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Unter Bauern
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Unter Bauern
Von Jonas Reinartz
Mitten unter den unzähligen unbewältigten und vermutlich auch niemals zu bewältigenden Themen im Zuge der Aufarbeitung des Nationalsozialismus ist es vor allem eines, die nicht nur die Zeitzeugen betrifft, sondern vor allem uns, die Nachgeborenen: die Frage der Zivilcourage. Vorwürfe in dieser Hinsicht sind leicht zu äußern, doch ebenso schnell sind sie von der Hand zu weisen. Oder etwa doch nicht? Darf man aus der heutigen Sicht eine Person verurteilen, die aus Angst um seine Angehörigen oder schlicht um seine eigene Haut, bedürftigen oder vom Tode bedrohten Mitmenschen seine Hilfe verweigerte? Ist es für jemanden, der in verhältnismäßig sicheren Zeiten lebt, überhaupt möglich, sicher zu behaupten, man hätte auf jeden Fall anders gehandelt? In „Unter Bauern – Retter in der Nacht“ wird eine historische Begebenheit geschildert, die zeitlos-vorbildhaften Charakter besitzt, ohne mit dem moralischen Zeigefinder daherzukommen. Regisseur Ludi Boeken hat einen nobel gemeinten, wenn auch nur bedingt gelungenen Beitrag zur eingangs erwähnten Debatte inszeniert. Basierend auf den 1962 erschienenen Erinnerungen der inzwischen 97-jährigen Marga Spiegel, die sich auf einem Bauernhof versteckte und zusammen mit Mann und Kind der Vernichtung nur knapp entging, entfaltet sich ein aufschlussreicher Blick in den konfliktreichen Alltag der letzten Kriegsjahre. Einige dramaturgische Patzer sowie eine unterdurchschnittliche Inszenierung, die Boekens TV-Herkunft unübersehbar erkennen lässt und sich einige technische Nachlässigkeiten erlaubt, lassen das enorme Potential über weite Strecken in der Mittelmäßigkeit versickern.

Ahlen im Jahre 1943: Der einst allseits geschätzte jüdische Pferdehändler Siegmund Spiegel (Armin Rohde, Herr Bello) steckt in einem Dilemma. Am nächsten Tag soll er in den Osten deportiert werden, doch längst hat er erfahren, was dort auf die Juden Europas wartet. Dennoch schenkt ihm längt nicht jeder im bereits „arisierten“ Umfeld Glauben. Weit wichtiger als das eigene Überleben ist Siegmund die Unversehrtheit von Gattin Marga (Veronica Ferres, Rossini) und Töchterchen Karin (Luisa Mix). Ein Funken Hoffnung glimmt auf, als sich sein ehemaliger Kriegskamerad und Freund Aschoff (Martin Horn) bereit erklärt, die beiden auf seinem Bauernhof zu verstecken – unter der ständigen Gefahr, von den Anhängern des Regimes ausgeforscht und im Falle einer Entdeckung hart bestraft zu werden. So schlägt sich der Familienvater zunächst auf eigene Faust durch, während seine Angehörigen Unterschlupf finden. Aschoffs barsche Ehefrau (Margarita Broich) begegnet der Aktion mit Widerwillen. Die wirkliche Gefahr scheint jedoch von Tochter Anni (Lia Hoensbroech) auszugehen. Prinzipientreu und eifrig hat bei ihr die nationalsozialistische Jungenderziehung vollends gefruchtet. Obgleich die Jüdinnen sich größte Mühe geben, eine falsche Identität vorzuspiegeln, erregen unglaubwürdige Details ihrer Geschichte bald Misstrauen...

Treffend zeigt „Unter Bauern“ die völlige Durchdringung der deutschen Gesellschaft durch den Nationalsozialismus, selbst in einem kleinen Dorf. Für die dortige Jugend ist es selbstverständlich, zur Hitlerjugend beziehungsweise dem Bund deutscher Mädel zu gehen, deren Treffen geben dem Alltag Struktur. Den angeblichen Feind, das Judentum, lässt man nicht an sich herankommen Das Interessante an der Handlung des Films ist nun, was geschieht, wenn diese „Idylle“ gestört wird durch das, was etwa Anni zunächst am meisten verabscheut: jüdische Mitbürger. Als herauskommt, wem man da eigentlich Schutz gewährt, kommen die Wirkungen der nationalsozialistischen Phrasen zum Tragen. So werden Menschen, die man zuvor mochte, plötzlich als Unmenschen stigmatisiert. Es ist die Szene, in der Anni den um ihren vorgeblichen Status als Katholiken verlustig gegangenen Spiegelmanns ihren Abscheu entgegen schleudert, die am meisten verstört. Hier wird der Irrwitz eines irrationalen, fanatischen Hasses sichtbar, der von einem Augenblick auf den nächsten aus Freunden Feinde macht.

