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Betty Anne Waters
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Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Betty Anne Waters
Von Michael Smosarski
Das amerikanische Justizsystem ist ein einziger Sumpf aus Korruption und Falschheit, zumindest wenn man man die einschlägigen Kinoproduktionen seiner Einschätzung zugrunde legt. So hat das Genre des Justizdramas zwischen „Dead Man Walking" und „Das Leben des David Gale" bereits Stereotypen in Hülle und Fülle hervorgebracht. Der Typus der starken jungen Frau, die gegen die Mühlen des gesichtslosen (Un-)Rechststaats ankämpft, ist seit „Erin Brockovich" ebenfalls hinlänglich bekannt. Die Tatsache, dass sich die Story wirklich zugetragen hat, macht sie nun auch im Fall von Tony Goldwyns „Betty Anne Waters" nicht zwingend origineller. Dagegen steht ein Cast, der mit Hilary Swank und Sam Rockwell zwei Charakterköpfe umfasst, die in den vergangenen Jahren in herausragenden Produktionen zu begeistern wussten („Million Dollar Baby" beziehungsweise „Moon"). Am besten lässt sich die erste große Produktion des Regisseurs wohl so zusammenfassen: Sie ist formelhaft formvollendet.

Als die Leiche von Katharina Brow in ihrem Wohnwagen gefunden wird, ist der vermeintliche Täter schnell gefasst: Kenny Waters (Sam Rockwell), bereits vorbestraft, soll die Kellnerin erstochen haben. Obwohl der Prozess seine Täterschaft nicht zweifelsfrei belegen kann, verurteilt ihn die Jury zu lebenslanger Haft. Seine Schwester Betty Anne (Hilary Swank) indes glaubt nicht an die Schuld ihres Bruders. Mit allen Mitteln versucht sie, eine Wiederaufnahme des Verfahrens zu erwirken. Als alle rechtlichen Widersprüche scheitern, fasst sie einen weitreichenden Entschluss: Sie will selbst Anwältin werden, um Kennys Unschuld endgültig zu beweisen...

„Betty Anne Waters" ist episch angelegt, Goldwyn erzählt in Vor- und Rückblenden die Geschichte der Waters-Geschwister von der Kindheit bis zum Prozessende, was einer halben Lebensspanne gleichkommt. Genügend Material also, um einen bunten Bilderbogen ebenso psychologisierender wie atmosphärischer Momentaufnahmen zusammenzustellen. Zwischen aufkeimender Hoffnung, schierer Euphorie und schmerzhafter Verzweiflung erlebt das Publikum Betty Annes Gefühle mit. Hinzu kommt die milde Spannung um die zentrale Rätselfrage: War Kenny vielleicht wirklich der Täter? Was wäre, wenn sich seine Schwester mehr als 18 Jahre lang umsonst aufgeopfert hätte? Hilary Swank („Boys Don't Cry") und Sam Rockwell („Per Anhalter durch die Galaxis") verkörpern ihre Figuren mit großer Spiellust und Leidenschaft, gerade Rockwell besticht als jähzorniger Antiheld. Keine Frage: „Betty Anne Waters" ist engagiertes Kino.

Was also stimmt nicht? Tatsächlich ist „Betty Anne Waters" ein wenig zu perfekt. Bis ins letzte Detail wurde das Gesamtkunstwerk durchkomponiert und feingeschliffen. Die Story tänzelt so leichtfüßig voran, dass man kaum einmal dazu gezwungen wird, nachzudenken oder das Gesehene zu bewerten. Auf den Flügeln der subtilen Bildregie gleitet der Zuschauer dem fiktiven Abendrot entgegen, stets im warmen Aufwind des – natürlich immer passgenauen – Scores von Paul Cantelon. An dieser wattierten Perfektion hat auch Hilary Swank, so überzeugend sie einerseits ist, maßgeblichen Anteil, denn all der Sanftmut, all die Großzügigkeit lassen auch jene Entscheidungen, die sie ihr Eheglück kosten, unvermeidlich und nur bedingt tragisch erscheinen. Nicht, dass Swank schlecht spielen würde, ganz im Gegenteil: Sie spielt so schmerzhaft perfekt, dass ihr Schicksal eben nicht wehtut. So kann der Zuschauer auch erst spät eine tiefgreifendere Verbindung zu den Figuren aufbauen, zu lange beobachtet er das Treiben auf der Leinwand aus einer angenehmen emotionalen Distanz – Ohrensesseldramatik, wenn man so will. Der Hang zur Überstilisierung setzt sich auch in den Nebenrollen fort, in denen Minnie Driver als kecke Freundin und Juliette Lewis als heruntergekommene Ex-Geliebte wiederum viel zu passgenau an ihr Image anschließen.

„Betty Anne Waters" ist beileibe kein schlechter Film, auch wenn der Glanz der Produktion und die handwerkliche Perfektion das Geschehen anfangs zu sehr entrücken. Erst mit zunehmender Spieldauer entwickelt man genügend Anteilnahme mit der Protagonistin und ihrem Bruder, um von ihrem Schicksal wirklich gerührt zu sein. Dann erst kann Tony Goldwyn seine Karten, einschließlich der beiden Trümpfe Sam Rockwell und Hilary Swank, voll ausspielen. Ein Beigeschmack bleibt dennoch: „Betty Anne Waters" ist schlichtweg zu unterhaltsam für ein Drama - ein wenig mehr Mut und weniger Konventionalismus hätten dem Film, bei dessen Produktion offensichtlich mit einem Auge stets in Richtung Oscars geschielt wurde, sicherlich gut getan.
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