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    Solaris
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Solaris
    Von Christian Schön
    „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein." – Friedrich Nietzsche, Aphorismen

    Die Filmgeschichte ist voller Geschichten, in denen Menschen mit dem Neuen und dem Unbekannten konfrontiert sind. Ob es sich dabei um Monster, Aliens oder Vampire handelt, oder unbekannte, unerforschte Orte wie den Mond, das innere der Erde oder einfach nur wilde Natur – das Spektrum der Reaktionen der Menschen lässt im Grunde nur zwei Verhaltensweisen zu: Entweder man hat Angst und bekämpft das Fremde oder Neugierde und Forscherdrang werden zur Triebfeder von Expeditionen und Aufklärungsmissionen. Der Effekt ist jeweils der Gleiche. Entweder befriedigt genügend Wissen über einen Sachverhalt die Angst davor, oder die Zerstörung der Gefahrenquelle sorgt für Ruhe. Das Science-Fiction-Genre wartet mit beiden Möglichkeiten auf. Die Menschen sind entweder mit einer fremdartigen Lebensform (Ridley Scotts Alien) oder mit einem außerirdischem Phänomen konfrontiert, wie dem rätselhaften Monolithen in Kubricks 2001 - Odyssee im Weltraum. Von einem Großmeister der Science-Fiction-Literatur – dem polnischem Autor Stanislaw Lem – stammt die Vorlage für Andrej Tarkowskijs „Solaris“, an dem ebenso wenig ein Weg vorbeiführt wie an den beiden zuvor genannten Filmen.

    Die Reise des Psychologen Kris Kelvin (Donatas Banionis) beginnt auf der Erde. Er wurde ausgewählt, um auf der Raumstation, die um den Planeten Solaris kreist, nach dem Rechten zu sehen, da man von dort keine sinnvollen Nachrichten mehr bekommt. Solaris ist ein Planet, dessen Oberfläche vollständig von einem Ozean bedeckt ist. Es wird angenommen, dieser könne denken und hätte womöglich noch mehr Fähigkeiten, von denen noch nichts bekannt ist. Vor seiner Abreise besucht Kris sein Elternhaus, um Abschied zu nehmen. Sein Vater (Nikolai Grinko) hat den befreundeten Astronauten Berton (Wladislaw Dwortschezki) eingeladen, in der Ansicht, dessen Erfahrungen auf seiner Mission zu Solaris könnten seinem Sprössling von Nutzen sein. Die phantastische Geschichte die Berton von seinen Erlebnissen auf Solaris zu berichten hat, stößt bei Kris allerdings auf taube Ohren. Zu unglaubwürdig klingen die Dinge, die sich dort ereignet haben sollen. Recht unvermittelt trifft Kris darauf in der Forschungsstation ein. Was er dort vorfindet, ist ein verwahrloster, dem Untergang geweihter Ort. Der Psychologe hatte erhofft, in der Raumstation auf drei Wissenschaftler zu treffen. Von diesen hat sich einer, mit dem Kris früher befreundet war, überraschend das Leben genommen. Einer der beiden noch verbleibenden Wissenschaftler ist der Kybernetiker Snaut (Juri Järvet), der jedoch den Verstand zu verloren haben scheint. Als Kris ihn auf seine Verwirrtheit anspricht, meint Snaut jedoch, dass die Erklärung Verrücktheit „geradezu eine Erlösung wäre“! Der zweite verbleibende Bewohner ist Sartorius (Anatoli Solonizyn). Dieser hat sich zurückgezogen und zieht es vor, am liebsten mit niemandem zu sprechen. Die Raumstation beherbergt aber auch Gäste, mit denen Kris nicht gerechnet hat, wie zum Beispiel ein kleines Mädchen, das rastlos durch die Gänge der Station rennt, und einen Kleinwüchsigen, der von Sartorius im Labor gefangen gehalten wird. Auf sein Nachfragen hin erfährt Kris, dass Solaris mit Röntgenstrahlung beschossen wurde, und der Planet darauf geantwortet habe, indem er Bewusstseinsinhalte der Menschen materialisiere. Nach der ersten Nacht an Bord erwacht Kris und sieht in seinem Raum eine junge Frau. Er erkennt in ihr seine frühere Ehefrau, die sich eigentlich vor zehn Jahren das Leben genommen hat…

    Wenn man heutzutage dem Film „Solaris“ begegnet, geschieht dies zumeist in der deutschen Synchronfassung. Diese ist, gelinde ausgedrückt, dürftig und es bedürfte längst einer Neubearbeitung. Die Beurteilung der schauspielerischen Leistung und der Tongestaltung fällt deswegen negativ ins Gewicht. Die Figuren wirken bisweilen holzschnittartig und unemotional. In extremen Fällen wirkt die Stimmmodulation im Verhältnis zur Gestik und Mimik bizarr, wenn nicht gar komisch. Das erhältliche russische Original mit englischen Untertiteln bietet da ein völlig anderes Bild, das die Qualität des Films in einem ganz anderen Licht erstrahlen lässt.

