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Flamenco Mi Vida
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Flamenco Mi Vida
Von Christoph Petersen
„Das Kino ist mein Leben! Die Musik ist mein Leben! Der Tanz ist mein Leben!“ Es gibt wohl kaum eine Kunst/Künstler-Doku, in der diese Standard-Floskeln nicht zumindest einmal ausgesprochen werden. Peter Sempels Doku-Road-Movie „Flamenco Ma Vida“ hat solch eine Quoten-Aussage sogar schon im Titel untergebracht. Ein Titel, der auf denselben, immer gleichen Einheitsbrei schließen lässt. Doch diese Erwartungshaltung wird schon in den ersten Minuten ad absurdum geführt – für manche im positiven, für andere im negativen Sinne: Wer etwas über den Flamenco, seine Ursprünge, seine Formen und seine Stars lernen möchte, sitzt im falschen Film. Wer hingegen den Flamenco, seine Ursprünge, seine Formen und seine Stars erleben möchte, ist genau richtig. Wenn nach 92 Videoclip-ähnlichen Minuten der Abspann rollt, hat man kaum einen neuen Fakt erfahren. Dafür hatte man die Möglichkeit, eineinhalb experimentelle Stunden lang zu spüren, was Flamenco bedeuten und ausdrücken kann. So ist dem Film sein Titel zu verzeihen, weil er die sonst oft nichtssagende Phrase ausfüllt und den Zuschauer den Flamenco intensiv miterleben lässt.

1954 in Hamburg geboren, in Australien aufgewachsen, machte sich Peter Sempel Anfang der Achtzigerjahre zunächst als Regisseur von Punk-Kurzfilmen einen Namen. Es folgten die Langfilme „Der wilde Rabe“ (1984, Musikfilm nach Edgar Allen Poe), „Dandy“ (1988, Blixa-Bargeld-Porträt) und „Jonas In The Desert“ (1994, Doku über den Avantgardefilmkünstler Jonas Mekas). Zuletzt kam 2006 seine Rocker-Doku Lemmy in unsere Kinos. Dass Sempels Art des Filmemachen dabei nicht unbedingt als alltäglich zu bezeichnen ist, machen schon die Titel einiger seiner Kurzfilme deutlich: „Dennis Hopper liest Rilke in Hollywood“, „Hiro Yamagata And His Painted Mercedes“ oder „Peter Brötzmann spielt leise“ heißen sie. Nun könnte man meinen, Sempel sei vielleicht ein wenig ruhiger/konventioneller geworden, wenn er sich nach all dem Punk und Rock mit 54 Jahren plötzlich dem Flamenco zuwendet. Aber falsch gedacht! „Flamenco Mi Vida“ ist mindestens genauso abgehoben wie seine vorherigen Werke – und das ist auch gut so.

Für sein dokumentarisches Road Movie ist Sempel von der Flamenco-Hochburg Sevilla bis nach Yokohama gefahren - immerhin gibt es auch in Japan mittlerweile mehr als 100.000 Flamenco-Lernende. Manchmal lässt uns der Regisseur großzügig wissen, wo wir sind, manchmal aber auch nicht. Doch das ist sowieso total wurscht, geht es doch auch darum, die Universalität dieses Tanzes unter Beweis zu stellen. Auf seiner Reise hat Sempel zahlreiche Flamenco-Auftritte gefilmt – von Afficianados über Schüler bis zu Profis, von der 10-jährigen Nachwuchstänzerin bis zur in die Jahre gekommenen Flamenco-Legende Matilde Coral ist alles dabei. Doch Sempel reiht die Gigs nicht einfach brav aneinander. Vielmehr haut er in hohem Tempo einen Impressionsschnipsel nach dem anderen raus. Außerdem schneidet er mitten in die Tanzdarbietungen immer wieder Aufnahmen, die im ersten Augenblick unpassend, in den besten Momenten sogar verstörend wirken: Stiere, die in der Arena um ihr Leben kämpfen. Ein Kornfeld, dessen Ähren im Wind zittern. Wildhunde, die sich um einen Knochen streiten. Abgewrackte Hütten am Straßenrand. Und viele, viele Pferde – ausschlagende, zuckende, neugierig schauende Pferde. Als besondere Dreingabe zoomt Sempel in den bruchstückhaften Interviewszenen so nah an die Befragten heran, dass es wirkt, als ob er ihnen im Gesicht herumgrabbeln würde.

Dass dieser experimentelle Ansatz funktioniert, liegt vor allem im Gegenstand des Films begründet. Im Gegensatz zu den Standardtänzen, die man im Jugendalter in der Tanzschule eingetrichtert bekommt, ist Flamenco keine Ansammlung von Schritten, sondern vielmehr ein Zustand oder ein Gefühl. Und als solches ist er auch nicht erfahrbar, wenn man nur unbeteiligt auf eine Leinwand starrt. Indem „Flamenco Mi Vida“ aber gerade nicht referiert, einem keine Fakten aufdrängt, sondern einfach nur Impressionen „anbietet“, wird der Zuschauer auch subjektiv mit in das Geschehen hineingezogen. Zum anderen bedeutet Flamenco auch, dass man keinen festgelegten Noten folgt. Stattdessen lässt man sich in die Musik hinein gleiten, nähert sich immer wieder einer Melodie an, ohne diese jedoch jemals wirklich zu erreichen. Diese chaotische, disharmonische Komponente des Flamencos bringt Sempel kongenial rüber. So ist „Flamenco Mi Vida“ weniger ein Film über das Tanzen als vielmehr ein raues, widerborstiges Flamenco-Destillat.

Fazit: Peter Sempel wird seinem Ruf als außergewöhnlicher Filmemacher einmal mehr gerecht und nähert sich dem Flamenco auf seine ganz eigene Art. So ist aus „Flamenco Mi Vida“ keine herkömmliche Dokumentation, sondern ein aufregend anderes Stück Kino geworden.
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