Die Treue gegenüber einer realen Vorlage bringt manches Manko mit sich. Spannungssteigernde Zuspitzungen wären sicher Fehl am Platze, doch gerade gegen Ende schleicht sich so manche Länge ein, obwohl einige plakative Szenen, die allzu didaktisch erscheinen, um wirklich effektiv zu sein, dennoch vorhanden sind. Die relative Nüchternheit ist immer noch weitaus besser als es manche überflüssige Ausschmückung gewesen wäre, etwas mehr Entschlackung und Fokussierung an anderer Stelle hätten aber zweifellos gut getan. Beispielsweise ist die Beziehung zwischen Anni und einem zunächst linientreuen, in den Krieg ziehenden Jungspund vom Drehbuch zu wenig entwickelt, um wirklich zu interessieren. Dies gilt für dessen liberalen Vater genau wie für den ebenfalls nach Russland ziehenden Sohn der Familie Aschoff, dessen Schicksal den Zuschauer kaum berührt. Ebenso wäre ein Einblick in das Vorleben der Spiegels lohnenswert gewesen, um sie greifbarer zu machen.

Am besten ist Veronica Ferres immer dann, wenn sie ihre furienhafte Diva-Attitüde hinter sich lässt und sich auf ein eher minimales Spiel beschränkt. Als Marga Spiegel verhält sie sich auf diese Weise und wirkt völlig überzeugend, zumal der immer noch durchscheinende Glamour ohnehin zur vornehmen und gebildeten Frau von Welt passt. Ebenfalls zurückhaltend und glaubhaft agiert Armin Rohde, auch wenn sich sein robuster Flüchtling mit Herz nicht wesentlich von seinen üblichen Leinwand-Persona unterscheidet. Der souveräne Martin Horn als Aschoff harmoniert bestens mit Rohde, die Schranken überwindende Freundschaft wirkt jederzeit glaubhaft. Am eindrucksvollsten von allen ist Lia Hoensbroech, die die Zerissenheit ihrer Figur höchst beeindruckend rüberbringt. Von naiver Linientreue bis zur erschütternden Erkenntnis, dass ihr Weltbild von unvergleichlicher Barbarei geprägt ist, reicht ihr Spektrum. Es ist zu hoffen, dass sie demnächst in weiteren, ähnlich herausfordernden Rollen zu sehen sein wird.

Es mag ein hartes Verdikt sein, doch es scheint, dass ein anderer Regisseur weit mehr aus dem enormen Potential des Stoffes hätte herausholen können. Insbesondere was die Form betrifft, gerät Boeken, der sich mit dem Action-Thriller „Deadlines“ und der Britney-Spears-Persiflage „Britney, Baby, One More Time“ nicht gerade als Könner erwies, oftmals gefährlich in die Nähe des Dilettantismus. So gibt es kaum eine Totale, die von ablenkenden Unschärfen frei ist. Ein einsamer inspirierter Moment ist der harte Schnitt vom Kriegsorden Sigmund Spiegels auf dessen Judenstern, den er einige Jahre später zu tragen verpflichtet ist. Generell ist der Stil betont nüchtern, was dem Sujet angemessen ist, hervorragendes Handwerk sollte man jedoch tunlichst an anderer Stelle suchen. Obgleich der Vergleich ein wenig hinkt, da Intention, Ton und Genre gänzlich verschieden sind: Jemand wie Quentin Tarantino braucht in der Verhörszene seines jüngsten Streichs Inglourious Basterds nur zwei Schauspieler und ein paar Requisiten auf engstem Raum, um allein mit Bildkompositionen, Timing und Montage ein Gefühl von Räumlichkeit und damit Glaubwürdigkeit zu schaffen - die Szene lebt und atmet. Insgesamt ist die Machart der deutsch-französischen Co-Produktion die meiste Zeit immer noch akzeptabel, Ausstattung und Kostüme sind ordentlich, dennoch wird der Anspruch an eine Kinoproduktion nicht erfüllt, eher fühlt man sich an einen TV-Film erinnert.

Wäre „Unter Bauern“ also im Fernsehen nicht weitaus besser aufgehoben gewesen? Diese Frage muss bejaht werden. Obwohl es eine erstklassige Besetzung vorzuweisen hat, bewegt sich das Historiendrama nicht auf dem Niveau, das man von einem Kinofilm erwarten darf. Dies hat allerdings nicht zu bedeuten, dass es sich nicht lohnen würde, der auf wahren Geschehnissen beruhenden Geschichte eine Chance zu geben. Wer über die erwähnten formalen Makel hinwegsieht, bekommt einen streckenweise präzise geschilderten Einblick in ein unspektakuläres, aber gerade deshalb wichtiges, weil allzu leicht verdrängbares Kapitel des Dritten Reiches geliefert.
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