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Let's Make Money
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Let's Make Money
Von Stefan Ludwig
„Die Welt ist ungerecht!“ ist eine längst bekannte Tatsache. Aber warum genau dem so ist, muss noch näher geklärt werden. Dieses Problem beleuchtet die österreichische Dokumentation „Let‘s Make Money“. Der Regisseur Erwin Wagenhofer (Feed The World) nimmt seine Zuschauer mit auf eine Reise durch die globalisierte Welt. Er deckt im Detail auf, wie die westliche Elite ihr Geld auf Kosten der Wehrlosen in den Entwicklungsländern vermehrt. Dabei liefert er eine messerscharfe Analyse des heutigen Finanzsystems, das bekanntermaßen gerade eine schwere Krise durchläuft. Durch die aktuellen Bankenpleiten erlangt der Film eine ungeahnte Brisanz.

Zu Beginn zeigt Regisseur Wagenhofer, wie in Afrika Gold aus einer Mine gesprengt wird. Die Verteilung macht stutzig: Nur drei Prozent bleiben in Ghana, der Rest geht an westliche Industriestaaten. Mit der kläglichen Quote muss der afrikanische Staat nicht nur seine Bevölkerung ernähren, sondern zudem seine enormen Schuldenberge abbauen. In Singapur fährt der Finanzguru Mark Mobius in seiner Limousine an einer Skyline vorbei. Er ist der Herr über einen gigantischen Fonds von 50 Milliarden Dollar, den er in „Emerging Markets“, also in Entwicklungsländern investiert. Ethik, Umweltverschmutzung und Ausbeutung interessieren ihn einen feuchten Kehricht. Am besten solle man dort investieren, wo auf den Straßen noch Blut klebt, erklärt er, ohne mit der Wimper zu zucken.

Wagenhofer erinnert sich an den Werbespruch einer Bank: „Lassen Sie ihr Geld arbeiten“, las er auf einem Plakat. Dabei könnten doch eigentlich nur Menschen, Maschinen und Tiere arbeiten, meint der Regisseur. Nach seinem Film über die Nahrungsmittelproduktion in einer globalisierten Welt („We Feed The World – Essen global“) erläutert er nun den Zuschauern die weltweiten Finanzströme. Seine These: Wer Geld auf einem Bankkonto deponiert, fördert die Ungerechtigkeit. Denn das Geld investieren die Manager in armen Ländern, um damit maximalen Profit zu erzielen. Dabei beuten sie praktisch zwangsläufig die dortige Bevölkerung aus. Denn „Outsourcing“ funktioniert eben nur, wenn sich durch niedrigere Produktionskosten der Gewinn maximieren lässt.

Das demonstriert „Let’s Make Money“ etwa an den Verhältnissen in Indien: Ein österreichischer Investor begutachtet eine Fabrik. Er interessiert sich für die Löhne der Arbeiter, für einen sauberen Ablauf der Produktion. Dann verhandelt er über weitere Zukäufe von Grundstücken. Das Gewinnpotenzial muss so schnell wie nur irgend möglich ausgeschöpft werden, sonst macht jemand anderes das Geschäft. Eine indische Uni-Absolventin frustriert dieses Prinzip. Sie kann nicht fassen, was ihre Regierung mit all dem Geld macht, das ausländische Investoren ins Land bringen. Anstatt die Firmen angemessen zu besteuern und damit die eigene Bevölkerung vor Armut zu schützen, lässt sie die Firmen die Gewinne ungehindert mit ins Ausland nehmen. Die Inder leben indessen auf der Straße, nächtigen am Strand oder in provisorischen Hütten am Rande der Kloaken, die einst Flüsse waren.

