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    The Irishman
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    The Irishman

    Gar nicht cool!

    Von Björn Becher
    Mehr als zehn Jahre versuchte Martin Scorsese vergeblich, das Sachbuch „I Heard You Paint Houses“ von Charles Brandt über den angeblichen Mafia-Killer Frank Sheeran und das spurlose, bis heute ungeklärte Verschwinden des mächtigen Gewerkschaftsbosses Jimmy Hoffa zu verfilmen. Bei den alteingesessenen Studios bekam er einfach die nötige Finanzierung nicht zusammen. Bis dann Netflix einsprang, angeblich 159 Millionen Dollar auf den Tisch legte und Scorsese einfach machen ließ. Wenn man sich den fertiggestellten „The Irishman“ nun anschaut, leuchtet dabei auch sofort ein, warum jedes traditionelle Hollywood-Studio einen solch großen Bogen um das Projekt gemacht hat.

    Das liegt nämlich weniger an der nur einige Minuten lang wirklich auffallenden, aber im Vorfeld viel diskutierten Technik, mit deren Hilfe die in die Jahre gekommenen Stars ihre Figuren in verschiedenen Altersstufen spielen können. Stattdessen geht es ganz allgemein um das Konzept des Films: Scorsese verweigert sich nämlich nicht nur einem klassischen Drei-Akt-Aufbau, sondern erhebt die Zähigkeit regelrecht zum Programm. Wo in seinen früheren Filmen wie „Casino“, „Departed: Unter Feinden“ und natürlich vor allem „GoodFellas“ das Gangsterdasein immer auch eine gewisse Coolness innewohnte, ist es hier ein dröges, langweiliges und vor allem (selbst-)zerstörerisches Handwerk. Passend dazu verzichtet Scorsese auch noch komplett auf Action. Mit durchaus bissigem Humor demaskiert er die Männer im Mittelpunkt der Geschichte. Der Gangsterabgesang ist so – nicht nur wegen der sehr stolzen Laufzeit – durchaus anstrengend, aber nichtsdestotrotz unbedingt sehenswert.

    Mafiosi, die von Kindern gemocht werden möchten.


    Der Lastwagenfahrer Frank Sheeran (Robert De Niro) verdient sich in den 1950er Jahren nebenbei ein wenig Geld, in dem er ein Teil des Edelfleisches von seiner Ladefläche unter der Hand an Mafiosi verkauft. Als er es dabei immer weiter übertreibt, fliegt er auf, doch der windige Anwalt Bill Bufalino (Ray Romano) haut ihn raus. Zudem stellt er Frank seinem Cousin vor: Russell Bufalino (Joe Pesci) ist der Kopf einer Mafiafamilie in Pennsylvania und versorgt den loyalen Iren Sheeran zunächst mit einfachen Jobs. Doch eines Tages fängt Sheeran an, für Bufalino „Häuser zu streichen“, also Morde zu begehen (bei denen das Blut der Opfer wie Farbe an die Wände spritzt).

    Die Mafia arbeitet eng mit der Gewerkschaft der Lastwagenfahrer und ihrem die riesigen Renten-Geldtöpfe der Arbeiter verwaltenden Boss Jimmy Hoffa (Al Pacino) zusammen. Russell macht Frank zum Mann an Hoffas Seite, eine Art Bodyguard und Vertrauter. Doch als John F. Kennedy 1961 das Präsidentenamt antritt, fängt die Beziehung zwischen dem Lastwagenfahrerboss und der Mafia an zu bröckeln. Denn die Italiener hievten mit ihrem Geld JFK ins Weiße Haus, doch dessen Bruder und Justizminister Robert (Jack Huston) macht nun trotzdem Jagd auf den korrupten Gewerkschaftler. Immer deutlicher werden die Spannungen zwischen der Mafia und dem sich für unantastbar und übermächtig haltenden Hoffa – und Frank sitzt zwischen den Stühlen. Denn sowohl Bufalino als auch Hoffa sind für ihn längst nicht mehr nur Mentoren, sondern auch Freunde…

    Doppelt hält besser


    Martin Scorsese versieht „The Irishman“ gleich mit einer doppelten Rahmenhandlung: Da sitzt einmal der mehr als 80 Jahre alte Frank Sheeran vereinsamt in einem Altersheim und denkt über sein Leben nach. Die zweite Rahmenhandlung ist ein Road-Trip quer durch die USA, den der mehr als 60 Jahre alte Sheeran, sein Mentor Russell Bufalino und ihre Ehefrauen gemeinsam unternehmen – offiziell zu einer Hochzeit, doch wer sich mit der Geschichte auskennt, ahnt schnell, auf welches zwar historisch nicht bestätigte, aber von Scorsese als real präsentierte Ereignis diese Reise zusteuert.

