ausführlichen Baseballszenen gehören ganz ihm. Harrison Ford ist als Ranch Rickey daneben ein kaum wiederzuerkennender grummeliger alter Mann, ein komischer Kauz mit dem Herz am rechten Fleck, ein Überzeugungstäter ohne Sentimentalität. Das ist ein Starauftritt im ganz klassischen Sinn: Er ist überlebensgroß und doch ein Mensch wie du und ich. Aber auch der Superstar steht hier ganz im Dienst der Mannschaft und so macht das gesamte Team aus „42“ gemeinsam ein engagiertes Erinnerungsstück als Ansporn für Gegenwart und Zukunft.

    Fazit: Das historische Drama über Jackie Robinson, den ersten schwarzen Baseball-Spieler in der US-Profiliga MLB, steht in der besten Tradition der Traumfabrik: Die Erzählung über die Verwirklichung eines amerikanischen Traums wird zur berührenden Traumvision von Amerika.

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