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    Midsummer Madness
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    1,5
    enttäuschend
    Midsummer Madness
    Von Christian Schön

    „Andere Länder, andere Sitten.“ Mit dieser lakonischen Formel beschreibt der Volksmund jene kulturellen Unterschiede, die beim Blick in die Fremde oder auf Reisen immer wieder für Erstaunen und Erheiterung sorgen. Dabei kann es sich ebensogut um Alltagsrituale, ein ungewöhnlich anmutendes Äußeres und um spezielles Brauchtum handeln. Eine in diesem Sinne besondere Tradition nimmt Alexander Hahn mit seiner Komödie „Midsummer Madness“ aufs Korn: das Mittsommerfest, das in den nordischen Ländern gefeiert wird. Bekanntlich wird es dort an den Tagen und Nächten um die Sommersonnenwende gar nicht oder kaum dunkel, und so herrscht eine Art Ausnahmezustand im Land, von dem auch die Figuren des in Lettland spielenden Films nach und nach ergriffen werden. Mit seinen vielen unpointierten Handlungssträngen nimmt „Midsummer Madness“ immer abstrusere Züge an, wirklich unterhaltsam geht es dabei eher selten zu und der Versuch, auch ernstere Saiten mitklingen zu lassen, verpufft wirkungslos.

    Der Amerikaner Curt (Orlando Wells) bekommt von seinem im Sterben liegenden Vater den Auftrag, in Lettland nach seiner Stiefschwester Aida (Chulpan Khamatova) zu suchen. Am Flughafen angekommen, wird Curt vom Taxifahrer Oskars (Gundars Abolins) aufgegabelt, der ihn von nun an durch Lettland kutschieren wird. Dabei lernen sie sich schnell besser kennen und Oskars lädt den amerikanischen Gast ein, das Mittsommerfest gemeinsam mit seiner Familie zu feiern. Doch nicht nur Curt kommt am Flughafen in Riga an: Ein französisches Pärchen (Maria de Medeiros, Dominique Pinon) will hier einen Auftrag erledigen und die Stewardess Aida (Chulpan Khamatova) macht Station in ihrer Heimat. Sie will die Gelegenheit nutzen, ihren neuen Freund beim Jani-Fest ihren Eltern vorzustellen. Zur gleichen Zeit versucht Leonid (Jevgeni Sitochin) den Deutschen Karl (Detlev Buck) und den Österreicher Axel (Roland Düringer) zu einem faulen Geschäft zu überreden. Kaum zu glauben, dass alle Schicksale noch in dieser Nacht an einem Ort zusammengeführt werden…

    Die Vorliebe für skurrile Figuren, die episodische Erzählweise, scheinbar abwegige Handlungsumschwünge und ein Hang zur situativen Komik rücken „Midsummer Madness“ in die Nähe des skandinavischen Arthauskinos in der Linie von O'Horten. Stilistisch und motivisch lehnt sich Alexander Hahn zudem an das US-Independentkino an, in dem das Road Movie seit jeher eine besondere Rolle spielt. Ähnlich wie bei den dortigen Fahrten über amerikanische Highways wird der Weg über die Straßen Lettlands in „Midsummer Madness“ zur Reise in das Herz des Landes. Das Unterwegssein und die Suche sind nicht nur für die Hauptfigur Curt kennzeichnend, auch die Reisegruppe um die Französin Livia (Maria de Medeiros), die die Asche ihres verstorbenen Mannes nach Lettland bringt, wird unablässig durch die Gegend gefahren und die Stewardess Aida ist ebenso „on the road“.

    Alle vielversprechenden Ansätze und Wahlverwandtschaften verpuffen in „Midsummer Madness“ allerdings innerhalb weniger Sequenzen und bald stellt sich bloß noch das Gefühl ein, eine Billigkopie vor sich zu haben. Auch über die Besetzung lässt sich Ähnliches sagen: Was auf dem Papier vielversprechend klingt, kann auf der Leinwand nicht überzeugen. Dies gilt angefangen bei überregionalen Größen wie Maria de Medeiros (Pulp Fiction) und Dominique Pinon (Delicatessen) über etablierte Qualitätsgaranten wie Detlev Buck (Contact High, Herr Lehmann) oder Birgit Minichmayr (Alle Anderen) bis hin zu regionalen Stars und Originalen à la Roland Düringer („Hinterholz 8“). Eine erhebliche Mitschuld an dieser Misere trifft die Synchronisation. Das multinationale Ensemble, das beim Dreh gebrochenes Englisch oder Muttersprache gesprochen hat, wurde zum allergrößten Teil einheitlich deutsch synchronisiert, was bei einem Film, in dem es auch um den Aufeinanderprall unterschiedlicher Kulturen geht, bereits ein bedauerliches Versäumnis darstellt. Dass den Figuren dazu ein seltsam gekünstelter russischer Dialekt verpasst wurde, lässt das Ganze dann vollends lächerlich werden. Zudem klingen die Dialoge durchweg monoton-langweilig heruntergenudelt, was für die Situationskomik und sämtliche Gags tödlich wirkt.

    Fazit: Mit „Midsummer Madness“ versucht Regisseur Alexander Hahn im Grunde ein wenig Verständnis für die Eigenheiten der lettischen Kultur zu wecken. Dieses Vorhaben misslingt fast auf ganzer Linie. Viele der zahlreichen Handlungsstränge wirken zu flach und aufgesetzt, bei der Gratwanderung zwischen Komik und ernsten Botschaften stürzt Hahn zudem immer wieder ab. Die wenigen netten Ideen, die zwischendurch durchaus aufblitzen, tragen nie besonders weit und werden nach kurzer Zeit durch Banales konterkariert.

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