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    Neulich in Belgien
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Neulich in Belgien
    Von Anna Lisa Senftleben
    „Neulich in Belgien“ von Christophe van Rompaey erzählt eine ganz alltägliche Geschichte, wie sie eben genau so neulich in Belgien passiert sein könnte. Allerdings hätte auch eine wörtliche Übersetzung des flämischen Titels gepasst. „Anrijding In Moscou“ heißt nichts anderes als „Zusammenstoß in Moskau“, was den zentralen Plot der Tragikomödie, die bei den Filmfestspielen in Cannes gut ankam, ebenso treffend umreißt.

    So beginnt „Neulich in Belgien“ auch gleich mit einem Zusammenstoß, nämlich dem von Matty (Barbara Sarafin, „8 ½ Women“) und Johnny (Jurgen Delnaet). Auf dem Parkplatz eines Supermarktes in Moscou (nicht die russische Hauptstadt, sondern ein Viertel in Gent) krachen die beiden ineinander. Matty ist 41, Mutter von drei Kindern und ziemlich genervt von ihrem Leben. Deshalb rastet sie auch aus, als Trucker Johnny seine Schuld am Unfall nicht eingestehen will. Der lautstarke Streit ruft sogar die örtlichen Polizeibeamtinnen auf den Plan. Der erst 29 Jahre alte Johnny ist von Mattys Auftritt so beeindruckt, dass er sie zu einem Date bewegen will. Doch Matty hat eigentlich noch genug mit ihrem Fast-Ex-Mann Werner (Johan Heldenbergh) zu tun, der mitten in seiner Midlife-Crisis steckt und eine Affäre mit einer seiner Studentinnen hat. Dennoch lässt sich die hintergangene Ehefrau schließlich auf den charmanten Jungspund ein. Romantische Komplikationen sind vorprogrammiert…

    „Beziehungs- und Eheprobleme sind so alt wie die Menschheit: Ein Mann hat eine Affäre. Eine nicht mehr ganz junge Frau trifft plötzlich die Liebe ihres Lebens, muss aber erst mit ihrer Vergangenheit ins Reine kommen.“ So beschreibt der 38-jährige Regisseur Christophe van Rompaey sein Spielfilmdebüt. „Neulich in Belgien“ erzählt locker-flockig und voller Wortwitz von solchen Lebenssituationen, in denen man manchmal feststeckt. Van Rompaey lässt uns an der Sinnkrise seiner Protagonistin Matty teilhaben - ganz so, als wäre sie die nette Nachbarin von nebenan, die einem immer ein wenig leid tut, weil sie wieder ganz alleine die schweren Einkaufstüten hoch tragen muss, während sich der Gatte von seiner Geliebten verwöhnen lässt. Die Hauptdarstellerin Barbara Sarafin überzeugt in der Rolle der Zurückgelassenen: Mattys Zerrissenheit zwischen altem und neuem Mann wirkt natürlich, außerdem bewahrt sie trotz aller Rückschläge und Frustrationen stets ihre Würde. Das ist es auch, was den ganzen Film zu etwas Besonderem macht - auch wenn eigentlich nicht viel passiert. Kurz ausgedrückt: Eigentlich ist in dem Film alles ziemlich „normal“.

    „Normal“ heißt hier aber keinesfalls „langweilig“. Der Alltag in „Neulich in Belgien“ wird nämlich mit viel Humor geschildert. Dennoch hat der Film auch seine Schwächen. Erzählerisch ist er manchmal einfach ein wenig zu brav und geht über Konflikte zu galant hinweg. Warum Matty ihren Frühlingsgefühlen, gegen die sie sich zunächst mit aller Macht wehrt, schließlich doch erliegt, bleibt wage. Und auch Johnnys Alkoholproblem ist etwas plötzlich kein Thema mehr. Spannender ist da schon das Duell zwischen dem reumütigen Gatten und dem jüngeren Rivalen um die Gunst der dreifachen Mutter. Wer dieses gewinnt, bleibt angenehm lange ungewiss. Dazwischen gibt es noch zwei kleine Geschichten rund um die älteste Tochter und Mattys Arbeitsalltag als Postangestellte. Eben alles ganz unaufgeregt.

    Dies wird das Publikum in zwei Gruppen teilen. Die einen werden dem Filmalltag nicht viel abgewinnen können, den anderen wird gerade diese Normalität gefallen. Man kann sich leicht vorstellen, dass sich eine Frau um die Vierzig neulich in Belgien in einen rüpelhaften LKW-Fahrer verknallt und ihren treulosen Gatten zum Teufel geschickt hat. Genauso ist denkbar, dass sie sich gegen ihren stürmischen Verehrer und für den Vater ihrer Kinder entschieden hat. Warum denn nicht? Das sind eben Geschichten, die das Leben schreibt, die auch neulich in Deutschland, Dänemark oder Luxemburg passiert sein könnten… Ein wenig erinnert dieser halbdokumentarische Charakter an die Werke von Andreas Dresen (Halbe Treppe, Sommer vorm Balkon). Auch bei Dresen treffen Menschen mitten aus dem Leben aufeinander und müssen Krisen bewältigen, die dem Zuschauer immer ein bisschen bekannt vorkommen. Auch dass einige der Schauspieler einen persönlichen Bezug zu dem Arbeiterviertel Moscou haben und den örtlichen Dialekt sprechen, unterstützt diesen realitätsnahen Ansatz.

    Fazit: Bei den Filmfestspielen in Cannes gewann „Neulich in Belgien“ den Prix SACD für das beste Drehbuch und in seiner Heimat war er ein Kassenschlager. Ob der Film auch hierzulande ein breiteres Publikum ansprechen kann, wird sich zeigen. Sehenswert ist die authentische Dramödie mit ihrem sympathischen Witz und ihren zwei tollen Hauptdarstellern aber allemal.
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