Besonders beeindruckend sind die zahlreichen hochkarätigen Gesprächspartner, die Wagenhofer für seine Doku gewinnen konnte. Gut ist auch seine erneute Entscheidung gegen jeglichen Kommentar. Nach einem kurzen Einleitungstext tritt der Regisseur selbst gar nicht mehr in Erscheinung, nicht einmal in Form von Interviewfragen. Er lässt seine Gesprächspartner frei erklären. Einer der faszinierendsten ist der ehemalige „Economic Hit Man“ John Perkins, der früher für den Geheimdienst arbeitete und heute Bücher über diese Zeit schreibt. Er erläutert etwa das Prinzip, den Entwicklungsländern riesige Kredite durch die Weltbank zu gewähren, aus denen die spätere Erpressbarkeit der Staaten resultiert. Wenn das nicht funktioniert, schicke Amerika eben seine Schakale, die die Regierung stürzen oder notfalls auch ermorden. Die beiden Irakkriege habe es gegeben, da in diesen Fällen nicht einmal dieses rabiate Vorgehen aufging. Saddam Hussein wollte sein Erdöl sogar in anderer Währung als in Dollar verkaufen, weshalb die USA ihr Militär abermals aussendete.

Faszinierend ist die Offenheit, mit der die Interviewpartner das schreckliche System erklären. Keiner zügelt seine Zunge, alle offenbaren ohne schlechtes Gewissen die ungeschminkte Wahrheit vom Raubtierkapitalismus. Selbst ein Kölner Investor, der für einen Private Equity Fonds arbeitet, gibt freimütig zu, dass Unternehmen seiner Branche zu Recht als Heuschrecken bezeichnet würden. Mit dieser verständlichen und klaren Analyse des weltweiten Finanzsystems werden keine revolutionären Neuigkeiten verbreitet. Aber dennoch schafft es Wagenhofer, den Zuschauer durch seine nur indirekte Beteiligung am Geschehen für sich zu gewinnen. Natürlich ist das Thema komplex und erfordert viel Aufmerksamkeit. Doch der Regisseur sorgt durch geschickte Unterbrechungen immer wieder für Luft für kleine Denkpausen.

Auch dem Thema „Subventionen“ nimmt sich „Let’s Make Money“ an. Durch Subventionen für die eigene Baumwollindustrie schützt Amerika etwa die hauseigene Wirtschaft. Doch dadurch werden die armen Baumwollpflücker in Burkina Faso geschröpft, die ihre – eigentlich höherwertigen – Produkte am Markt zu unnötig niedrigen Preisen verkaufen müssen. Wagenhofer zeigt auch, dass die Afrikaner dieses System längst durchschaut haben. Sie werden nach Europa drängen, wenn sich nichts ändert, ist ein Afrikaner felsenfest überzeugt.

Steuerparadiese dienen den Banken als Geldwäschemaschinerie. Denn mittels der Kombination von verschiedenen Rechtssystemen machen sie ein Nachvollziehen der Finanzströme praktisch unmöglich. Von 11,5 Trillionen Dollar privater Reserven, die in solchen Finanzparadiesen lagern sollen, ist die Rede. Diese institutionelle Steuerhinterziehung kostet die westlichen Staaten jährlich etwa 250 Milliarden an Einnahmen. Was Banker und Anwälte auf diesen Steuerinseln machen, ist jedoch legal, auch wenn es nach Meinung vieler Globalisierungskritiker abgeschafft gehört. Doch die Rechtssysteme der Oasen lassen bewusst Finanzen versickern, um selbst Kapital anzulocken. Ad absurdum führt deren Vorhaben die Erläuterung des Finanzministers der Insel Jersey. Mit piepsiger Stimme versucht er, sein Vorgehen zu rechtfertigen, was bestenfalls für Gelächter sorgt.

Fazit: Mit „Let’s Make Money“ ist Erwin Wagenhofer eine beinahe geniale Analyse des heutigen neoliberalistischen Finanzsystems gelungen. Einziges Manko ist die etwas unklare Struktur. Zwar ist der Film deutlich in acht Abschnitte gegliedert, doch aus dieser Einteilung ergibt sich nicht wirklich ein roter Faden. Dennoch schafft es der Film, in verständlichen Bildern zu erläutern, wie das Geld um den Globus flitzt. Dass Wagenhofer den Film nur mit Hilfe seiner Assistentin Lisa Ganser erstellt hat, klingt fast schon unglaublich – schließlich gibt er selbst zu, eigentlich kein Experte auf dem Gebiet zu sein.
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