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Nowhere Boy
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Nowhere Boy
Von Ulf Lepelmeier
„Nowhere Boy" ist ein Biopic über John Lennon – doch wer nun erwartet, die wilde Anfangszeit der Beatles in Hamburg, den Höhepunkt der Beatlemania oder die Bebilderung von Lennons Leben als Solokünstler an der Seite von Yoko Ono zu sehen, liegt falsch. Ohne den Namen der erfolgreichsten britischen Band aller Zeiten in ihrem Film auch nur einmal zu erwähnen, konzentriert sich Regisseurin Sam Taylor-Wood in ihrem Debütfilm vollständig auf die Jugendzeit John Lennons, seine musikalischen Anfänge und sein Aufwachsen im Einflussbereich zweier konträrer Mutterfiguren.

Liverpool in den 50er Jahren: Nach dem plötzlichen Tod des geliebten Onkels lebt der 15-jährige John Lennon (Aaron Johnson) allein bei seiner strengen Tante Mimi (Kristin Scott Thomas). In dieser Situation der Trauer begegnet er nach zehn Jahren seiner leiblichen Mutter Julia (Anne-Marie Duff) und erfährt, dass diese gar nicht weit entfernt lebt. Nun steht der Junge auf einmal zwischen der fröhlichen, aber unzuverlässigen Julia und ihrer zurückhaltenden älteren Schwester. Jugendlicher Leichtsinn, die schwierige Familienkonstellation und die aufkommende Liebe zur Musik dominieren Johns Alltag. Die musikbegeisterte Julia führt ihren Sohn in die aufregende Welt des Rock'n'Roll ein und bringt ihm das Banjospielen bei. Lange Zeit hält der Teenager sich mit der Frage zurück, warum seine Mutter ihn als Fünfjährigen einfach zurückließ und sich zehn Jahre nicht mehr bei ihm meldete – doch dann fordert er von Julia eine Erklärung...

Das Drehbuch zu „Nowhere Boy" stammt von Matt Greenhalgh, der bereits das Skript für „Control" (das Biopic über Joy-Division-Sänger Ian Curtis) ablieferte, und basiert auf dem Roman „Imagine This: Growing Up With My Brother John Lennon", in dem Lennons Halbschwester Julia Baird über die konfliktbehafteten Familienverhältnisse im Hause Lennon und Johns beginnende Faszination für den Rock'n'Roll berichtet. Regisseurin Sam Taylor-Wood, die vorher als Fotografin von sich Reden machte, ergründet den Ursprung des musikalischen Talents des Sängers und stellt den Teenager John Lennon als Spielball zweier Schwestern dar, die sich beide als dessen Mutter fühlen, aber mit ihrer langjährigen Rivalität das Gemüt des sich selbstsicher gebenden Jungen belasten. Während der Filmbeginn noch etwas farblos gerät, gelingt es der Regisseurin mit zunehmender Laufzeit, das Flair der 50er Jahre sowie die Lebendigkeit und Umtriebigkeit der Teenagerzeit heraufzubeschwören und etwas mehr Witz und Drive in die - auf ein großes Finale zulaufende - Story zu bringen.

Die geradlinig-klassische Inszenierung bedient sich gängiger Konventionen des Coming-of-Age-Dramas und lässt bei Zeiten das Gefühl aufkommen, eine Fernsehproduktion vor sich zu haben. Doch die schauspielerischen Leistungen heben das Niveau und rechtfertigen auf jeden Fall eine Kinoauswertung. Aaron Johnson („Chatroom"), der insbesondere durch die Rolle des „Kick-Ass" im gleichnamigen Superheldenfilm Bekanntheit erlangte, stellt hier seine Wandlungsfähigkeit unter Beweis und verkörpert John Lennon als energiegeladenen, nie um einen Spruch verlegenen Teenager, der seinen Frust über die schwierigen Familienverhältnisse und den Tod seines geliebten Onkels in sich hineinfrisst. Johnson vermag es, dem jungen Lennon die besondere Aura und Großspurigkeit des späteren Beatles-Mitglieds zu verleihen sowie die Manierismen und Eigenheiten des Sängers in ihren Anfängen in seine Darstellung einfließen zu lassen.

Anne-Marie Duff ("Ein russischer Sommer") und Kristin Scott Thomas („So viele Jahre liebe ich dich") erweisen sich ebenfalls als hervorragende Wahl für die so gegensätzlichen Schwestern. Während Duff die Fröhlichkeit und gleichzeitige Unstetigkeit der überforderten leiblichen Mutter ausspielt, vermag es Scott Thomas immer wieder, in kurzen Augenblicken die Liebe der strengen und wenig gefühlsbetonten Mimi für ihren Neffen aufleuchten zu lassen und dabei trotzdem die unterkühlte Art der spießbürgerlich-pedantischen Tante beizubehalten. Alle drei Hauptdarsteller streichen insbesondere im dramatischen Finale des Films, in dem die familiären Streitigkeiten und Schwierigkeiten offengelegt und Johns fragmentarische Kindheitserinnerungen zusammengesetzt werden, ihr Können heraus.

Fazit: Nach einem etwas beliebigen Anfang findet „Nowhere Boy" seine Spur und fährt auf ein tragisches Finale der familiären Offenbarungen zu, in dem die drei Hauptdarsteller ihre Fähigkeiten voll ausspielen. Sam Taylor-Woods Debütfilm ist eine nette, akkurat dargebotene Musikerbiographie über die Teenagertage und künstlerischen Anfänge John Lennons.
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