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10 Sekunden
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
10 Sekunden
Von Christian Schön
Das Reisen im Flugzeug zählt mit zu den sichersten Fortbewegungsarten, die uns die moderne Technik beschert hat. Trotzdem zählt die Luftfahrt zu den gefühlsmäßig sensibelsten Bereichen, der man von Natur aus eher misstrauisch gegenüber eingestellt ist. Das könnte durchaus daran liegen, dass die Konstruktion Mensch eigentlich nicht fürs Fliegen gemacht ist. Die Fortbewegung mit festem Boden unter den Füßen oder durchs Wasser erscheint aus dieser Warte vertrauenswürdiger, da gewohnter. Kommt es dennoch zu Flugzeugunglücken, scheinen diese alle Vorurteile zu bestätigen und die Angst zu schüren. Wirft man einen Blick auf den Widerhall, den Flugzeugkatastrophen in den Medien auslösen, kann man schnell bemerken, dass auch hier eine enorme Aufmerksamkeit auf diesen Bereich gerichtet wird. Das Drama „10 Sekunden“ nimmt sich die wahrhaft tragischen Begebenheiten der Flugzeugkollision von Überlingen aus dem Jahr 2002 zur Grundlage. Mit leicht abgeänderten äußeren Eckdaten werden episodenhaft die Auswirkungen einer solchen Katastrophe auf das Leben dreier Menschen ausgelotet.

Bei einem Flugzeugabsturz sterben 83 Menschen. Der Fluglotse Markus (Wolfram Koch) beobachtet die Kollision an seinem Bildschirm und verharrt regungslos zehn Sekunden lang, bis es zu spät ist. Er fühlt sich seitdem für den Tod der Passagiere der verunglückten Maschinen verantwortlich. Seine Frau Franziska (Marie Bäumer) und er nehmen sich eine Auszeit, um an ein normales Leben anzuknüpfen. Doch nichts nach dem Unfall ist wie vorher. Franziska sucht in einer Affäre nach Glück und Unbeschwertheit. Auch im Leben von Erik (Filip Peeters) ist nach dem Unfall nichts, wie es war. Erik verlor seine Frau und seine Tochter, um die er seither trauert. Für ihn zählt nur noch eins: die Suche nach dem Schuldigen. Der Polizist Harald (Sebastian Blomberg) war am Abend des Unglücks vor Ort im Einsatz. Seit dieser Nacht holen ihn die Ereignisse immer wieder in Form von Flashbacks ein, die von unbedeutenden Alltäglichkeiten ausgelöst werden können. Als Harald dann aus dem Fernsehen erfährt, dass der Fluglotse des Unglückabends ermordet wurde, sieht er überall auf den Straßen den mutmaßlichen Mörder Erik. Diesen kennt er bereits aus der verhängnisvollen Nacht…

Obwohl damit alle Elemente der echten Flugzeugkatastrophe von Überlingen vereint sind, weiß „10 Sekunden“ trotzdem mit einer eigenständigen Geschichte jenseits der Tatsachenbeschreibung aufzuwarten. Dass das Flugzeugunglück, bei dem damals 71 Menschen ums Leben kamen, tatsächlich nur eine Folie ist, kann man schon daran erkennen, dass der Mörder des Lotsen im Vergleich zu den tatsächlichen Begebenheiten völlig entpolitisiert wurde. Ein erster, sehr evidenter Hinweis auf die Andersartigkeit dessen, worum es eigentlich in „10 Sekunden“ geht, zeigt sich schon an dem Aufbau des Films. Die Geschichten von den drei Hauptpersonen/Personengruppen – also Erik, Harald und Franziska/Markus – werden in drei versetzten Zeitebenen erzählt, die sich jedoch allmählich gegenseitig annähern. Dadurch ergab sich für Regisseur und Co-Drehbuchautor Nicolai Rohde die Möglichkeit, unterschiedliche Stadien der Konfliktverarbeitung zu beleuchten.

Der zweite Effekt, der daraus resultiert, ist sicherlich wichtig für die Dramaturgie von „10 Sekunden“, da diese rein auf der Ebene des Plots kaum mit Überraschungen aufwartet. Ein einigermaßen aufmerksamer Verfolger der Medienberichterstattung wird im Wesentlichen nichts Neues über das Unglück und seine Folgen erfahren. Streckenweise kommt dadurch die Spannung etwas zum Erliegen, da eigentlich klar ist, was passieren wird. Dieses Manko wird nun durch das eigentliche Anliegen des Films kompensiert. „10 Sekunden“ erscheint nämlich als eine groß angelegte Reflexion über die Bedeutung des sonst unbedeutenden Alltags. Durch die traumatischen Erlebnisse der Figuren steht jedoch die ganze Welt kopf. Normalität in jeglicher Hinsicht scheint unmöglich geworden zu sein, ein Anschluss an das alte Leben nicht möglich. Entsprechend viel Raum wird den Situationen eingeräumt, die im Regelfall wenige Filmmomente einnehmen. Der zweite rote Faden, der den Film durchzieht und die einzelnen Teile miteinander sinnvoll verknüpft, ist die Frage nach der Schicksalhaftigkeit der Ereignisse und damit einhergehend die Frage nach Schuld und Sühne.

Grandios sind die Bilder, die Kameramann Hannes Hubach für „10 Sekunden“ eingefangen hat. Bereits zum zweiten Mal arbeitet dieser mit Nicolai Rohde zusammen, nachdem sie 2004 den Fernsehfilm „Zwischen Tag und Nacht“ gemeinsam drehten. In „10 Sekunden“ ist bemerkenswert, wie die erwähnte Meditation über die Bedeutung von Alltäglichem erst durch die langsamen Fahrten, Großaufnahmen und Lichtstimmungen richtig zum Leben erweckt werden. Komplettiert wird das ästhetische Unternehmen durch die hervorragende schauspielerische Leistung von Marie Bäumer (Die Fälscher, Der alte Affe Angst), Sebastian Blomberg (The Palermo Shooting, Der Baader-Meinhof Komplex) und Filip Peeters (Baby, Gilles). Selbst der fast nur fürs Fernsehen tätige Wolfram Koch („Der Letzte macht das Licht aus“) und die bestens besetzten Nebendarsteller erzeugen mit ihrem intensiven Spiel psychologisch ausdifferenzierte Charaktere.

Fazit: „10 Sekunden“ ist ein unkonventionell erzähltes, psychologisches Drama, das sich um das Trauma von drei Menschen herum entspinnt. Trotz des einfachen Schuld-Sühne-Mechanismus, der alles in Gang hält, und der spannungsarmen Handlung schafft es Nicolai Rohde über die Dauer des Films, die Konflikte der einzelnen Figuren so zu inszenieren, dass nie Langeweile aufkommt.
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