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    Eine Karte der Klänge von Tokio
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Eine Karte der Klänge von Tokio
    Von Christian Horn
    Fast zwangsläufig muss man an Wong Kar-Wai („Fallen Angels") denken, wenn man sich den neuen Film von Isabel Coixet („Mein Leben ohne mich", „Elegy oder die Kunst zu lieben") anschaut. Das liegt zuvorderst an der Bildgestaltung, aber auch an der ausgeprägten Melancholie sowie der skizzenhaften Erzählweise. Letztere könnte man „Eine Karte der Klänge von Tokio" leicht zum Vorwurf machen, ebenso wie den Umstand, dass die Figuren mehr oder minder blass bleiben und die Kulisse Tokio lediglich als visueller Gestaltungsraum dient. Damit würde man aber die falschen Maßstäbe an Coixets Drama setzen, das 2009 in Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde: Wie eben auch die Filme von Kar-wai lebt „Eine Karte der Klänge von Tokio" von seiner audiovisuellen Oberfläche und seiner beinahe avantgardistischen Erzählhaltung.

    Die Japanerin Ryu (Rinko Kikuchi, „Babel") arbeitet auf dem Fischmarkt von Tokio – und als Auftragskillerin. Der Spanier David (Sergi López, „Pans Labyrinth") betreibt einen kleinen Weinladen und trauert um seine Geliebte, die kürzlich Selbstmord begangen hat. Die Wege der beiden kreuzen sich, weil der Vater der Verstorbenen David für den Suizid seiner Tochter verantwortlich macht und Ryu auf diesen ansetzt. Als die Killerin ihr Opfer im Weinladen besucht, entspinnt sich ein Flirt, auf den eine Verabredung folgt. Fortan treffen die beiden sich regelmäßig zum Sex, wobei David von vornherein klarstellt, dass es ihm nur um Ablenkung von seinem Liebeskummer geht – trotzdem verliebt sich Ryu in ihn...

    Als Off-Erzähler installiert Coixet einen alten Japaner (Min Tanaka, „The Hidden Blade"), der an allen Ecken Tokios Geräusche und Gespräche sammelt. Er überzeugt Ryu davon, ein permanent eingeschaltetes Mikro bei sich zu tragen (was in Anbetracht ihrer Profession eigentlich recht widersinnig ist) und wird so auditiver Zeuge der Amour Fou zwischen ihr und David. Die unverbindliche, stets im narrativen Hintergrund agierende Figur des Tonmannes wird so zu einer Instanz der Selbstreflexion. Der Titel des Films ist nämlich Programm: Coixet nutzt die Tonspur von „Eine Karte der Klänge von Tokio" als sorgfältig gestaltetes Stilmittel. Das gilt neben der bemerkenswert guten Musikauswahl ausdrücklich auch für den Sound – und zwar sowohl für die Hintergrundgeräusche als auch für den Ton im Vordergrund. Der urbane Raum Tokios – etwa der Fischmarkt, auf dem Ryu arbeitet, oder die belebten Bürgersteige – wirken dadurch plastischer und lebendiger. In einer Karaoke-Bar lässt Coixet den Protagonisten David ein Lied singen, das ebenfalls auf das komplexe Sounddesign des Films referiert: „Break the Silence".

    Die beiden wesentlichen Charakteristika des Hörens sind die Verinnerlichung und die Verräumlichung. Letztere dient auch zur visuellen Gestaltung, auf die der Titel mit den Worten Karte und Tokio ebenfalls verweist. Kameramann Jean-Claude Larrieu, der zur Stamm-Crew von Isabel Coixet gehört, entwirft hochgradig ästhetische und streng komponierte, dabei aber nie leblose oder unterkühlte Bilder. Die Neonfarben der japanischen Metropole und das dortige Treiben auf den Straßen liefern ihm eine dankbare Vorlage, ebenso wie die glücklich ausgewählten Schauplätze wie etwa ein Hotelzimmer, dessen Architektur einem U-Bahn-Waggon nachempfunden ist.

    Nun zur Verinnerlichung, dem zweiten spezifischen Merkmal des Hörsinnes. Die Rahmenhandlung spielt hier nur eine Nebenrolle, der Plot und die Figuren bleiben weitgehend Behauptung und Konstrukt. Coixet lässt viele Motivationen der Figuren offen und erlaubt sich gar Unlogisches wie den Umstand, dass der Toningenieur die Killerin abhören darf. Wahrscheinlichkeitskrämer werden an dem Film daher kaum Freude finden. Coixet geht es um etwas ganz anderes – um Emotionen und Stimmungen nämlich, die alle Rationalität deklassieren. Ihr Film handelt von Tod und der Bewältigung Trauer, von Melancholie und Einsamkeit. Sie modelliert zahlreiche Bilder der Sinnlichkeit und Lust, wobei sie teils hoch erotische Momente formt. Das Anliegen der Filmemacherin ist es, innere Befindlichkeiten nach außen hin für den Zuschauer erfahrbar zu machen.

    Die subjektive Herangehensweise Coixets sowie ihre lückenhafte Erzählweise stoßen sicherlich nicht überall auf Gegenliebe. Als kohärentes, inhaltlich wasserdichtes Erzählwerk funktioniert „Eine Karte der Klänge von Tokio" nicht - und als solches ist er auch gar nicht gemeint: Die Bilder und Töne des Films machen seinen Reiz aus und markieren seine Attraktion. Es geht um die ästhetischen Möglichkeiten des audiovisuellen Mediums Film, die Coixet versiert zu einem rauschhaften Kinoerlebnis verbindet – und das ist doch wirklich kein schlechter Grund, ins Kino zu gehen.
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