    In Rückblenden wird unterdessen die eigentliche Geschichte erzählt, wobei die Klammer mehr als eine handlungsrahmende Funktion hat: Sie unterstreicht auch die Kernaussagen von Scorsese, denn die Altersheim-Episode illustriert mit dramatischem Effekt, wie wenig cool und ertragsreich das Gangsterleben für diesen nun allein im Rollstuhl vor sich hinvegetierenden Mann war. Der Road-Trip macht denselben Punkt hingegen auf augenzwinkernde Weise deutlich: Da beobachtet die übrigens grandiose Kamera von Rodrigo Prieto („Brokeback Mountain“) den großen Mafia-Boss Bufalino, der nicht einmal ein Rauchverbot im Auto durchsetzen kann und immer wieder untätig am Straßenrand herumstehen muss, wenn die Frauen mal wieder auf eine Pause bestehen.

    Eine Diskussion unter Freunden.


    „The Irishman“ ist eine knallharte Demaskierung des Gangsterlebens. Wenn etwa neue Nebenfiguren auftauchen, wird schon ihre Vorstellung mit einer kurzen Bildunterschrift versehen, wann und wie sie später einmal ihr Ende finden werden. Und das ist meist alles andere als schön: Verbrechen lohnt sich eben nicht! Daneben entlarvt Scorsese die Gangster immer wieder als einsam. Familien wenden sich ab, echte Freundschaften gibt es nur wenige, da können noch so viele Gäste zu jeder Feier kommen und einem zulächeln. Fast schon absurd wirken die hilflosen Versuche von Bufalino, Sheerans Töchter dazu zu bringen, ihn zu mögen. Aber selbst sein Patenkind geht zu ihm auf Distanz.

    Diesen Charakter eines Schwanengesangs unterstreicht Scorsese zudem, indem er dem Gangsterleben konsequent jede Form von Coolness entzieht, weshalb der Film bisweilen auch etwas zäher und dröger als etwa „GoodFellas“ wirkt. Am Ende sitzen halt auch die Mafia-Bosse viel da und reden dummes Zeug. Das ist wenig aufregend (oder zumindest weniger aufregend, als es uns Hollywood in „Scarface“, „Der Pate“ und Co. immer wieder glauben machen wollte) – und genau so zeigt es Scorsese auch. Aber bevor „The Irishman“ tatsächlich zu langweilen droht, findet Scorsese doch immer auflockernde Momente. So ist „The Irishman“ auch überraschend humorvoll, etwa wenn sich Scorsese genüsslich über die teils absurden Formulierungen oder die dahingenuschelten Worte der Mafiosi lustig macht.

    Nach dem Kopfschuss zum Minigolf


    Auf Action verzichtet Scorsese hingegen konsequent: Die zahlreichen Morde von Sheeran sind daher zwar ausgesprochen brutale, aber auch nur wenig Sekunden kurze Einschübe – zwei Schüsse in den Kopf, spritzendes Blut, Waffe entsorgen und weiter geht es mit dem eigentlichen, wenig glamourösen Leben auf dem Minigolfplatz oder der Bowlingbahn. Selbst die Spannungsschraube zieht Scorsese nie wirklich kräftig an. Zum einen versucht er gar nicht erst, Sheeran als irgendeine Art von Identifikationsfigur aufzubauen, zum anderen bringt er ihn auch kaum einmal in bedrohliche Lagen.

    Zum Konzept des Filmemachers gehört es auch, dass er dem Zuschauer immer wieder bewusst die Orientierung raubt, indem er etwa nicht immer klar macht, wie viele Jahre jetzt gerade wieder verstrichen sind. Bis auf eine markante Schlüsselstelle verzichtet Scorsese zum Beispiel auf konkrete Datumsangaben zu Beginn einer Szene. Stattdessen überlässt er es dem Zuschauer, sich selbst zurechtzufinden und gibt ihm dabei vor allem im Hintergrund ablaufende TV-Nachrichten als Hinweise. Und natürlich das Erscheinungsbild der Hauptdarsteller.