    Die Ästhetik des Hollywoodkinos prägt Sehgewohnheiten dahingehend die Zuschauer mit, schlicht ausgedrückt, schönen Bildern, stringenter Erzähllogik, Stars und Sternchen zu versorgen. Im Science-Fiction-Bereich gehören hier seit langem Special Effects und jüngst Computersimulationen zum guten Ton. Trifft man zum ersten Mal auf einen Film aus dem Oeuvre Tarkowskijs, befindet man sich in einer ähnlichen Lage, wie die Forscher, die Solaris untersuchen wollen: Man steht vor einem Rätsel, das es zu verstehen gilt. Mit trickreichen, visionären Bildern des Weltalls, von Raumschiffen oder Raumfahrten kann „Solaris“ nicht dienen, will dies aber auch gar nicht. Nicht ohne Grund wird gerade ein Psychologe zur Raumstation geschickt! Mit Befremden und Ratlosigkeit stellen sich beim Sehen mitunter Fragen nach dem Sinn bestimmter Sequenzen und verwendeter Techniken (Wechsel von Farb- zu Schwarz-Weiß-Filmmaterial) ein, die sich nicht aus sich selbst heraus erklären, indem sie zum Beispiel in den konkreten narrativen Zusammenhang eingebunden wären. Tarkowskij hat sehr früh zu einer ausgereiften Filmsprache gefunden, der er im Lauf der sieben Langfilme, die unter seiner Regie entstanden sind, treu geblieben ist. Konkret bedeutet das, dass der Zuschauer gefordert ist, Zusammenhänge herzustellen und Bedeutung zu konstruieren.

    Es gibt Motive, die alle Filme von Tarkowskij durchziehen. Eines der wichtigsten ist das Spiegelmotiv. Der Film, den Tarkowskij nach „Solaris“ realisiert hat, trägt sogar den Titel Der Spiegel, und spielt ebenfalls mit den Kategorien der Spiegelung beziehungsweise Reflexion. Wir sehen zu Beginn des Films „Solaris“ Bilder von Wasser – in fließender und stillstehender Form – und erfahren, dass sich Kris für gewöhnlich mehrere Stunden pro Tag am Wasser aufhält. Solaris ist von einem Ozean bedeckt, wobei die Zukunft der Erforschung dieses Gewässers in den Händen von Kris liegt. Ein ganzes Netz von Bezügen tut sich auf: Das Wasser verbindet zunächst zwei Planeten miteinander: die Erde und Solaris. Das Wasser ist zudem das Symbol des Lebens. Das Leben auf der Erde kommt bekanntlich aus dem Wasser, und aus dem Wasser von Solaris entsteht ebenfalls Leben, in Form der materialisierten Wesen, die in der Raumstation auftauchen. Blickt man hingegen auf der Erde in ein Gewässer, schaut man in sein eigenes gespiegeltes Gesicht. Tarkowskij hat einmal geäußert: „Möge jeder, der dies wünscht, sich meine Filme wie einen Spiegel anschauen, in dem er sich selber erblickt.“ Der Planet Solaris selbst wird damit zum materialisierten Bild für Tarkowskijs poethologisches Prinzip.

    Allerdings hält man mit diesem Grundprinzip tarkowskijscher Werke keinen Schlüssel zum Enträtseln aller Ungereimtheiten in der Hand. Vielmehr handelt es sich um einen Zugang von vielen. Wahrscheinlich bleibt man letzten Endes doch ohne Orientierung, wie die Besucher der Zone in Stalker. Die vielen Zugänge und unendlichen Möglichkeiten der Bedeutung, die jeder Betrachter selbst erzeugt, führen dazu, dass die Beschäftigung mit „Solaris“, und den Fragen, die er aufwirft, nie aufhört, da nur jeder persönlich zu einem eigenen Schluss, seiner eigenen Projektion kommen kann, ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Nicht nur, dass jeder Kinobesucher eigene Erfahrungen im Gepäck hat, es ist auch so, dass jeder einen Film in einem zeitlichen Abstand noch mal ansehen kann, und ihn neu sehen wird, da auch seine Erfahrungen sich in der Zwischenzeit verändert haben werden. Den angestrebten, stabilen Status quo, der in den meisten Science-Fiction-Filmen wiederhergestellt werden soll, für den gekämpft wird, gibt es in der Kunstauffassung Tarkowskijs nicht. Alles ist der permanenten Verwandlung unterworfen.

    Wenn Stanley Kubrick mit „2001 – Odyssee im Weltraum“ die erste und einzige Weltraumoper geschaffen hat, so präsentiert das russische Pendant „Solaris“ das erste tiefgründig melancholische Weltraumrequiem.
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