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Die Horde
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
1,5
enttäuschend
Die Horde
Von Florian Koch
Längst hat sich unter Genrefans herumgesprochen, dass harter, kompromissloser Horror gerade in Frankreich en vogue ist. Filme wie High Tension oder Martyrs schrecken nicht davor zurück, mit moralischen Wertvorstellungen radikal zu brechen. Ein weiteres, allerdings weniger geglücktes Beispiel für diesen Trend zum Tabubruch ist der dreckige Terrorthriller Frontier(s), der vor zwei Jahren in Deutschland auf DVD erschien. Xavier Gens (Hitman), Regisseur dieses zynischen Kommentars auf die Unruhen in den Pariser Vororten, führt mit „La Horde“ den eingeschlagenen Horrorweg fort. Allerdings nur als ausführender Produzent. Die Regie des kostengünstig produzierten Zombiegemetzels überließ er den Newcomern Yannick Dahan und Benjamin Rocher.

Auf der Beerdigung des Polizisten Mathias Rivoallan (Laurent Segall) beschließt Franck Jimenez (Aurelien Recoing), den Mord an seinem Partner zu rächen. Hinter der brutalen Erschießung steht die Markudis-Bande, die von den Brüdern Adewale (Eriq Ebouaney) and Bola (Doudou Masta) angeführt wird. Bei seiner Selbstjustizaktion wird Franck von seinen Kollegen Aurore (Claude Perron), Ouessem (Jean-Pierre Martins) und Tony (Antoine Oppenheim) begleitet. Bald finden die zu allen Schandtaten bereiten Brutalo-Cops heraus, dass sich die Gang in einem streng bewachten Hochhaus in einer Pariser Banlieue verschanzt hat. Bei einem bleihaltigen Duell mit den Gangstern kommt Jimenez ums Leben, während die verbliebenen Polizisten von den Markudis gefangen genommen werden. Als das Hochhaus urplötzlich von einer Hundertschaft fresswütiger Zombies belagert wird, müssen sich die Kriminellen mit den verhassten Beamten im Überlebenskampf zusammenraufen...

Die Ausgangsidee von „La Horde“ orientiert sich deutlich an John Carpenters Thriller-Meisterwerk Assault – Anschlag bei Nacht. Von dessen klaustrophobischer Spannung und gesellschaftskritischer Sprengkraft ist der kühl kalkulierte Reißer von Yannick Dahan und Benjamin Rocher aber weit entfernt. Das liegt nicht nur an der einfallslosen Inszenierung, die lediglich Genrevorbilder wie etwa George A. Romeros Dawn Of The Dead zitiert, ohne dem Zombiefilmgenre aber neue Aspekte hinzuzufügen. Auch das düster-fahle Licht, die nihilistische Atmosphäre und das heruntergekommene Setting führen bei ausgebufften Horrorfans zu Dauer-Déjà-Vus.

Viel problematischer als diese formalen Stereotypen sind die gänzlich uninteressant gezeichneten Charaktere. Jede Figur versucht die anderen an widerwärtig-rassistischen Machosprüchen zu überbieten und den cool-lässigen Machertypen zu markieren. Von Differenzierung fehlt weit und breit jede Spur. Deswegen ist es dem Zuschauer auch bald egal, wer wann und wie stirbt. Sicherlich versuchen die Regisseure so, ihre Aussage zu untermauern, dass es hier weder „Gute“ noch „Böse“ gibt. Diese Illustration der Grauzone zwischen Gangstern und Polizisten verliert aufgrund der mäßigen Schauspieler und dem Cartoon-Anstrich der Charaktere aber jedwede Relevanz. Am besten lässt sich dieses Desinteresse an einer Figurenentwicklung an René (Yves Pignot) festmachen. Der Rentner ist einer der letzten Überlebenden im Hochhaus und ließ sich auch von den vielen Migranten-Familien nicht vertreiben. Warum er aber ständig in glorreichen Kriegserinnerungen schwelgen muss und mit einer gewaltigen Axt nicht nur den Zombies den Gar ausmachen will, sondern den „Jungen“ auch noch seine Kriegspotenz beweisen muss, bleibt schleierhaft. Diese auf billige Lacher ausgelegte Witzfigur gefällt sich in niederträchtigen Ansichten über Gott und die Welt, dass es einem schlecht wird. Negativer Höhepunkt sind Renés frauenfeindlichen Ausfälle gegenüber einem weiblichen, fast besiegten Zombie, die in seiner höhnischen Androhung gipfeln, ihm es noch mal so richtig zu „besorgen“.

„La Horde“ ist voll von solchen Geschmacklosigkeiten, die niedrigste Instinkte bedienen und oft einen unangenehm rassistischen Hautgout verströmen. Sieht man von diesem problematischen Subtext einmal ab, können sich Splatterfreunde an einer wahren Gewaltorgie berauschen. Auffällig sind hier vor allem die extrem körperbetonten Duelle, die sich nicht nur in minutenlangen Faustkämpfen erschöpfen. Hier wird gebissen, gerissen, gerauft, bis das Blut in Fontänen spritzt. Am derbsten fällt hier sicher Ouessems einsamer Kampf gegen Hundertschaften von Zombies auf einem Autodach in der Tiefgarage aus. Ein solch archaisches Abschlachtspektakel hat es lange nicht gegeben. Insofern muss man den beiden Regisseuren zumindest zu Gute halten, dass sie Gorehounds mit ihrer nebenhandlungs- und erklärungsfreien (wo kommen die Zombies überhaupt her?) Horrorsymphonie mit allen Mitteln des Exploitationkinos zufrieden stellen wollen. Mit einer innovativen und intelligenten Genreaufarbeitung hat das trashige B-Picture aber nichts zu tun.

Fazit: „La Horde“ schwimmt auf dem Trend der harten französischen Horrorwelle mit, enttäuscht aber mit einem Mangel an Ideen und einer uninspirierten Figurenzeichnung. Nur Splatterfilm-Liebhaber könnten von Yannick Dahans und Benjamin Rochers weitgehend sinnfreier und ideologisch fragwürdiger Schlachtplatte angesprochen werden.
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