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Copacabana
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Copacabana
Von Sophie Charlotte Rieger
Eine flippige Mutter, die ihre pubertierende Tochter zum Geburtstag mit der ganzen Clique in die Disco ausführt, ist ziemlich cool. Weniger cool ist genau diese Mutter, wenn sie sich in ihrer naiven Unbeschwertheit von der inzwischen erwachsenen Tochter finanziell aushalten lässt. Deshalb ist „Copacabana" von Regisseur Marc Fitoussi auch mehr als einfach nur eine locker-leichte französisch-belgische Komödie. Mit viel Einfühlungsvermögen und der tatkräftigen Unterstützung des großartig aufspielenden tatsächlichen Mutter-Tochter-Gespanns Isabelle Huppert/Lolita Chammah lässt der Filmemacher den altbekannten Generationenkonflikt in einem neuen Licht erscheinen: Statt der Tochter steht nun die Mutter im Zentrum einer klassischen Coming-of-Age-Geschichte. „Copacabana" ist ein berührender und über weite Strecken rundum überzeugender Film – etwas frustrierend ist hier bloß, wie arg schlicht Fitoussi seine eigentlich so differenzierte Erzählung auflöst.

Babou (Isabelle Huppert) sprüht vor Energie und Optimismus. So stört es sie auch kaum, dass es ihre 22-jährige Tochter Esméralda (Lolita Chammah) ist, die den Lebensunterhalt besorgt. Erst als Esméralda von ihren Hochzeitsplänen berichtet und ihre Mutter bittet, zu diesem Ereignis nicht zu erscheinen, merkt Babou, dass es Zeit für eine Veränderung ist. Mit einem Immobilienmakler-Job im stürmischen Ostende möchte sie den Respekt ihrer Tochter zurückgewinnen. So richtig gelingt es der unkonventionellen Babou jedoch nicht, sich in das konservative Arbeitsumfeld zwischen ihren biederen Kolleginnen einzufühlen. Und auch die tiefe Zuneigung des gutmütigen Bart (Jurgen Delnaet) passt der freiheitsliebenden Babou nicht so recht ins Konzept. Mit ihren Tagträumen von einem Leben an der Copacabana lenkt sie sich vom Alltagstress ab und bleibt optimistisch, genug Geld verdienen zu können, um die Hochzeit der Tochter zu bezahlen. Doch die nächste Katastrophe ist schon vorprogrammiert...

Marc Fitoussi hat seine Hauptrollen ausgezeichnet besetzt. Nicht nur, dass der Part der Babou wie geschaffen ist für Isabelle Huppert („8 Frauen", „Die Klavierspielerin") – der Regisseur konnte für die Rolle der Esméralda auch Hupperts eigene Tochter, Lolita Chammah („Leb wohl, meine Königin!"), gewinnen. Dass die Darstellung des Mutter-Tochter-Konflikts so überzeugend gelungen ist, darf guten Gewissens auch auf diese reale Beziehung der beiden Darstellerinnen zurückgeführt werden. Mit dem tristen Ostende hat Fitoussi darüber hinaus einen atmosphärischen Spielort gewählt, der einen interessanten Kontrast zur kunterbunten Babou darstellt. In knalligen Blau- und Grüntönen tänzelt sie beschwingt durch das triste Örtchen und versucht untertemperierte Anwohner und skeptische Touristen von ihrer Time-Share-Immobilie zu überzeugen. Dabei stellt insbesondere das kühle Apartmentgebäude des Arbeitgebers einen starken Widerspruch zu Babous eigener Wohnung dar, deren warme Farben und kitschig-verspielte Ausstattung den Charakter ihrer Besitzerin eins zu eins widerspiegeln.

Inmitten dieser fröhlichen und unbeschwerten Welt wirkt Esméralda wie das konservative Gegenstück ihrer Mutter. Schnell wird deutlich, dass ihre Pläne, ein vorbildliches bürgerliches Leben zu führen, nicht frei sind von einem Rest jugendlicher Rebellion. Der jungen Frau fällt es keineswegs leicht, mit ihrer ungewöhnlichen Mutter umzugehen, sich abzugrenzen und doch ein liebevolles Verhältnis aufrechtzuerhalten. Das Beziehungsgefüge der beiden wird in all seiner Komplexität dargestellt, ohne es übermäßig zu dramatisieren. Mutter-Tochter-Konflikte wurden nicht nur im klassischen Hollywood-Kino, in Filmen wie „Solange ein Herz schlägt" oder „Solange es Menschen gibt", gern melodramatisch zugespitzt. Davon sind wir hier weit entfernt, denn Fitoussi erzählt seine Geschichte eher zurückhaltend und vermittelt doch jede Menge Sympathie und Mitgefühl für Babou. Deren Problem ist keineswegs mangelnde Nächstenliebe – aber ihre Weigerung, sich den Normen einer geordneten Gesellschaft anzupassen, lässt sie dennoch stets einsam bleiben.

Fitoussi bringt all seinen Figuren das gleiche Maß an Respekt entgegen. Auch wenn Babou durch ihre quirlige Art zum Schmunzeln anregt, erscheint sie niemals lächerlich. Der Regisseur fällt kein Urteil über den einen oder anderen Lebensstil, sondern gesteht allen gleichermaßen das Recht zu, ihren Weg selbst zu wählen und zu bestreiten. Gerade durch die Nebeneinanderstellung ganz verschiedener Typen – von der knallharten Marketingleiterin bis hin zu sorglosen Travelern – leitet er die Frage nach der adäquaten Lebensweise zurück an sein Publikum. Das ist lange Zeit hochinteressant – im letzten Akt verliert sich Fitoussi jedoch zu oft in Nebensächlichkeiten, statt seine Erzählung kontinuierlich zuzuspitzen. Und das Finale ist zwiespältig, es bleibt die Frage nach der Moral der Geschichte: Soll Geld wirklich die Lösung aller Probleme sein?

Fazit: „Copacabana" ist die berührende Geschichte einer Mutter, die ihrer Tochter zuliebe erwachsen werden will. Mit Respekt vor seinen glaubwürdigen Figuren zeigt Regisseur Marc Fitoussi einen komplexen Konflikt, dessen Lösung allerdings allzu einfach ausfällt.
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