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Der Andere
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
Der Andere
Von Ulf Lepelmeier
Nachdem Bernhard Schlink mit seinem 1995 erschienenen Roman „Der Vorleser" weltweit Erfolge feierte und es in den USA als erster deutscher Autor auf den Spitzenplatz der New York Times-Bestsellerliste schaffte, veröffentlichte er erst im Jahre 2000 mit der Kurzgeschichtensammlung „Liebesfluchten" ein literarisches Nachfolgewerk. Kühl, sachlich und dennoch mit Feingefühl führt Schlink über sieben Erzählungen die großen Themen seines Mega-Erfolgs fort: Schuld und Verantwortung. Doch die Unaufgeregtheit der intimen Kurzgeschichte um einen Pensionär, der seine scheinbar glückliche Ehe in Frage stellt und eine neue Seite an seiner Frau kennenlernt, wurde von Regisseur Richard Eyre („Stage Beauty", „Iris") mit „Der Andere" leider nicht in einen sensiblen Film, sondern in eine krude Mischung aus Psychothriller und Drama umgewandelt, die ihrem namhaften Cast kaum Raum zur Entfaltung bietet.

Peter (Liam Neeson) und Lisa (Laura Linney) sind seit 25 Jahren verheiratet und beide erfolgreiche Geschäftsleute. Peter leitet ein Softwareunternehmen, während Lisa als Schuhdesignerin tätig ist. Doch eines Tages verschwindet Lisa aus Peters Leben. Auf ihrem Handy findet der trauernde Gatte den Anruf eines Mannes, den es nach Lisas Stimme verzehrt. Auf ihrem Laptop stößt er auf passwortgeschützte Fotodateien mit der Aufschrift „Love". Als er dann auch noch eine eMail mit den Liebesbekundungen eines gewissen Ralph (Antonio Banderas) vorfindet, dämmert ihm: Seine Frau hat ihn betrogen. Wutentbrannt lässt er eine Angestellte nach den Privatdaten des Rivalen fahnden und bricht nach Mailand auf. Dort verfolgt er den Fremden und lernt ihn in den folgenden Tagen beim Schachspielen näher kennen. Ahnungslos erzählt der weltmännisch auftretende Ralph von seinem aufregenden Leben und seiner langjährigen Beziehung zu einer Schuhdesignerin. Unter Lisas Namen empfängt Ralph schließlich eine eMail samt Date-Angebot. Doch nicht nur diese Mail soll sich als falsches Spiel erweisen...

Drei hochdekorierte Hauptdarsteller, eine Kurzgeschichte von Bernhard Schlick als Drehbuchgrundlage und der renommierte Regisseur Richard Eyre, der mit „Tagebuch eines Skandals" ein hervorragendes Psychodrama vorlegte, ließen auf eine ansprechende Verfilmung der gefühlvollen Erzählung „Der Andere" hoffen. Doch die ruhige Vergebungsgeschichte zum unglücklich konstruierten Thriller ausgebaut, und durch das Vorenthalten einer zentralen Information fadenscheinig dramatisiert. Letztlich wird die Geschichte dadurch ihrer emotionalen Tiefe beraubt. Die Rachegelüste Peters nehmen nun einen viel höheren Stellenwert ein. Mit der konstant aggressiven Atmosphäre wirkt das zurückgenommene Ende nicht mehr schlüssig, zu abrupt müssen die Figuren ihre Haltung zueinander ändern. Durch die dunkle Bebilderung und die dramatische Musikuntermalung wird auf einen Spannungsbogen hingearbeitet, der sich aus Schlinks Vorlage nicht ergibt.

Die Figuren sind im auf Geheimniskrämerei bedachten Skript schlicht unklug angelegt, etwa wenn Lisa ihren liebevollen Ehemann nach nicht einmal fünf Minuten mit der Gretchenfrage jeder Ehe herausfordert: wie hältst du es mit der Monogamie? So bildet sich der Eindruck einer berechnenden Person heraus - und keineswegs der einer komplexen Frau, die ehrliche Gefühle für zwei Männer hegt. Die stets sympathische Laura Linney („Mystic River", „Kinsey", „Die Geschwister Savage") versucht immerhin, dem Entwurf entgegenzuspielen.

Antonio Banderas („Die Legende des Zorro") und Liam Neeson („Schindlers Liste", „Kampf der Titanen") wird leider auf Grund der oberflächlichen Zeichnung ihrer polar gegenüberstehenden Figuren nicht die Möglichkeit gegeben, sich darstellerisch zu profilieren. Sie dürfen letztlich nur Archetypen - den pessimistischen, rachsüchtigen Briten und den draufgängerisch-südländischen Gigolo - geben, die sich immer wieder am Schachbrett gegenübersitzen und jeweils Anspruch auf die weiße Königin erheben. Bemerkenswert, dass Neeson zeitnah unter Atom Egoyans Regie in „Chloe" mit einem wesentlich nuancierteren Auftritt als ein der Untreue bezichtigter Ehemann glänzte.

Richard Eyre hat zuletzt mit „Tagebuch eines Skandals" bewiesen, dass er fähig ist, niveauvolles Psychodrama zu inszenieren. Mit seiner Schlink-Adaption kann er daran nicht ansatzweise anschließen. Durch die unnötig verschachtelte Erzählstruktur und das Zurückhalten einer Schlüsselinformation bläht er eine ursprünglich intim-zurückgenommene Geschichte um Vertrauen, Eifersucht und Vergebung zu einem leidlich spannenden Thrillerdrama auf, das kaum mitreisst und sich seinen Schlusstwist, der eigentlich keiner ist, zu teuer erkauft.
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