    Die Figuren staunen über die Nachrichten. Wir wissen, wann der Film spielt.


    Viel wurde im Vorfeld über die Verjüngungstechnik berichtet und diskutiert. Selbst Scorsese-Vertraute äußerten die Befürchtung, dass ein Fehler an dieser Stelle den ganzen Film ruinieren könnte. Doch in Wahrheit spielt die Technik nun eine überraschend kleine Rolle: Ja, De Niro als junger, Kriegsverbrechen begehender Soldat in seinen Zwanzigern und als Fleisch stehlender Truckfahrer Mitte 30 ist gewöhnungsbedürftig und die Technik ist noch immer längst nicht perfekt. Doch das sind einmal ein paar Sekunden, einmal ein paar Minuten in einem dreieinhalb Stunden langen Epos.

    Die meiste Zeit über sind die Figuren allerdings deutlich älter. In diesen Szenen wird die Technik so subtil eingesetzt, dass sie schnell vergessen wird und man gar nicht mehr dran denkt, dass De Niro ja mittlerweile schon Mitte 70 und nicht mehr Mitte 50 ist. Am befremdlichsten ist da am Ende eher, dass Pescis Bufalino immer wieder De Niros Sheeran wie einen Sohn behandelt, obwohl beide Darsteller im wahren Leben ja in einer Altersklasse sind.

    Keine Überraschung: Der Cast ist grandios!


    Dass die Technik kaum eine Rolle spielt und die meisten Zuschauer sie schnell komplett vergessen haben dürften, hat auch mit den sensationellen Darstellern zu tun. Erst einmal muss man ganz allgemein loben, wie perfekt selbst kleinste Nebenrollen gecastet sind – von Comedian Ray Romano als redseliger Anwalt über Schauspiellegende Harvey Keitel und „Breaking Bad“-Fiesling Jesse Plemons bis hin zu zahlreichen schon aus Scorseses Mafia-Serie „Boardwalk Empire“ bekannten Darstellern wie Stephen Graham, Domenick Lombardozzi, Jack Huston oder Bobby Cannavale.

    Aber natürlich sind es am Ende die drei großen Stars im Zentrum, denen das meiste Lob gebührt – und man weiß gar nicht so recht, wen man denn da nun besonders herausstellen soll: Robert De Niro (Oscars für „Der Pate 2“ und „Wie ein wilder Stier“), der in jeder Szene ist, den Film trägt, seiner Figur so unglaublich viele Facetten verleiht? Joe Pesci (Oscar für „GoodFellas“), der einmal mehr diese ganz besondere Präsenz hat, diese Mischung aus ernster Bedrohlichkeit und komischer Leichtigkeit, die man in dieser Form nur von ihm kennt? Oder doch Al Pacino (Oscar für „Der Duft der Frauen“), der nun doch noch zum allerersten Mal für Scorsese vor der Kamera steht und dabei an den meisten der herausragenden Momenten beteiligt ist? Denn im Gegensatz zu den meist eher zurückgenommen spielenden De Niro und Pesci darf Pacino dem Affen so richtig Zucker geben und als Jimmy Hoffa wunderbar poltern und brüllen.

    Nach dem Präsidenten der mächtigste Mann Amerikas: Jimmy Hoffa.


    Am Ende sind einfach alle drei sensationell. Aber statt sie hier mit noch mehr (berechtigtem) Lob zu übergießen, sollen an dieser Stelle daher noch ein paar Worte über eine Schauspielerin verloren werden, die viele Zuschauer womöglich sogar übersehen werden, deren Figur am Ende aber die einzige ist, die Scorsese zumindest mit einem Hauch von Sympathie zeichnet: Anna Paquin („True Blood“) hat nur wenige Minuten Leinwandzeit und füllt diese fast nur mit stechenden Blicken (teils aus dem Szenenhintergrund) aus. Trotzdem ist sie für den Film unglaublich wichtig. Denn sie verkörpert das Symbol für die Kernaussage des Films über alte Männer, die einfach nur zerstören und am Ende vor einem Scherbenhaufen stehen, den man nicht mehr kitten kann.

    Fazit: Mit „The Irishman“ dekonstruiert Martin Scorsese den von ihm selbst über Jahrzehnte maßgeblich mitbefeuerten Mafia-Mythos. Das ist lang, bisweilen sogar zäh, aber insgesamt vor allem saustark.

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