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    Im Rausch der Sterne
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Im Rausch der Sterne
    Von Frank Schnelle
    Die Exposition mit ihrem raffinierten Ineinander von Rückblick und Neuanfang ist ein durchaus appetitanregendes Horsd’œuvre. Während Adam Jones seine Vergangenheit skizziert, ein steiles Auf und Ab zwischen Obsession und Exzess, schreibt der Ex-Starkoch immer wieder Zahlenreihen in sein Notizbuch und streicht sie wieder durch. Sollte es sich dabei um Telefonnummern handeln? Um chiffrierte Rezepte womöglich? Oder gar um wirre Botschaften? Nein, es ist die Chronik von Adams Bußetaten, die er sich als Strafe für seine Sünden auferlegt hat. Er führt Buch über jene Austern, die er als Hilfsarbeiter in einem mexikanischen Restaurant knackt; eine Million und keine weniger, erst dann kann das neue Leben beginnen. Treffender hätten Regisseur John Wells und Autor Steven Knight („Madame Mallory und der Duft von Curry“) ihren Helden kaum einführen können. Dieser von Bradley Cooper („American Sniper“) etwas zu angestrengt mit Ambition und Charisma ausgestattete Adam ist ein ambivalenter Zwangscharakter, besessen, introvertiert, töricht. Und etwas überkonstruiert: eine Figur, die vor lauter Sprüngen und Schwankungen nie so recht lebendig werden mag. Folglich kann die weitere Menüfolge der Tragikomödie „Im Rausch der Sterne“ das hohe Anfangsniveau nicht halten – zu zahlreich sind die Zutaten und zu unausgewogen ist die Komposition.

    Nach zwei Jahren in der selbstgewählten Verbannung kommt Chefkoch Adam Jones (Bradley Cooper) nach London, um neu durchzustarten. Einst gefeiertes Enfant terrible der Pariser Gastroszene mit ungesundem Drang zu Sex, Drugs & Rock’n’Roll, ist er inzwischen clean – und fokussiert auf nur ein Ziel: den dritten Michelin-Stern. Dazu schart er eine Truppe von alten Weggefährten und neuen Mitstreitern um sich: den bislang wenig erfolgreichen Restaurantbesitzer Tony (Daniel Brühl), den Ex-Kollegen Michel (Omar Sy), der noch eine Rechnung mit Adam offen hat, und nicht zuletzt die talentierte Köchin und Single-Mutter Helene (Sienna Miller), die erst wenig von Adam hält, seinem hartnäckigen Werben aber schließlich nachgibt – in professioneller wie privater Hinsicht. Adams Fähigkeiten als Koch sind unbestritten, als Führungskraft ist er dagegen eine Niete. Immer wieder düpiert er das Team mit seinem jähzornigen Temperament, sorgt für Rückschläge und negative Schlagzeilen. Nebenbei muss er sich mit seinen Gläubigern herumschlagen, denen er viel Geld schuldet ...


    Mit seiner dritten Regiearbeit nach „Company Men“ und „Im August in Osage County“ demonstriert John Wells thematische wie stilistische Vielseitigkeit. Wenn es überhaupt Verbindungslinien in diesem Trio gibt, dann sind es die großen Ensembles; auch im Kino bleibt der Produzent von „Emergency Room“ und „The West Wing“ offenbar ein Serienmann, der lieber in die Breite als in die Tiefe erzählt. Wie im überbordenden Familiendrama „Osage County“ sind in „Im Rausch der Sterne“ eine unübersichtliche Menge von Charakteren und Geschichten versammelt, wobei es aber nicht gelingt, den Figuren emotionale Wahrhaftigkeit zu verschaffen und ein schlüssiges Ganzes zu entwickeln. Neben die etwas spröde Liebesgeschichte mit der unterbeschäftigten Sienna Miller („Black Mass“) und das wesentlich faszinierendere kollegiale Hickhack mit dem hübsch verkniffenen Daniel Brühl („Rush“) stellen Wells und Knight Begegnungen mit Adams Therapeutin (Emma Thompson), einer alten Liebe (Alicia Vikander), einem verhassten Konkurrenten (Matthew Rhys) und den Schergen der französischen Mafia. Adam hetzt von Höhepunkt zu Höhepunkt und bleibt trotzdem oder gerade deshalb eine seltsam flache Figur.

    Hier wird alles auf großer Flamme gekocht, man spart nicht an kräftiger Würze und erlesenen Zutaten, aber das Resultat ist alles andere als Gourmetkost. Es bleiben nur die schillernden Oberflächen: Adams coole Rockstar-Attitüde -  er trägt eine Lederjacke und fährt ein geklautes Motorrad; die illustren Locations zwischen klassischem Nobel-Chic und dem spacigen Ambiente der modernen Edelküchen; und vor allem die schier endlose Folge erlesen drapierter und perfekt ausgeleuchteter Speisen, die Appetit machen auf mehr.

    Fazit: „Im Rausch der Sterne“ ist hochkarätig besetzt und ansehnlich inszeniert, leidet aber unter einem unausgegorenen Drehbuch und einem Mangel an echter Emotion.
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